Coburg
Dokumentation

Musik am Abgrund des Grauens

Ein Konzert in Coburg beim Festival "Lied & Lyrik" wird zum Auslöser für einen Film über das Leid und die Hoffnungen der Menschen, die einst von den Nazis im KZ Theresienstadt gefangen gehalten oder ermordet wurden.
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Der Geiger Daniel Hope bei seinem Konzert im Landestheater Coburg im Rahmen des Festivals "Lied & Lyrik" im Herbst 2011. Gemeinsam mit der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter ist auch er an der Dokumentation "Refuge in Music" beteiligt, die jetzt auf DVD vorliegt. Foto: Jochen Berger
Der Geiger Daniel Hope bei seinem Konzert im Landestheater Coburg im Rahmen des Festivals "Lied & Lyrik" im Herbst 2011. Gemeinsam mit der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter ist auch er an der Dokumentation "Refuge in Music" beteiligt, die jetzt auf DVD vorliegt. Foto: Jochen Berger
Coburg — Kann Musik das Grauen besiegen? Die Frage klingt im ersten Moment vielleicht ein wenig naiv und hat am Ende doch ihre Berechtigung. Das demonstriert die DVD-Produk tion "Refuge in Music - Musik als Zuflucht" mit Musik aus Theresienstadt.
Musik als (Über-)Lebensmittel, Musik als utopische Hoffnung in der gnadenlosen Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten - davon erzählt dieser Film von Dorothee Binding und Benedict Mirow, der seine Entstehung einem Konzert im Landestheater Coburg verdankt.
Im Herbst 2011 hatte die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter gemeinsam mit dem Geiger Daniel Hope ihr Konzertprojekt "Terezin - There sienstadt" im Rahmen des von der "Bayerischen Akademie der Schönen Künste" veranstalteten Festivals "Lied & Lyrik" im Landestheater vorgestellt.

Mörderischer Rassenwahn

Dieses Konzert war für Katja Schaefer, die Generalsekretärin der Akademie, der Auslöser, unter gleichem Namen ein Konzert in der Akademie in München zu veranstalten. Jenes Münchner Konzert wird zur klingenden Ergänzung der Dokumentation, die im Zentrum steht. Anne Sofie von Otter und Daniel Hope begeben sich dabei auf Spurensuche nach Theresienstadt - gemeinsam mit dem Bariton Christian Gerhaher.
Auf ihrer Reise in die Vergangenheit begegnen sie Überlebenden des Holocaust - der Pianistin Alice Herz-Sommer und dem Gitarristen Coco Schumann.
In einem Mosaik aus Erinnerungen und aktuellen Einspielungen wird der mörderische Rassenwahn der Nazis bedrückend deutlich, zugleich aber die Kraft der Musik spürbar, die manchem der in Theresienstadt inhaftierten Künstlern tatsächlich das Leben gerettet hat.
Das Grauen lauert zwischen den Noten, die in diesem Konzert erklingen. Das Grauen erwacht im Kopf - beim Gedanken daran, unter welche Bedingungen diese Musik einst entstanden ist.
Diese Musik balanciert über dem Abgrund des Todes. Abgerungen, abgetrotzt dem Schrecken. Der perfiden Macht des Terrors ruft sie ihr ironisches, ihr trotziges "Dennoch" entgegen. Kunst und Leben, Kunst und Überleben - diese DVD öffnet Augen und Ohren dafür, dass Kunst kein Luxus, sondern im emphatischen Sinne Lebensmittel sein kann.
Die meisten jener Komponisten, die in diesem Konzert erklingen, haben den Terror der Nazis, die Maschinerie der Vernichtungslager nicht überlebt. Ihre Musik aber hat überlebt - zumindest Manches davon.

Zynische Wirklichkeit

Das Geheimnis dieser Einspielung? Die Künstler, die diese Musik aus Terezin zu neuem Leben erwecken, treten als Interpreten hinter den von ihnen gespielten Werken zurück und lassen die Musik dabei doch zugleich auf ungewöhnliche Weise aufblühen - vom Janácek-Schüler Pavel Haas bis zu Viktor Ullmann und Erwin Schulhoff.
Weit ist das Spektrum der Musik, die auf dieser DVD erklingt. Was aber klingt in dieser Musik tatsächlich an? Verzweifelte Sehnsucht nach einer heilen Welt, die es längst nicht mehr gab, als die Nazis Hunderttausende in die Gaskammern trieben?
Oder verzweifelte Ironie, weil die Sehnsucht nach einer heilen Welt längst als grausame Selbsttäuschung entlarvt worden war? Teils spiegelt sich in dieser Musik die zynische Wirklichkeit Theresienstadts in ironischer Brechung.
Teils erweist sich die Musik als autonome Kunstmusik, die scheinbar jede Andeutung der Bedingungen verweigert, unter denen sie entstand.
Damit aber wird diese DVD zur ebenso berührenden wie erhellenden Begegnung - gerade auch in der Wechselwirkung zwischen Musik und Dokumentation.

J.B.


Dokumentation und Konzertmitschnitt

DVD-Tipp Deutsche Grammophon "Refuge in Music" - Terezin / Theresienstadt (DVD: 0044007350775). Dokumentarfilm und Konzert, Werke von Pavel Haas, Erwin Schulhoff, Viktor Ullmann und anderen. Interpreten: Anne Sofie von Otter, Daniel Hope, Bengt Forsberg, Bebe Risenfors

TV-Tipp Die Dokumentation "Refuge in Music" wird am Montag, 27. Januar, um 23.10 Uhr im Bayerischen Fernsehen ausgestrahlt. Um 0.10 folgt die Aufzeichnung des Konzertes aus der Akademie der Schönen Künste.
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