Gossenberg
Landmaschinen

Nützliche Exoten im Verkehr

Zum Beginn der Maisernte werben die Landwirte um das Verständnis für die überbreiten Fahrzeuge auf den Straßen. Aus Mais-Häcksel wird im Silo Tierfutter.
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Ab sofort wird in der Region wieder Mais geerntet. Wie hier auf dem Feld von Wolfgang Schultheiß kurz vor Gossenberg sind große Feldhäcksler sowie Traktoren mit Anhängern im Einsatz.  Foto: Bettina Knauth
Ab sofort wird in der Region wieder Mais geerntet. Wie hier auf dem Feld von Wolfgang Schultheiß kurz vor Gossenberg sind große Feldhäcksler sowie Traktoren mit Anhängern im Einsatz. Foto: Bettina Knauth
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Von Anfang September bis Ende Oktober sind sie wieder unterwegs: Häcksler und Abfahrgespanne für die Maisernte. Für viele Landwirte unverzichtbar, stellen die selbstfahrenden Feldhäcksler im Straßenverkehr oft ein schwer überwindbares Hindernis dar. Obendrein bringen die zur Ernte benötigten Fahrzeuge häufig Dreck vom Feld auf die Straßen. Bei einem Pressetermin warben führende Repräsentanten des Bayerischen Bauernverbandes aus dem Landkreis Coburg am Montagnachmittag um Verständnis und gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer.

Marius Steiner aus Blumenrod ist einer der Lohnunternehmer, der für die Landwirte den als Futtermittel benötigten Mais erntet. Rund 50 Stammkunden wollen in den zwei Monaten bedient werden. Beim Umsetzen von einem Einsatzort zum anderen muss Steiner seinen mit 3,29 Metern überbreiten Häcksler vorsichtig über die Straßen steuern. Überholen: schwierig.


Oft wenig Verständnis

Obwohl Autofahrer sicherlich gern das Erntefahrzeug schnellstmöglich hinter sich lassen würden, tuckert Steiners Häcksler trotz seiner rund 700 PS bei einem Gewicht von 17 Tonnen doch nur mit höchstens 40 Stundenkilometer durch die Gegend. Die Reaktionen von Autofahrern, denen er auf dem Weg zu den Kunden in den Landkreisen Coburg, Lichtenfels, Kronach oder in Südthüringen in die Quere kommt, sind nicht immer freundlich: "Einen ausgestreckten Mittelfinger oder einen Finger an der Schläfe sehe ich öfter", schildert Steiner.
Am Montag war Steiner in Gossenberg im Einsatz. Etwas vorzeitig hat auf dem Hof von Wolfgang Schultheiß die Maisernte begonnen. "Die Körner haben zwar die Reife, aber für die Stängel kommt die Ernte noch etwas früh", informiert Kreisobmann Martin Flohrschütz. Doch im Silo wird der Mais für einen gesunden Futtermix gebraucht. "Wenn wir nur Gras füttern, bekommen die Kühe Durchfall", schildert Flohrschütz' Stellvertreter Schultheiß. Deshalb wird nun das bereits vier Wochen im Silo lagernde Gras durch den frisch abgeernteten Mais zugeschüttet.

"Anders als Gras können wir den Mais sofort verfüttern", berichtet der Hausherr. Hundert Milchkühe halten die Schultheiß. Pro Tag frisst jede Kuh rund 30 kg der Sandwich-Silage aus 55 Prozent Gras und 45 Prozent Mais. Der Gastgeber rechnet vor: "Ein Silo reicht für fünf Monate." Ist das erste, 1200 Kubikmeter fassende Silo aufgebraucht, wird der "Schichtsalat" (Martin Flohrschütz) im zweiten Silo in Angriff genommen.

Jeder Hektar Maisfeld liefert Schultheiß voraussichtlich rund 75 Kubikmeter Silomais. "Unschlagbar" nennt der Landwirt die Rentabilität des zukünftigen Tierfutters, an den Mais komme etwa der Weizen nicht heran. Warum, erläutert der Coburger BBV-Geschäftsführer Hans-Jürgen Rebelein: "Mais kommt am besten mit dem Klimawandel zurecht, liefert guten Ertrag und weist eine gute Energiebilanz auf, weil er viel Kohlendioxid aufnimmt und viel Sauerstoff abgibt." Der Kreisobmann sieht den Mais zu Unrecht in der Kritik stehen: "Es hat ja seinen Grund, dass wir Mais anbauen", betont Flohrschütz. Alle rechnen mit einer sehr guten Ernte.

Doch das für die Silage optimale Zerkleinern des Maises verursacht auch Dreck. "Natürlich bemühen wir uns, möglichst wenig wertvollen Boden vom Feld auf die Wiese zu bringen", sagt Flohrschütz, doch seien die Äcker derzeit mit Wasser gesättigt, Tau und Nebel täten ihr übriges. Das Resultat: "Der Dreck wird einfach hinausgehauen." Zwar seien die Landwirte verpflichtet die Erntespuren zu beseitigen, doch könne "nicht jeder Brocken gleich weggeräumt werden", bittet Kreisbäuerin Heidi Bauersachs um Nachsicht.


450 000 Euro teure Maschine

Wird das frisch geschnittene Material zügig abtransportiert, schafft Lohnunternehmer Steiner 25 bis 30 Hektar am Tag, das macht rund 150 Tonnen oder drei Hektar pro Stunde. Für die größeren Kunden bringt er bis zu 100 000 Hektar Mais auf die zum Einsilieren richtige Länge.

Damit sich der Einsatz seiner drei je 450 000 Euro teuren Maschinen lohnt, muss jede bis zu 700 000 Hektar Mais abernten. "Früher konnte man für den Preis eines Häckslers ein Einfamilienhaus erwerben, heute bekommt man dafür schon zwei Häuser", seufzt Steiner. Allerdings schaffen die Maschinen heute auch mehr auf einmal: Zehn Reihen Mais erfasst der Häcksler in einem Durchgang. Dazu bringt er es auf die stolze Arbeitsbreite von 7,50 Meter. Parallel sind die Reifen immer breiter geworden. "Breite Reifen verursachen weniger Bodendruck pro Quadratzentimeter Aufstandsfläche", erklärt Flohrschütz. Er fügt an: "Für den Straßenverkehr sind solche Maschinen jedoch Exoten." Es handelt sich um Schwerlastfahrzeuge, für die Steiner und seine Kollegen Ausnahmegenehmigungen beim jeweiligen Landratsamt beantragen müssen.

Beim nächsten Antrag muss Steiner wohl auch im Coburger Land ein Begleitfahrzeug stellen, weiß Rebelein. Das macht die Arbeit für den Lohnunternehmer nicht einfacher: "Im Verbund sind die langsamen Fahrzeuge noch schlechter zu überholen", so Steiner.

Einen Tipp hat er noch: die Fahrzeuglenker sollten nicht ausgerechnet am Leitpfosten auf die entgegenkommenden Landmaschinen warten: "Dort kommen wir mit Sicherheit nicht aneinander vorbei."
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