Coburg
WM-Aus

Arrivederci Squadra Azzura

Ganz Italien trägt Trauer und mit ihnen die vielen Anhänger in der Region. Dafür jubelt Schweden: Johan Andersson ist jedenfalls restlos begeistert.
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Während sich die italienischen Spieler  tränenreich von der großen Fußballbühne verabschieden mussten, brachen die schwedischen Spieler am Dienstagabend nach dem 0:0 im Mailänder San Siro in Jubelorgien aus.Fotos: dpa
Während sich die italienischen Spieler tränenreich von der großen Fußballbühne verabschieden mussten, brachen die schwedischen Spieler am Dienstagabend nach dem 0:0 im Mailänder San Siro in Jubelorgien aus.Fotos: dpa
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Fassungslosigkeit in Italien - blankes Entsetzen aber auch im Landkreis Coburg. Von Weidhausen und Ebersdorf über Neustadt und Rödental bis nach Bad Rodach und Heldritt - überall zitterten und fieberten Italiener am Dienstagabend mit ihrer Squadra Azzura. Der Schock über das vorzeitige WM-Aus sitzt tief.
Wir haben aber nicht nur enttäuschte Deutsch-Italiener gesprochen, sondern uns auch mit einem freudestrahlenden Schweden unterhalten. Der Wahl-Coburger Johan Andersson, langjähriger Handballprofi beim HSC 2000 Coburg und jetzt Spielertrainer beim Bezirksoberliga-Spitzenreiter HG Kunstadt, ist hellauf begeistert nach dem "Wunder von Mailand": "Das war sensationell, total cool. Endlich ist Schweden wieder einmal bei einer Weltmeisterschaft dabei."

Alessandro Salsano (20 Jahre, Fußballer bei der DJK/TSV Rödental): "Neutral gesehen ist das Ausscheiden der italienischen Nationalmannschaft sehr traurig, da es bei den letzten Turnieren immer wieder brisante Aufeinandertreffen, unter anderem auch gegen Deutschland, gab. Jedoch muss man so ehrlich sein und zugeben, dass die Italiener mit der spielerischen Leistung während der Qualifikation bei einer Weltmeisterschaft auch nichts zu suchen haben. Angefangen mit dem ersten und stärksten Spiel gegen die Spanier, das noch Unentschieden endete, ging die spielerische Stärke von Spiel zu Spiel verloren. Nach der 0:1-Niederlage im Hinspiel gegen Schweden war es natürlich umso schwerer, den Rückstand umzudrehen, wobei auch die äußerst fragwürdige Wechselpolitik des Trainers eine mehr oder weniger große Rolle spielte."

Fabiano Fallo (Fußballer beim TSV Bad Rodach): "Für mich ist es sehr schwer, sowas in Worte zu fassen. Eine WM ohne Italien ist wie Spaghetti ohne Tomatensoße. Es ist einfach nur traurig."

Gerardo Cannone (Spielertrainer beim FC Adler Weidhausen): "Dass man mit Spanien in der Qualifikationsgruppe auf Platz 2 landet, hat man sich ausmalen können. Außer dem Punktgewinn zu Hause in Turin gegen Spanien (1:1) konnten wir aber meiner Meinung nach nicht einmal überzeugen. Gegen Mazedonien 1:1 - das sagt alles und zu Hause gegen Israel glücklich mit 1:0 gewonnen - das ist nicht das Italien, das wir kennen.
Jetzt muss ein Umbruch her, junge Spieler aus der Primavera (Jugend) müssen ihre Chance bekommen und nicht in die Serie B (2. Liga) verliehen werden. Ich bin mir sicher, dass wir das ändern werden und werden zurückkommen. Auch wenn es weh tut, aber vielleicht war es notwendig. Schade, wenn man unsere Nummer Eins, Gigi Buffon, in Tränen sehen muss. Er ist und bleibt ein absolutes Vorbild. Auf und neben dem Platz."
Und seine Freundin Melinda König sagt: "Ich hätte es Buffon so gegönnt. Absolut sympathischer Typ. Schade für meine italienische Familie, jetzt müssen sie halt den Deutschen die Daumen drücken."

Nunzio Randazzo (ehemaliger Fußballer aus Ebersdorf): "Antonio Conte hat aus einer schlechteren Mannschaft viel mehr herausgeholt. Er war der richtige Trainer, leider durfte er nicht so arbeiten, wie er wollte. Deshalb hat er hingeschmissen. Jetzt ist kein richtiger Spielfluss zu erkennen, kein Stempel vom Trainer. Spieler, die in Topform sind, wie El-Sharaawy, werden auf der Bank gelassen. Außerdem sollte man schnellstens das System überdenken. Ein europäisches Toptalent wie Insigne wird in Italien Opfer des 3:5:2-Systems."

Denis Ruggieri (Spieler des TSV Heldritt): "Wenn man es nicht schafft, in zwei Spielen ein Tor gegen Schweden zu schießen, dann hat man es auch nicht verdient, dabei zu sein. Ich hoffe, es geht jetzt mal ein Ruck durch den italienischen Verband und man nimmt sich ein Beispiel an Deutschland. Anhand der vielen Nachrichten, die ich bekommen habe, sieht es trotzdem so aus, als würde der Stachel bei meinen deutschen Freunden tief sitzen wegen der WM 2006."

Marco Cannone (aus Neustadt und ehemaliger Spieler des TSV Ketschenbach): "Wir haben nach dem Titel 2006 den Umbruch verpasst. 2010 in Südafrika hat sich es gezeigt und 2014 in Brasilien wiederholt. Das Scheitern ist jetzt das Resultat davon. Schade, dass viele Spieler das Trikot nicht wie unser Gigi Buffon getragen haben, nämlich mit Wille und Ehre."

Johan Andersson (Wahl-Coburger aus Schweden, Ex-Handballprofi und Spielertrainer beim Bezirksoberligisten HG Kunstadt): "Ich freue mich natürlich total über diesen Triumph. Ich habe das Spiel zwar nicht gesehen, aber ich finde das total cool. Eine große Leistung unserer jungen Mannschaft, die mit Emil Forsberg oder Andreas Granqvist natürlich auch ein paar alte Hasen hat. Jetzt ist Schweden endlich wieder einmal bei einer WM dabei. Für Buffon tut es mir mir aber ehrlich gesagt schon sehr leid. Aber so ist eben der Sport."


Fußball-Kommentar
von Christoph Böger
Bei aller Rivalität und Antipathie schwingt Wehmut mit

Mamma Mia - eine WM ohne Italien! Von einer "unerträglichen Fußball-Schande", einem "unauslöschlichen Fleck in der Fußball-Geschichte Italiens" ist die Rede. Mehr noch: Apokalypse, Tragödie, Katastrophe, Weltuntergang. Der Stolz der Italiener ist vorerst gebrochen. Nicht nur die große Torwart-Legende Gianluigi Buffon vergoss bitterliche Tränen in der erniedrigenden Nacht von Mailand.
Im Ikea-Land Schweden - einige Kunden mit Italien-Trikots sollen gestern auf 50 Prozent Rabatt im Möbelhaus gehofft haben - werden die "Helden von San Siro" dagegen gefeiert, als hätten sie bereits den Titel gewonnen. Die Euphorie ist nachvollziehbar. Es war das Wunder von Mailand und eine der größten Leistungen in der ruhmreichen Sportgeschichte dieser großen Wintersport-Nation.
Aber ist es tatsächlich eine Schande, den WM-Zug nach Moskau zu verpassen? Argentinien hat es nur dank Messi geschafft, selbst Deutschland zitterte schon in zwei K.o.-Spielen: 1:1 und 4:1 gegen die Ukraine für die WM 2002.
Uns Deutschen wird in Russland etwas fehlen, denn bei aller Rivalität und bisweilen auch Antipathie gegen die stets Beton anrührenden Blau-Hemden: Was ist schon ein großes Turnier ohne unseren Angstgegner?
Ein Blick in den Rückspiegel lohnt sich: Das Verlängerungsspektakel 1970 in Mexiko: 1:0 Boninsegna (8.), 1:1 Schnellinger (90.), 1:2 Müller (94.), 2:2 Burgnich (98.), 3:2 Riva (104.), 3:3 Müller (110.), 4:3 Rivera (111.). Oder das atemberaubende Halbfinale 2006 in Dortmund mit den beiden späten K.o.-Treffern für Lehmann & Co. in der 119. und 121. Minute durch Grosso und Del Piero. Sechs Jahre später ließ Mario Balotelli die Muskeln gegen Deutschland bei der Europameisterschaft spielen. Und erst letztes Jahr das 6:5-Elfmeter-Drama in Frankreich mit dem ersten schwarz-rot-goldenem Happyend-Schuss des Kölners Jonas Hector.
Obwohl die Italiener bei den Endrunden 2010 und 2014 nichts auf die Reihe bekamen und nach der Vorrunde raus waren, irgendwie wird uns in Russland etwas fehlen. Mitleid, Häme oder Spott wird es dagegen in Holland, in der Türkei und in Österreich für die Italiener kaum geben. Warum wohl...
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