Coburg
Urteil

Oberfranken: Erzieherin wegen Misshandlung Schutzbefohlener angeklagt - Urteil gefallen

Der Vorwurf, Schutzbefohlene misshandelt zu haben, konnte nicht erhärtet werden. Das Landgericht Coburg sprach eine Erzieherin frei.
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Arne Dedert dpa
Arne Dedert dpa
"In dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten." An diesen Grundsatz hielt sich die Zweite Kleine Strafkammer am Landgericht Coburg und sprach am Dienstag die der Misshandlung von Schutzbefohlenen angeklagte Erzieherin frei.

Auch der Vorwurf, die 42-Jährige habe von den Misshandlungen gewusst, die eine im Frühling 2017 mitangeklagte Kinderpflegerin begangen hatte und die dafür bereits rechtskräftig verurteilt wurde, ließ sich nicht halten.


Obstsalat bis zum Erbrechen


Das Gericht war nicht davon überzeugt, dass die Erzieherin ein kleines Mädchen so lange mit Obstsalat gefüttert habe, bis es erbrach. In seinem Plädoyer war Oberstaatsanwalt Martin Dippold dennoch überzeugt, dass es sich genau so verhalten hatte. Die Hauptzeugin sei nicht die Einzige gewesen, die Beobachtungen gemacht hätte, erklärte er.

Die Zeuginnen, unter anderem eine Praktikantin, ehemalige Arbeitskolleginnen und Eltern, könnten sich wohl kaum irren. "Da alles und auch die Lebenserfahrung spricht dagegen, dass man sich das hier ausdenkt." Nur weil die Hauptzeugin eine ihrer Aussagen revidiert habe, heiße das nicht, dass alle ihre Aussagen nicht stimmten, erläuterte der Anklagevertreter. "Allein die Lichtbilder von Kindern, die gebeugt am Tisch sitzen mussten, verdeutlichen, was für ein Klima in der Kinderkrippe geherrscht hat."


Die Augen zugemacht


Als Kindergartenleiterin habe die Angeklagte gewusst, dass körperliche Züchtigungen verboten seien. Sie habe auch gewusst, dass sie, wenn ihr von Mitarbeitern oder Eltern solche Verdachtsmomente gemeldet würden, einschreiten müsse. Stattdessen habe die 42-Jährige die Augen zugemacht und sei damit ihren Aufgaben als Leitung nicht gerecht geworden.

Auch dass sie betroffenen Eltern gegenüber geäußert habe, die Einrichtung "habe einen Ruf zu verlieren", kritisierte Dippold. Für ihn stellte sich der Sachverhalt klar dar: "Für mich ist das keine Beihilfe, sondern Täterschaft." Er plädierte, die Angeklagte zu einer Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu jeweils 40 Euro zu verurteilen.

Die deutsch-kanadische Kriminalpsychologin Julia Shaw habe in Experimenten eindrücklich gezeigt, wie das menschliche Gehirn bezüglich gefälschter Erinnerungen arbeite, erklärte der Anwalt der Erzieherin, Till Wagler aus Kronach in seinem Plädoyer. "Führen Sie sich mal vor Augen, wie undifferenziert die Aussagen der Zeugen sind", appellierte er an die Richter. Der Hauptzeugin bescheinigte er eine "blühende Fantasie" , sie habe zumindest in einem Fall gelogen, "das braucht man nicht zu beschönigen." In seinen Augen hätten sich die damaligen Mitarbeiterinnen strafbar gemacht: "Die haben eine Mitverantwortung für die Kinder und haben erzählt, dass sie mehrfach beobachtet haben, dass die Pflegerin mit den Kleinen nicht nur grob umging, sondern sie auch körperlich misshandelte - und sind nicht eingeschritten. Warum eigentlich nicht?"


"Eine Gemengelage, die mich schaudern lässt."


Wagler zog auch Untersuchungen zur Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Kindern heran. "Hier sind Kinder mangelhaft ausgefragt worden von Eltern und nicht ausgebildeten Fachkräften", kritisierte er. Daraus sei etwas entstanden, was weitererzählt worden ist. "Hohes Gericht", fuhr er fort, "das ist eine Gemengelage, die mich schaudern lässt."

Nach den strengen Richtlinien des Bundesgerichtshofs könne allein aufgrund von Angaben eines einzigen Belastungszeugen eine Verurteilung nicht erfolgen, betonte der Verteidiger. "Meine Mandantin muss freigesprochen werden." Sie habe ihre bisherige Arbeitsstelle verloren und es werde ganz schwierig für ihr weiteres Berufsleben. "Es braucht nur ein Kind zu weinen (...) und man weiß, da gab es dieses Verfahren."


Kein stichfester Beweis


Zuvor hatte ein Ermittlungsbeamter akribisch Daten aus den Dienstplänen der Erzieherin und den Anwesenheitsplänen der Kinder herausgesucht. Laut einer Zeugenaussage soll ein Mädchen im Sommer 2014 mit roher Gewalt von der Erzieherin mit Obstsalat gefüttert worden sein. Dieser Punkt war einer der Hauptbelastungspunkte in der Anklageschrift.

Es fand sich allerdings kein stichfester Beweis dafür, dass tatsächlich die Angeklagte dafür verantwortlich war, dass sich das Kind erbrach und schließlich von der Mutter abgeholt werden musste.

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