Gericht

Vermieter und Mieter streiten vor dem Coburger Gericht um jede Fliese und jeden Haken

Seit drei Jahren streiten sich der frühere Vermieter und der Betreiber einer Pizzeria um mehrere tausend Euro. Welche Anschuldigungen sind aber stichfest?
Foto: imago/imagebroker/begsteiger
 
"Eins Punkt zehn Punkt acht", "eins Punkt zehn Punkt neun", "eins Punkt zehn Punkt zehn." Daniel Kolk, Richter am Landgericht Coburg präsentiert sich am Mittwochnachmittag als versierter Sprecher. Geduldig, schnell und korrekt diktiert er eine lange, lange Zahlenkolonne. Auf jeder Ziffernfolge verbergen sich angebliche Mängeln oder Schaden. Ein nicht abgehängter Wandkalender, zurückgelassene Deckenleuchten und Wandhaken, bröseliger Putz, ungesicherte Elektrokabel oder stehengebliebene leere Plastik-Getränkeflaschen: Mehrere Dutzend Positionen sind akribisch notiert.

Seit drei Jahren streiten sich der frühere Vermieter und der Betreiber einer Pizzeria um mehrere tausend Euro. Die Gaststätte hat schon lange neue Räume gefunden, das einstige Domizil in der Coburger Innenstadt befindet sich im Umbau. Auf etwa 15.000 Euro hatten sich ursprünglich die Forderungen des Vermieters belaufen, der beklagte Gastwirt akzeptiert diesen Betrag nicht. Der schon in der Vergangenheit während vorangegangener Verhandlungen mehrfach vorgetragene Hinweis des Gerichts, sich doch gütlich zu einigen, fand bislang kein Gehör. Zu weit liegen auch die zuletzt formulierten Forderungen auseinander. Die Spanne bewegt sich zwischen 11.000 Euro mit Vorbehalt, die der Kläger fordert, und um die 1500 Euro, die der beklagte Gastronom unter Umständen zu zahlen bereit ist.


Die Verfahrenskosten könnten den Streitwert übersteigen

Richter Kolk versucht bei der jüngsten Verhandlung am vergangenen Mittwoch wieder, die streitenden Parteien zu einem Vergleich zu bewegen, besteht doch die Gefahr, dass die Verfahrenskosten den Streitwert übersteigen werden. Denn eine weitere Beweisaufnahme wird folgen, möglicherweise wird ein Gutachter erklären, wie lange beispielsweise das Abnehmen einer Wanduhr dauert und wie viele Euro dafür in Rechnung gestellt werden können. Geklärt werden wird dann möglicherweise auch die Frage, wie hoch der Schaden eines nicht entfernten Wandhakens ist, wenn die Wand während des Umbaus später ohnehin abgebrochen wird.

Einige der vielen beanstandeten Mängel, so erklärt der Richter, hätten keine Substanz. "Auch ein weiterer Schriftsatz brachte keine schlüssigere Begründung", das gelte auch für weitere Punkte. Anschließend folgt eine erste lange Zahlenlitanei. Einige Mängel, so die Klägervertreterin Rechtsanwältin Cerasela Hofmann, könnten erst nach der Sanierung des Gebäudes bewertet werden. Jetzt sei Klage erhoben, jetzt müsse dazu auch ein Sachvortrag erfolgen, stellt Richter Kolk fest. Etwa vier Dutzend der beklagten Punkte - jetzt tut sich die Klägervertreterin als sichere Ziffernverkünderin hervor - werden nun nicht mehr weiter verfolgt. Darunter sind auch einige Toilettenbürsten, die vor 30 Jahren vorhanden gewesen sein sollen.


Die Fragen wiederholen sich

Zu jedem der noch vorhandenen Streitpunkte befragt das Gericht einen als Zeugen geladenen Handwerker. Wer beispielsweise habe die als "Sperrmüll und Unrat" bezeichnete Schüssel und zwei Plastikdeckel zusammengeklaubt und wie lange habe es gedauert? Das müsse der Kollege gewesen sein, der dafür möglicherweise 30 Minuten brauchte, so die Antwort. Richter Daniel Kolk vermag "dafür 30 Minuten" nicht recht nachzuvollziehen. Bei jedem Haken, Handtuchhalter, bei jeder Schraube, jedem Gardinenbrett oder jeder beschädigten Fliese wiederholen sich die Fragen. Manche bleibt unbeantwortet. Für ein beschädigtes Küchenfenster ist auch ein Schaden geltend gemacht worden, gleichwohl im Zuge der umfangreichen Sanierung die Fensteröffnung ohnehin zugemauert wird. Auch andere Punkte der Liste sind zwischenzeitlich dem Bohrhammer gewichen, "denn das Gebäude sollte entkernt werden", so der Zeuge.

Einen kleinen Erfolg vor dem Landgericht gibt es an diesem Tag aber doch: Eine vor mehreren Jahren ausgetauschte und eingelagerte Theke wird der Gastwirt seinem ehemaligen Vermieter übergeben. Noch während der Verhandlung soll die Übergabe telefonisch geregelt werden, leider ist der Lagerist nicht zu erreichen. Dass es unterschiedliche Auffassungen über die Besitzverhältnisse der alten Theke gibt, spielt keine Rolle mehr. Sie gehöre der Brauerei, die aber kein Interesse daran habe, stellt der Gastronom fest. Es sei Eigentum des Vermieters, bekräftigt die Anwältin. Es sei keine unendliche, wohl aber eine langwierige Geschichte, so der Richter. Ein weiterer Termin wird folgen.
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