Coburg
Vor der Premiere

Coburg: Puppengeister retten den Geizkragen

Charles Dickens "Eine Weihnachtsgeschichte" kommt auf die große Bühne des Landestheaters Coburg, in der eigenen Fassung von Gastregisseur Philipp Löhle.
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Ein Geizkragen wird durch Geister bekehrt - in der Weihnachtsgeschichte am Landestheater Coburg.Sebastian Buff
Ein Geizkragen wird durch Geister bekehrt - in der Weihnachtsgeschichte am Landestheater Coburg.Sebastian Buff
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Humbug! Dieser ganze Weihnachtszinnober kostet nur Geld. Und da hört für Ebenezer Scrooge alles auf. Er scheffelt Geld und spart dabei - sogar an jeder freundlichen Geste. Scrooge ist der Inbegriff des gierigen, kaltherzigen Kapitalisten.
Charles Dickens stellte diese Figur 1843 in den Mittelpunkt einer durchaus krass zu nennenden Geistergeschichte, und seither gehört diese "Christmas Carol" nicht nur in England zum Weihnachtsfest, zigmal verfilmt. Heuer rückt sie im speziell England-affinen Coburg ins Zentrum der familiären Theaterweihnacht: als Weihnachtsmärchen des Landestheaters Coburg. Premiere ist am Sonntagnachmittag, 19. November. Es inszeniert Gastregisseur Philipp Löhle, der erstmals am Landestheater wirkt. Löhle ist vor allem auch Dramatiker, dessen Stücke schon eine Reihe von Auszeichnungen erhalten haben. Er hat eine eigene Bühnenfassung von Dickens bekanntester Erzählung angefertigt.
Mit dieser und seiner bewusst auch auf viel Humor setzenden Regie geht es Löhle darum, Dickens naiv wirkende Grundaussage - seid nett zueinander und alles wird gut - auch heute noch Hoffnung spendend zu vermitteln, dabei aber auf den zeitbedingten, ständig erhobenen moralinsauren Zeigefinger von Dickens Text zu verzichten. A propos naiv: "Schaut man sich in der Welt um", fragt Löhle im Gespräch mit dem Tageblatt, "sähe es da nicht vielfach anders aus, wenn die Menschen versuchten, nett zu einander zu sein? Ich freue mich jedenfalls sehr, dass ich hier in Coburg ein Weihnachtsmärchen auf die Bühne bringen darf".
Im Weihnachtsmärchen darf man nämlich lauter Sachen machen, die sonst im Erwachsenentheater verpönt sind. Man darf scheinbar naive Gedanken voll ausbreiten, Pathos zulassen und sich auch an vermeintlichem Kitsch freuen. Die Ausstattung darf bunt und pompös sein. Man darf voll in die Trickkiste greifen und auf den großen Effekt setzen. Genau so will Löhle das am Landestheater mit Dickens "Weihnachtsgeschichte" machen.
Ausstatterin Henrike Engel brauchte man das nicht zwei Mal zu sagen. Das Morbide und Düstere in Dickens Erzählung, das die Mahnung zum Guten umso heller leuchten lässt, brachte sie in eine nostalgische Kontors- und Geisterwelt mit expressionistischen Zügen.
Die drei Geister, die dem bösartigen Ebenezer Scrooge am Weihnachtsvorabend als vergangene, gegenwärtige und zukünftige Weihnacht erscheinen, treten übrigens in Puppenform auf, entworfen und gebaut von der renommierten Figurenbildnerin Judith Mähler.
Und sieben Ensemble-Mitglieder des Landestheaters werden in zig Vorstellungen damit beschäftigt sein, sich in rasender Schnelle in Henrike Engels fantasievolle Kostüme zu werfen. Denn alle haben eine Vielzahl von Rollen zu spielen. Thomas Straus ist bis in den Januar hinein Ebenezer Scrooge.

Übrigens: Den Entstehungsprozess der von Judith Mähler geschaffenen Geisterpuppen dokumentiert eine Ausstellung im Coburger Puppenmuseum, die am Samstag, 2. Dezember, um 16 Uhr eröffnet wird. Figuren und Köpfe aus Judith Mählers Werkstatt, Skizzen, Materialproben und Fotos aus dem Entstehungs- und Probenprozess liefern interessante Einblicke in die Entstehung der Geisterwelt.
Der Regisseur Philipp Löhle wurde 1978 in Ravensburg geboren und wuchs in einem Stadtteil von Baden-Baden auf. Er studierte in Erlangen Geschichte, Theater- und Medienwissenschaften und Germanistik. Schon während des Studiums schrieb er seine ersten Stücke und war mit Kurzfilmen auch an den Erlanger StummFilmMusikTagen vertreten 2006 nahm er eine Stelle als Regieassistent am Theater Baden-Baden an. Er wirkte am renommierten Londoner Royal Court Theatre. Zur Spielzeit 2008/2009 wurde er Hausautor am Berliner Maxim-Gorki-Theater.
Den Durchbruch als Dramatiker schaffte Löhle mit seinem Stück "Genannt Gospodin", das 2007 am Schauspielhaus Bochum erstmals zur Aufführung kam und mehrere Auszeichnungen erhielt. Auch am Bayerischen Staatsschauspiel wurde das Stück schon einen Monat nach der Bochumer Premiere aufgeführt. Ergebnis eines von der Bundeszentrale für politische Bildung vergebenen Werkauftrags ist das Stück "Die Kaperer oder Reiß nieder das Haus und erbaue ein Schiff ", uraufgeführt 2008 am Wiener Schauspielhaus. "Big Mitmache", ein Stück, in dem Löhle die Thematik der RAF eher komödiantisch verarbeitet, wurde 2008 in der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin erstmals aufgeführt. 2010 wurde am Maxim-Gorki-Theater in Berlin sein Stück "Die Überflüssigen" uraufgeführt.

Zum Inhalt Philipp Löhles Bühnenfassung von Charles Dickens 1843 erschienener Erzählung "A Christmas Carol in Prose, Being a Ghost-Story of Christmas" zeigt auf humorvolle Weise die Verwandlung Ebenezer Scrooges von einem herzlosen zu einem gütigen Menschen. Verantwortlich für diesen Lebenswandel sind drei Geister, die den alten Geizkragen in der Nacht vor Weihnachten heimsuchen: der Geist der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht. Die Geister nehmen Scrooge, der Weihnachten für Humbug hält, mit auf eine Reise durch sein Leben und am Ende erleben wir einen geläuterten Menschen.

Die Produktion Landestheater Coburg: Eine Weihnachtsgeschichte. Weihnachtsmärchen für die ganze Familie in einer Bearbeitung von Philipp Löhle nach dem Roman von Charles Dickens. Empfohlen ab 5 Jahren. Inszenierung Philipp Löhle, Bühnenbild und Kostüme Henrike Engel, Puppenentwurf und -bau Judith Mähler, Dramaturgie Carola von Gradulewski.
Darsteller Thomas Straus (Ebenezer Scrooge), Vincent Wojdacki, Friederike Pasch, Ingo Paulick, Eva Marianne Berger, Valentin Kleinschmidt, Boris Stark.
Uraufführung Sonntag, 19. November, 14 Uhr im Großen Haus. Zahlreiche weitere Aufführungen bis 14. Januar.
Karten Theaterkasse, Dienstag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr, Samstag, 10 bis 12 Uhr. AWO - Mehr Generationen Haus, Coburger Tageblatt, Schuhhaus Appis Bad Rodach, Buchhandlung Stache Neustadt bei Coburg, Touristinformation & Naturparkcenter Sonneberg.
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