Coburg
Gedenken

Coburger gedenken der Reichspogromnacht

Am Donnerstagabend versammelten sich zahlreiche Coburger zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 79 Jahren.
Artikel einbetten Artikel drucken
Viele Bürger versammelten zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor dem Coburger Rathaus. Foto: Martin Koch
Viele Bürger versammelten zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor dem Coburger Rathaus. Foto: Martin Koch
+3 Bilder
Zunächst kamen die Menschen vor dem Rathaus zusammen. Am Abend des 9. November 1938 hatte in der beschönigend bezeichneten "Reichskristallnacht" die von der Nationalsozialisten geschürte Aggression gegen jüdische Mitbürger einen ersten tragischen Höhepunkt erreicht. Synagogen brannten in ganz Deutschland, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden allerorten geplündert, es kam zu teilweise sehr massiven körperlichen Attacken. Im Jubiläumsjahr der Reformation war die Haltung  der evangelischen Kirche zum Nationalsozialismus der Schwerpunkt eines kritischen Rückblickes. Die evangelische Kirche sei ja wohl kein Ort des Widerstandes gewesen.

Los ging das Gedenken vor dem Rathaus, in dessen Dachreiter bis heute die "Franz-Schwede-Glocke" hängt. Franz Schwede war einst nationalsozialistischer Oberbürgermeister in Coburg. Die Adolf Hitler verherrlichende Inschrift ist aber schon lange entfernt. Die Glockenweihe am 10. September 1939 hatte der damalige Coburger (evangelische) Dekan Curt Weiß vorgenommen. Der sagte damals: "Jubel und Dankbarkeit unser Herz erfüllt, wenn wir das Wunder schauen, das uns Gott erleben ließ, durch den Retter und Führer, den er uns erweckt." Freilich blieb die Rolle von Curt Weiß im Nationalsozialismus in den späteren Jahren eher ambivalent.


Verstrickungen

"Extremistische Regime hatten in Deutschland, das hat die jüngere Geschichte bewiesen, mehrheitlich nur Verlierer gebracht", sagte Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) auf dem Marktplatz. "Nach dem Dritten Reich ein zerstörtes, verbranntes Land, nach der DDR ein geschundenes Land." Tessmer forderte die Anwesenden auf, aus der Geschichte zu lernen.  "Nur, wer seine Geschichte kennt, der kann seine Zukunft gestalten." Ein Beispiel für die Verstrickungen evangelischer Geistlicher in den Nationalsozialismus war der 1891 in Neustadt geborene Helmuth Johnsen, der vom Dorfpfarrer in Gauerstadt (Bad Rodach) bis hin zum Bischof von Braunschweig aufgestiegen war. Gegenbeispiele waren die Pfarrer Martin Niemöller, der im Ersten Weltkrieg U-Boot-Kommandant war, und der 1945 kurz vor Kriegsende 1945 in Flossenbürg ermordete Pfarrer Dietrich Bonhoeffer.

Zu den Geistlichen, die sich zum Nationalsozialismus bekannten,gehörte der Pfarrer Willy Döbrich, der auf der Wartburg in Eisenach ein "Entjudungsinstitut" mit ins Leben gerufen hatte. Diese "Thüringer Kirchenbewegung Deutsche Christen e. V." hatte sich zum Ziel gesetzt, alles irgendwie Jüdische aus dem Christentum zu entfernen. Es entstand ein Volkstestament, eine sehr verfremdete und verstümmelte Variante des Neuen Testamentes. "Der Kleine Katechismus Martin Luthers" wurde ebenso verstümmelt. Unter Reichsbischof Ludwig Müller hatte es dann sogar einen Arierparagrafen für Pfarrer gegeben.

Ein lokaler Gegenpol zu den nationalsozialistisch inspirierten Pfarrern war Werner Pürckhauer, ab 1934 Pfarrer in Wiesenfeld und Meeder, der unter den Attacken der Nazis gelitten hatte. Einer seiner Hauptgegner war der Meederer Schulleiter Emil Brückner. Ein Höhepunkt war in Meeder die Schändung der Altarbibel. Aufgehetzte Kinder und Jugendliche hatten die Seiten mit der Bergpredigt herausgerissen.


Weitere Stationen

Außer am Marktplatz waren der Innenhof von Schloss Ehrenburg und die St.-Moriz-Kirche Stationen des Rundgang. Der Hof von Schloss Ehrenburg war am 7. Mai 1933 Schauplatz einer von den Nationalsozialisten organisierten Bücherverbrennung. Dazu hatte es im Vorfeld auch eine kirchliche Feier gegeben. "Toleranz ist keine passive Haltung", mahnte der aktuelle Dekan Andreas Kleefeld in seinem Schlusswort am Donnerstag. "Das Thema muss  unser Alltag sein." Unsere Gesellschaft lebe von der Vielfalt. Die Redebeiträge hatten Pfarrer Dieter Stößlein (Evangelisches Bildungswerk), Heimatpfleger Hubertus Habel, Rupert Appeltshauser (Initiative Stadtmuseum) und die Theologie-Doktorandin Lisa Weber verfasst und vorgetragen. Pfarrer Hartmut Braune-Bezold und Robert Dicker gestalteten die Feierstunde musikalisch aus. Veranstalter waren die AG Lebendige Erinnerungskultur, der DGB, das EBW, die Initiative Stadtmuseum und das Netzwerk für Menschenrechte und Demokratie "Wir sind bunt: Coburg Stadt und Land".
Verwandte Artikel
Verwandte Fotoserien
1 Kommentar
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren