Coburg
Vergangenheitsbewältigung

Wirbel um die Max-Brose-Akte - Debatte in Coburg geht weiter

Professor Gregor Schöllgen verteidigt sein Buch über die Firma Brose und erhebt Vorwürfe gegen das Coburger Staatsarchiv: Es habe die Spruchkammerakte von Max Brose verändert - ihm, Schöllgen, hätten nicht alle Unterlagen vorgelegen.
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Einer von mehreren Aktendeckeln in der Spruchkammerakte von Max Brose.
Einer von mehreren Aktendeckeln in der Spruchkammerakte von Max Brose.
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Die Frage, ob es eine Max-Brose-Straße in Coburg geben soll, ist entschieden. Aber die Debatte geht weiter. Nun hat sich Gregor Schöllgen zu Wort gemeldet, der Professor für Geschichte und Autor des Buches "Brose. Ein deutsches Familienunternehmen 1908 bis 2008". Auf dieses Buch bezogen sich in der Diskussion fast alle - Gegner wie Befürworter einer Max-Brose-Straße. Max Brose war im Dritten Reich Mitglied der NSDAP, IHK-Präsident, Wehrwirtschaftsführer und beschäftigte Zwangsarbeiter, was bei Schöllgen nachzulesen ist.

Aber Schöllgens Buch wurde auch kritisiert. So sagte der Bamberger Professor Andreas Dornheim, dass sein Kollege Max Broses Rolle als "Abwehrbeauftragter" in seinem Unternehmen nicht ausreichend gewürdigt habe. Abwehrbeauftragte mussten mit der Gestapo zusammenarbeiten. Er habe ausführlich aus den Einschätzungen des Sicherheitsdienstes der SS zitiert, erwidert Schöllgen darauf in einem längeren Aufsatz, der am Mittwoch in der Coburger Neuen Presse erschien. Dem Tageblatt hat Schöllgen diesen Text nicht zur Verfügung gestellt, er wollte sich auf Nachfrage auch nicht dazu äußern.

Schöllgen erhebt in dem Artikel heftige Vorwürfe gegen das Coburger Staatsarchiv. Es habe die Spruchkammerakte von Max Brose "in den Vordergrund geschoben" und verändert.

Aus Urteil zitiert

Es war aber Brose-Enkel Michael Stoschek, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung von Brose, der die Aufmerksamkeit auf die Akte lenkte, als er das Spruchkammerurteil aus dem Jahr 1949 als Beleg für das untadelige Verhalten seines Vorfahren während des Dritten Reichs heranzog. Eine Kopie dieses Urteils, die Stoschek seinen Angaben zufolge von Schöllgen erhalten hatte, ließ der Unternehmer Anfang Mai an Journalisten verteilen. Auch besorgte sich das Unternehmen vom Staatsarchiv eine Kopie der kompletten Akte.

Schöllgen: "Dabei wurde suggeriert, dass es sich um dieselbe Akte handle, die seinerzeit auch der Firma Brose und der Universität Erlangen zugänglich gemacht worden ist und die mithin auch unseren Forschungen zugrunde lag. Das trifft nicht zu. Die jetzt vom Staatsarchiv Coburg präsentierte Akte ist nicht mit derjenigen identisch, die der Firma Brose und uns seinerzeit vorgelegt wurde. Die neue Akte ist durchpaginiert, dabei zumindest in Teilen in ihrer inneren Anordnung verändert und vor allem um eine Reihe von Dokumenten aller Art ergänzt worden. Zu klären bleibt, warum die Öffentlichkeit nicht von diesem folgenreichen Eingriff in die Spruchkammerakte Max Broses informiert wurde, als man sie zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte machte."

Vorwürfe, die Johannes Haslauer, der Leiter des Coburger Staatsarchivs, nicht so stehenlassen will: "Es ist unser Berufsethos, dass wir Quellen authentisch überliefern!" Die rund 700 Seiten starke Akte über das langwierige Verfahren gegen Brose sei in dem Zustand, in dem sie 1996 vom Amtsgericht Coburg ins Staatsarchiv kam.
Im Mai 2014 sei damit begonnen worden, alle rund 4900 Akten der Spruchkammer Coburg-Stadt einem Massenentsäuerungsverfahren zu unterziehen, sagt Haslauer. Die Entsäuerung solle die natürlichen Zerfallsprozesse des Papiers stoppen. Bei dieser Gelegenheit seien auch alle Akten mit Seitenzahlen versehen und eingescannt worden. Deshalb liegt die Brose-Akte nun als sogenanntes Digitalisat vor, und Kopien lassen sich leicht herstellen. 450 Euro kostet eine komplette Kopie der umfangreichen Brose-Akte.

Akte "archivisch nicht verändert"

"Am Bestand der Spruchkammerakten Coburg-Stadt fanden keine Arbeiten statt, die den Zustand oder Umfang verändert hätten", betont Haslauer. Solche Dinge würden im Archiv in Aktenvermerken festgehalten. Die Seiten seien in der Reihenfolge nummeriert worden, in der sie in der Akte lagen - und das wirkt auf den Betrachter sehr unsortiert. "Mit diesem Zustand müssen wir leben und arbeiten", sagt Haslauer. "Die Akte ist archivisch nicht verändert worden, und wir versuchen, sie durch Bestandserhaltung in die Zukunft zu retten."
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