Coburg
Auftritt

Dieter Nuhr in Coburg: Dem Irrsinn lächelnd begegnen

Mit seinem neuen Programm gastiert Dieter Nuhr in Coburg. Das Publikum erlebt den Kabarettisten als illusionslosen Welterklärer.
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Wortgewandt und unterhaltsam : Dieter Nuhr gastierte im Coburger Kongresshaus. Foto: Jochen Berger
Wortgewandt und unterhaltsam : Dieter Nuhr gastierte im Coburger Kongresshaus. Foto: Jochen Berger
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Goldene Zeiten für Kabarettisten. Die Wirklichkeit versorgt sie überreich mit bestem Satire-Material. Deutschland - ein Schlaraffenland der (unfreiwilligen) Pointen.


Mittendrin in diesem Schlaraffenland: Dieter Nuhr. Der vielfach preisgekrönte Kabarettist und Comedian ist einer, der mit diesen frei Haus geliefertem Pointen-Material virtuos zu jonglieren weiß und sich längst eine treue und große Fan-Gemeinde erspielt hat - auch in Coburg, wo er zuletzt vor genau zwei Jahren an gleicher Stelle gastierte.


Unverblümt mehrheitstauglich

Großer Andrang im Kongresshaus bei Nuhrs Gastspiel - Andrang quer durch fast alle Altersschichten. Denn Nuhrs Art, die große Welt von der Kleinkunst-Bühne oder via TV-Auftritt zu erklären, ist unverblümt mehrheitstauglich, obwohl er sich dem wohlfeilen Schenkelklopfer-Humor weitgehend verweigert.


Mit illusionsloser Schärfe

Was aber macht Nuhr unverwechselbar? Der Minimalismus auf fast leerer Bühne? Das allein reicht aber nicht aus, denn spartanisch beim Verzicht auf Requisiten kommt beispielsweise auch Nuhrs scharfzüngiger Kabarett-Kollege Max Uthoff daher. Vielleicht ist es bei Dieter Nuhr der Verzicht auf den moralisierenden Gestus. Nuhr beschreibt den Irrsinn der Wirklichkeit zwischen Terrorangst und Optimierungswahn mit illusionsloser Schärfe.
Doch seine Analyse wird nicht zum verzweifelten Aufschrei oder zum Aufruf, die Welt doch endlich zu verbessern. Nuhr gibt lieber den überaus eloquenten Zyniker, der kein Revolutionär sein will, sondern eher als Genießer der eigenen Formulierungskünste auftritt.


Denn das zeichnet auch Dieter Nuhrs aktuelles Programm aus, das im Titel wieder einmal mit dem eigenen Namen spielt: "Nur Nuhr".


Nuhr bringt auch an diesem Abend in Coburg zusammen, was scheinbar gar nicht zusammen gehört, manchmal aber eben doch geheime Verbindungslinien besitzt.


Genüsslich zelebriert Nuhr bei seinem Coburg-Gastspiel seine Schwierigkeiten, vom Urlaubs-Modus in den Tournee- und Auftritts-Modus des reisenden Kabarettisten umzuschalten. Weil unsere Zeit gerne als schnelllebig beschrieben wird, erinnert er plaudernd an einige Skandale und Aufreger der letzten Monate - vom Schmähgedicht auf den Ministerpräsidenten der Türkei bis zu peinlichen Auftritten der AfD-Führungsriege.
Die Angst vor dem IS-Terror und die Sorge über den desaströsen Zustand der Bundeswehr, der Fitnesswahn der Senioren und der rücksichtslose Geltungsdrang kleinwüchsiger (Staats-)Männer - viele Themen finden Platz in "Nur Nuhr".


Den Irrsinn der Welt erkennen und trotzdem nicht in Verzweiflung versinken, sondern am Ende des Auftritts lieber hinweisen auf den Devotionalienstand mit diversen Nuhr-Produkten vom T-Shirt bis zum Buch - vielleicht ist das die Botschaft Dieter Nuhrs.




Aus dem Leben eines Kabarettisten


Dieter Nuhr wurde 1960 in Wesel geboren, studierte Bildende Kunst und Geschichte auf Lehramt in Essen, absolvierte Ende der 80er Jahre erste Auftritte als Kabarettist und ist seit 1994 solistisch unterwegs. Nuhr wurde mit einer Reihe von Auszeichnungen bedacht - vom Deutschen Kleinkunstpreis (1998) und dem Bayerischen Kabarettpreis (2000) über den Deutschen Comedypreis (2003, 2009, 2010, 2015) bis zum Jacob-Grimm-Preis (2014). Als Fotograf ist Nuhr zudem mit einer Reihe von Ausstellungen in Galerien und Museen hervorgetreten.
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