Bad Rodach
Brauchtum

Nachtwächter hatten in Bad Rodach ein musikalisches Treffen

Zum 35. Jubiläum verband ein Bad Rodacher Nachtwächter Beruf und Hobby. Er gab mehr als Verse zum Besten. Auch Zunft-Kollegen waren angereist.
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Christian-Andreas Engelhardt sang nicht nur, er blies auch kräftig ins Horn. Foto: Bettina Knauth
Christian-Andreas Engelhardt sang nicht nur, er blies auch kräftig ins Horn. Foto: Bettina Knauth
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Die große Bühne ist er gewohnt: Christian-Andreas Engelhardt gibt den Tenor am Viersparten-Theater in Bremen. Seit der Spielzeit 2007/08 bereits ist er in der Hansestadt im Nordwesten der Republik engagiert. In der vergangenen Spielzeit wirkte Engelhardt in Peter Grimes, Werther sowie als Tambourmajor in Wozzeck mit. Im Herbst wird er die Titelrolle in Candide von Leonard Bernstein übernehmen.

Da Engelhardt derzeit Theaterferien hat, hat er Zeit, seiner liebsten Nebenbeschäftigung zu frönen: Als Nachtwächter unterstützt der 37-Jährige seit fast 15 Jahren seinen Vater Karl-Heinz und weitere Zunftmitglieder in Bad Rodach, wann immer es ihm sein Beruf erlaubt. Am Donnerstagabend schlüpften die Engelhardts wieder in ihre schwarzen Kutten, hängten sich das Horn um den Hals, setzten sich den Hut auf und nahmen Hellebarde und Laterne zur Hand. Hätte das Wetter mitgespielt, wären sie gemeinsam mit Nachwuchstalent José Ramon Kienel und Neu-Kollegen Karl Fadler zum historischen Pulverturm gekommen, um dort ihre selbstgedichteten Verse vorzutragen. Angesichts der sich ankündigen Regenmassen aber steuerten alle Akteure sogleich das Café Fadler an, in dem traditionell jede Nachtwächter-Veranstaltung ausklingt.


Zur Unterhaltung der Gäste

In Fadlers Stadel gingen die ehrenamtlichen Nachtwächter ihrer aktuellen Mission nach. Statt wie früher für Ruhe und Ordnung zu sorgen, möchten die Wachleute Bürger wie Kur- und andere Gäste unterhalten. Seit nunmehr 35 Jahren gibt es diesen Brauch in der Kurstadt. Josés Großvater Walter Kienel war Zunftmeister und einer der ersten Nachtwächter nach Wiederbelebung der Tradition im Jahr 1982. Jeden Donnerstag, von Mai bis September, lädt ein Nachtwächter um 20 Uhr zum Rundgang durch die Straßen der Altstadt ein. Nur am ersten Donnerstag im Monat findet stattdessen eine Aufführung am Pulverturm statt. Zuvor können sich Interessierte um 19.30 Uhr bei einer Führung durch den Nachtwächterturm an der alten Stadtmauer informieren. Dort kümmert sich Kienels Witwe Gisela ums Inventar, bis hin zu den Blumenkästen. Alles, was mit der Zunft zu tun hat, findet hier seinen Platz. "Außerdem sorge ich dafür, dass Gäste kommen", sagt Kienel. Dass Enkel José in die Fußstapfen ihres Mannes tritt, erfüllt sie mit Stolz, auch wenn sie sagt: "Das Vortragen fällt ihm zu Hause leichter, da ist er nicht so schüchtern."

Vor über 100 Besucher reihten sich die vier einheimischen Nachtwächter mit ihren vier zum Jubiläum angereisten Kollegen Bernd Schubert (Eisenach), Armin Dominka (Ebern), Richard Lhotsky (Bad Königshofen) und Manfred Heckel (Gößweinstein) auf. Dritte Bürgermeisterin Nina Klett (CSU) begrüßte die Gäste. "Es ist wichtig und gut, dass die Nachtwächterei aufrechterhalten bleibt", sagte Klett. Reihum präsentierten sich, moderiert von Engelhardt senior, die anderen sieben Nachtwächter dem Publikum. Zwar demonstrierten Fadler und José, dass sie im Blasen Fortschritte gemacht haben, doch zeigte ihnen der Thüringer Schubert eindrucksvoll, "wie man in Eisenach bläst". Dominka, der Türmer aus Ebern, hatte eine alte Präzisions-Kontrolluhr mitgebracht, wie sie der Nachtwächter früher stach. Die dazugehörigen Kontrollblätter wiesen die Stationen aus, an denen die Wächter beim Passieren eine Lochmarkierung eindrucken mussten. "Die Tagesarbeit ist zu Ende, ruhet nun auch Eure Hände", dichtete Lhotsky. Und Heckel sang ein Loblied auf Franken und seine schönen Menschen. Den eigenen Sohn setzte der Vater an den Schluss. "Sonst trauen sich die anderen nimmer zu singen", hatte Karl-Heinz Engelhardt eingangs verkündet. Lautstark trug der Sänger seine Verse über die notwendigen Accessoires des Wächters vor: Horn, Mantel, Hut, Hellebarde und Licht. Dazwischen blies er kräftig in sein Horn.


Ausflug ins Opernfach

Nach einer kurzen Umzieh-Pause gehörte die kleine Bühne dem Tenor - fast - allein: Vom 90-jährigen Walter Dorn am Keyboard virtuos begleitet, präsentierte Engelhardt junior Operettenmelodien und Lieder aus den Dreißiger Jahren. Danach gestattete sich der Sänger einen Ausflug ins Opernfach mit einer Arie aus dem Freischütz von Carl Maria von Weber.

Christian-Andreas Engelhardt wurde 1980 in Coburg geboren. Nach Abschluss der Realschule CO I und der Berufsfachschule für Musik studierte er Gesang in Würzburg und Hannover. 2002 sang Engelhardt die Hauptpartie in der Uraufführung des Musicals "Ponina" von Udo Langer. 2004 gewann er beim Förderpreis der Stadt Coburg den ersten Platz. Am hiesigen Landestheater war der Tenor in Terrence Macnellys "Meisterklasse" zu hören. Nachdem er mit Oratorien auf Konzerttournee gegangen war, verstärkte Engelhardt 2007 das Bremer Ensemble.

Warum widmet Christian Engelhardt dem Nachtwächter-Hobby seinen ganzen Urlaub? "Ich bin unheimlich traditionsbewusst und hier in der Region verwurzelt", gesteht der Tenor.
Zwischen dem Vortrag der Verse und Engelhardts Konzert wurde eine Nachtwächter-Figur aus Terrakotta verlost. Die gewann zufällig der "Coburger Nachtwächter". Roland Schäfer "wollte nur mal reinhören, was die Kollegen so dichten" und hatte als Letzter Lose gekauft. Jeder habe seine ganz eigene Art, die Verse zu verfassen und vorzutragen, kommentierte Schäfer die Darbietungen. In einem Punkt waren sich alle Anwesenden einig: An Stimmgewalt konnte es kein Nachtwächter oder Türmer mit Christian Engelhardt aufnehmen.


Nachtwächter in Bad Rodach

Bad Rodach gilt als Zentrum und "Stadt der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft". 1982 besann sich der damalige Fremdenverkehrsverein von Rodach auf die Tradition des Nachtwächters, um sein touristisches Angebot zu erweitern. Am 27. Juli 1982 trat Wolfgang Grosch als erster Nachtwächter auf. Ein Jahr später feierte in der Kurstadt das erste deutsche Nachtwächtertreffen Premiere. Auf dem Georgenberg beschlossen die Teilnehmer, eine Zunft zu gründen. Diese wurde 1987 im dänischen Ebeltoft aus der Taufe gehoben. Schützend wollen die Wächter von England bis Polen, von Dänemark bis Tirol ihre Hand über die Orte halten.
Die Tradition der Nachtwächter reicht jedoch bis ins Jahr 1300 zurück. Zunächst wanderte die Laterne von Haus zu Haus, damit die Bürger abwechselnd nach Anbruch der Dunkelheit nach dem Rechten sehen konnten. Dann wurden professionelle Nachtwächter eingesetzt, bis sie 1896 von der Polizei abgelöst wurden.
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