>> als Startseite

Bayerns schwerster Häftling

Weil der Mann aufgrund seines Gewichts nicht transportfähig ist, musste das Coburger Gericht für den Prozess gegen einen 51-Jährigen nach Straubing reisen. Verhandelt wurde in der Justizvollzugsanstalt.
Weil der Angeklagte fünf Zentner wiegt, musste das Gericht von Coburg nach Straubing reisen: Klaus Dieter R. im Gespräch mit seinem Verteidiger Jochen Kaller. Ganz rechts im Bild: Vorsitzender Richter Gerhard Amend. Foto: Eva Bernheim
 

Weil der Angeklagte, ein 51-jähriger Drogendealer aus Neustadt bei Coburg, rund 250 Kilo wiegt und deshalb nicht transportfähig ist, musste die Erste Große Strafkammer des Landgerichts Coburg samt Staatsanwalt knapp 260 Kilometer nach Straubing anreisen und nicht umgekehrt. Anstatt im Gerichtssaal fand das Verfahren hinter den Gittern der Justizvollzugsanstalt (JVA) Straubing statt, wo der übergewichtige Mann seit Dezember in Untersuchungshaft sitzt.

Angesichts der besonderen Umstände trat zunächst der Anlass der Verhandlung, eine Anklage wegen Drogenhandels und -besitzes, in den Hintergrund. Auch die im Umgang mit ungewöhnlichen Gefangenen erfahrene Haftanstalt Straubing hatte so einen Fall bisher nicht. Für die Gerichtsverhandlung war ein Teil des Besucherzentrums der JVA umfunktioniert worden. Der Angeklagte saß im Rollstuhl, hinter ihm zwei Pfleger mit einem Krankenbett und dem Notfallkoffer in Bereitschaft. Doch der 51-jährige konnte der mehr als dreistündigen Verhandlung ohne Komplikationen folgen.


JVA-Umbau war nötig



Wegen seiner Körperfülle konnte Klaus-Dieter R. seine U-Haft Ende letzten Jahres erst antreten, als die JVA umgebaut hatte: für 25.000 Euro. "Wir mussten ein breiteres und verstärktes Bett einbauen und eine Spezialbadewanne mit einer Hebevorrichtung", erzählt Anstaltsleiter Matthias Konopka. Weil dafür naturgemäß die übliche Acht-Quadrat-Meter-Zelle zu klein ist, ist der Fünf-Zentner-Mann in der Krankenstation untergebracht, in einem Raum, in dem normalerweise drei Häftlinge Platz haben.

Dort sei auch die Tür breit genug für Klaus-Dieter R. Gehen kann der Häftling nur wenige Schritte, ansonsten sitzt er im 3000 Euro teuren überbreiten Rollstuhl. Auch bei der Körperpflege ist er auf Unterstützung angewiesen, wie der Anstaltsleiter weiß. "Es gibt keine andere JVA in Bayern, die einen solchen Gefangenen aufnehmen kann", sagt Konopka. Der bisher schwerste Häftling habe etwa 170 Kilo gewogen.

Seit 2005 hatte der Frühpensionär seine Wohnung in Neustadt nicht mehr verlassen. Dort ließ er sich offenbar mit der Modedroge Crystal Speed versorgen, und empfing seine Abnehmer. Seit 1996 war er selbst abhängig und konsumierte obendrein in den letzten Jahren eine Flasche Wodka täglich, um seine Zahnschmerzen zu betäuben, wie R. vor Gericht erzählte.


Fluchtgefahr bestand nicht



Um seiner habhaft zu werden, musste die Polizei im April letzten Jahres nur seine Wohnung observieren und eingreifen, als sein Drogen-Lieferant eintraf. Bis zur eigentlichen Inhaftierung im Dezember befand sich R. "in Freiheit", bis seine Gefängniszelle vorbereitet war, Fluchtgefahr bestand bei ihm ja nicht. Auch die Festnahme war von außergewöhnlichen Umständen begleitet. Zahlreiche Rettungskräfte, 19 Feuerwehrleute, zehn Polizisten und fünf Sanitäter waren nötig, um Klaus-Dieter R. unverletzt aus seiner Wohnung im ersten Stock zu bringen.

Klaus-Dieter R. wird der JVA Straubing erhalten bleiben, denn er wurde von der Kammer unter Vorsitz von Richter Gerhard Amend wegen des Besitzes und Handels mit Betäubungsmitteln zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren ohne Bewährung verurteilt. Eine Therapie, die an die Stelle der Haftstrafe treten könnte, wie es in vergleichbaren Fällen wohl üblich wäre, komme bei Klaus-Dieter R. nicht in Frage. "Keine Einrichtung würde sie aufnehmen", sagte Staatsanwalt Matthias Huber mit Blick auf das starke Übergewicht des Verurteilten.

Auch der Vorsitzende Richter Gerhard Amend ermahnte den Frührentner: "Verbessern Sie in der Haft Ihren Gesundheitszustand." Der bescheidene Anfang ist vielleicht gemacht: Denn nach eigenen Angaben hat der wohl schwerste Häftling Bayerns in Straubing bereits zehn Kilo abgenommen.

Kommentieren