Coburg
Nachlese

Generalsanierung des Landestheaters: Es gibt doch gar keine Alternative

Angst vor unkontrollierter Kostensteigerung bewegte einen Teil des Coburger Stadtrates bei der Sondersitzung zur Generalsanierung des Landestheaters.
Artikel einbetten Artikel drucken
Damit in sechs Jahren die Lichter wieder angehen können im dann hoffentlich rundum erneuerten Landestheater. Foto: Archiv/Jochen Berger
Damit in sechs Jahren die Lichter wieder angehen können im dann hoffentlich rundum erneuerten Landestheater. Foto: Archiv/Jochen Berger
Herrscht hier unangemessene Ungeduld? Tatsächlich fragen sich die Theatergänger mittlerweile sehr wohl, was denn nun aus dem Landestheater Coburg wird. Und Intendant Bodo Busse war vor Weihnachten aus nachvollziehbaren Gründen am Aufschreien. Ende 2018 läuft die Betriebsgenehmigung für das Landestheater ab. Er müsste längst planen, wie und wo dann so gespielt wird, damit das Publikum nicht verloren geht und die 260 Mitarbeiter einigermaßen angemessen eingesetzt werden können. "Einmal verlorenes Publikum gewinnt man in der heutigen Zeit nur schwer zurück", mahnte Busse am Montag. Was nützte dann ein schön renoviertes Landestheater, wenn es ab 2022 keine angemessene Aufmerksamkeit mehr erreichen und Coburg damit seinen wichtigsten kulturellen Standortfaktor verlieren würde?


Bei der Sondersitzung des Stadtrates zur Generalsanierung des Landestheaters - wir berichteten - erlaubte sich Oberbürgermeister Norbert Tessmer gleich eingangs auf die lange Verfahrensdauer in anderen Theaterstädten zu verweisen.


Für Coburg jedenfalls legte der damalige Verwaltungsdirektor Wolfgang Vatke 2008 einen dringenden Maßnahmekatalog in München vor, was bedeutet, dass hier vor Ort längst absehbar war, dass eine große Baumaßnahme für das 1840 eröffnete und zuletzt vor 40 Jahren hergerichtete Haus ansteht.


Am Dienstag stimmte der Stadtrat der im Dezember vorgelegten Finanzierungsvereinbarung mit dem Freistaat Bayern zu. Die auszuarbeiten, hatte sich tatsächlich lange hingezogen, sagen wir aus diversen menschlichen Gründen, vor allem aber, weil die Materie schwierig ist. Der durch den Landesvertrag von 1919 zum Eigentümer des Landestheaters gewordene Freistaat Bayern ist zu manchem, aber nicht zu allem verpflichtet. Dass er 75 Prozent der Sanierungskosten und zusätzlich auch 50 Prozent für die unabdingbaren Erweiterungsbauten übernimmt, wurde von den meisten mit großer Erleichterung aufgenommen. Jedenfalls kam der Durchbruch jetzt unter Oberbürgermeister Norbert Tessmer, der sein Amt im Frühsommer 2014 angetreten hat.


Eine der zentralsten Fragen aber wurde vertagt, nämlich nach der Interimsspielstätte. Und wenn die Zeit noch so drängt, will man sich offensichtlich nicht unter Druck setzen lassen. Am 5. Februar geht es nun trotz der bisher eher negativen Eindrücke zu den Zeltlösungen doch nochmal nach Landshut, wo ein Theaterzelt bespielt wird.
Dass am Montag dieser Woche plötzlich Hochschulpräsident Michael Pötzl das Angebot unterbreitete, in einem interdisziplinären Projekt nach einer ganz neuen unkonventionellen Lösung zu suchen, verändert die Lage gänzlich. Schön. Wenn sich alles nur nicht zeitlich so zuspitzen würde.


Mangelnde Information?

Vielen Stadträten sind die Kosten von geschätzt 5,5 Millionen Euro für die sogar als gut machbar eingestufte Aufrüstung der Dreifachturnhalle am Anger zu hoch, auch wenn wiederum der Freistaat 75 Prozent übernehmen würde. Die jetzt mit 64 Millionen Euro angegebenen Gesamtbaukosten (einschließlich Erweiterung und Interim), von denen etwa 19,5 Millionen auf die Stadt Coburg zukommen, verursachen vielen Stadträten Schwindelgefühle angesichts der immer enger werdenden Finanzlage Coburgs. Wobei sich die meisten Redner bei der Stadtratssitzung grundsätzlich zur Generalsanierung des Landestheaters bekannten.


Obwohl Tessmer mehrfach betonte, er setze auf größtmögliche Transparenz, beklagten die Vertreter von Pro Coburg, aber auch CSU-Stadträte, dass sie jetzt erstmals über die Gesamtheit des Vorhabens, vor allem über die mit 14,2 Millionen Euro veranschlagten Erweiterungsmaßnahmen um das Kyrill-Palais herum informiert wurden. Renè Hähnlein und Mathias Langbein (Fraktion Sozial und bürgernah für Coburg) verweigerten gar die Zustimmung zur Finanzierungsvereinbarung. Sie halten eine eigene Interimsspielstätte für überflüssig. "Wir müssen den Gesamthaushalt im Blick behalten", sagte Hähnlein infranken.de auf Nachfrage.


Neben Peter Kammerscheid (Pro Coburg) vermisste unter anderem auch Hans-Heinrich Ulmann (CSB) "Planungstiefe" in dem von Jürgen König vom Staatlichen Hochbauamt Bamberg vorgestellten Verfahren. "Die hätte man doch in den letzten drei Jahren herstellen können. Ich sehe das alles jetzt zum ersten Mal", so Ulmann. (Wobei festzustellen ist, dass Ulmann bis 2014 der Baureferent der Stadt Coburg war.)

Max Beyersdorf (CSU) fragte nach späteren Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Projekt. "Oder sitzen wird dann nur noch in den Zuschauerrängen?" Das wies Jürgen König zurück. Im streng geregelten Stufenverfahren hätten das Staatliche Bauamt als Projektleiter in Zusammenarbeit mit dem Landestheater und der Stadt Coburg immer wieder Gelegenheit einzugreifen, erst Recht, wenn es sich erweisen sollte, dass der Kostenrahmen nicht ausreichen sollte. Schließlich forderten der Landtag und die Ministerien ihrerseits strenge Kontrolle. Die wiederum forderte Friedrich Herdan (CSU) erst Recht: "Wir brauchen ein stringentes Kostencontrolling, nicht zur Überwachung, sondern zur Kostensteuerung. Ich möchte, dass der abgesteckte Kostenrahmen zumindest eingehalten wird."


Nicht schwarzmalen

Bettina Lesch-Lasaridis und Petra Schneider (SPD) stellten später klar, dass gegenwärtig keine detailliertere Planung vorliegen könne, die müsse schließlich erst in Auftrag gegeben werden. Jürgen König räumte aber ein, dass die Kosten für solch ein Sanierungsprojekt tatsächlich schwer zu ermitteln seien. "Wir sind von einem guten Mittelklasse-Standard und den Erfahrungen bei anderen Theatersanierungen ausgegangen. Sollte es sich herausstellen, dass der Finanzierungsrahmen nicht einzuhalten ist, dann werden wir wieder alle beieinander sitzen."


Mit leicht resignativem Unterton merkte Hans-Herbert Hartan (CSU) an: "Wahrscheinlich glaubt hier kein einziger, dass der Kostenrahmen eingehalten wird. Siehe Gärtnerplatz-Theater und andere. Da wird noch einiges auf uns zukommen. Das werden wir aber stemmen müssen."


Worauf sich Parteikollege und Fraktionsvorsitzender Jürgen Oehm allerdings genötigt sah, darauf hinzuweisen, dass er selbst als damaliger Leiter der Außenstelle des Staatlichen Hochbauamtes in Coburg immer wieder für das Landestheater geplant habe und es zu keinen Kostenüberschreitungen gekommen sei. "Das Staatliche Hochbauamt ist bestimmt kein Kostentreiber. Die bisherigen Angaben sind nach Richtwerten erstellte Grobschätzungen, wie sie bei jedem großen öffentlichen Bau vorgenommen werden. Wir haben noch eine ganze Reihe von Stellschrauben. Das Bauamt musste doch erst mal die Grundlagen für die Vereinbarung erstellen, damit die Planung jetzt überhaupt in Gang kommen kann." Man solle nicht schon wieder schwarzmalen, sondern dankbar sein, dass der Freistaat 44 Millionen Euro in die Coburger Kultur investieren werde.

Verwandte Artikel
Verwandte Fotoserien
Noch keine Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren