Kalligrafie

"In der einen Hand der Pinsel, in der anderen ein Bier": Beim Schreib-Workshop in Bayreuth

Beim Workshop "Hoppy Lettering" in der Bayreuther Brauerei Maisel lernt man die Pinselschrift beim Biertrinken.
Erst üben die Teilnehmer, das Wort "Weizen" in Pinselschrift zu schreiben; dann wird auch das Bier dazu gereicht. Foto: Markus Klein
 
Mit ruhiger Hand senkt Andrea Wunderlich den Pinsel auf die Leinwand. Zuerst ein feiner Strich, der auf dem Weg nach unten mit steigendem Druck dicker wird. "Wichtig ist, den Pinselstift von oben zu nehmen, nicht schräg wie einen Kugelschreiber", erklärt sie während einer engen Zick-Zack-Bewegung mit wechselndem Druck hin zu einem Schnörkel am Ende. Das zaubert ihr ein Lächeln aufs Gesicht. Ihre Mundwinkel bewegen sich leicht zu den Schwüngen. Das kleine "z" sieht besonders beeindruckend aus. Und ihr Lächeln bleibt auch bei den weiteren Pinselbewegungen, bis am Ende das Wort "Weizen" auf der Leinwand steht. Gemeint ist das Bier, nicht das Getreide.

Die neun Teilnehmer beim "Hoppy Lettering" Workshop im Biershop der Brauerei Maisel versuchen nun, auf ihren Plätzen die Bewegungen nachzuahmen und zu verinnerlichen. Wunderlich geht zu den Teilnehmern und gibt Tipps: "Den Schwung erst ganz fein, dann hier mehr Druck", oder "ein subber Schneggerla", womit sie die Kringel am Anfang der großen Buchstaben, in diesem Fall des großen "S" meint.

Zur Pinselübung gibt es insgesamt vier Craftbeere. Zuerst ein belgisches "Witbier". Wie Bier-Sommelier Michael König erklärt, kommt das Weißbier nicht wie meist vermutet aus Bayern, sondern aus Belgien. Die obergärige Brauart kam während der Kolonialzeit aus einer Notwendigkeit zu Stande: In den afrikanischen Kolonien war es zu heiß, um untergärig (etwa Pilsener-, Helles-, Lager- oder Kellerbier) zu brauen, weil diese Biersorten sowohl beim Brauen als auch beim Lagern auf kühle Temperaturen angewiesen sind. Der entscheidende Vorteil des obergärigen (Weizen-) Bieres war, dass man es auch bei hohen Außentemperaturen brauen konnte. Vielleicht schmeckt es deshalb besonders gut im Biergarten im Sommer?


Von der Sauklaue zur Pinselschrift



Es schmeckt jedenfalls auch zu meinen relativ verzweifelten Bemühungen im Keller der Maisel-Brauerei, wenigstens ein "i" sauber mit dem Pinsel zu malen. Nach vier Stunden Disziplin und vier Craftbeeren bekomme ich immerhin den Namen meiner Freundin einigermaßen schick aufs Papier.

Mit meinen tapferen Mittstreitern und deren Fähigkeiten brauche ich mich nicht vergleichen. Die meisten haben schon Erfahrung oder zumindest großes Interesse und Talent. Ich bin was das Malen anbelangt auf dem Niveau der dritten Klasse hängengeblieben und schreibe eine schnellfließende Sauklaue, die ich selbst manchmal schwer entziffern kann. Das hilft beim Job, weil die Gesprächspartner gerne auf meinen Notizblocken schauen, aber nichts erkennen können. Doch vielleicht sollte man im Beruf des Schreiberlings wenigstens schön schreiben können, wenn man es will. Wenn es mir gelingt, einen Buchstaben ohne Zittern oder Verwischen oder falschem Raumverständnis zu malen, macht es sogar richtig Spaß.

"Spaß muss es machen, sonst sollte man es gleich lassen", meint Andrea Wunderlich. "Genießt das große W!" rät sie den Teilnehmern entsprechend; und es ist tatsächlich ein Genuss, wenn so ein komplizierter Buchstabe einmal klappt.

Die selbständige Kalligrafin Wunderlich betreibt zusammen mit ihrem Ehemann ein Atelier im Alten Feuerwehrhaus in Goldkronach (Landkreis Bayreuth). Neben mehreren Workshops macht sie vor allem Auftragsarbeiten, die auch nicht selten in der Fachzeitschrift "Letter Arts Review" ausgestellt werden. Öffentliche Arbeiten von ihr kann man unter anderem in Bayreuth (im Landratsamt), in Moskau (im Contemporary Museum of Calligraphy), in Österreich (im Schriftmuseum Bartlhaus ) und in Polen (im Tatra Museum) betrachten.

"Ich liebe Kalligrafie - und ich liebe Bier", sagt Andrea Wunderlich. Deshalb mache sie den Workshop so gerne. Bei ihren Reisen zu Treffen und Workshops der Kalligrafie treffe sie häufig einen Kollegen aus Irland. In den angloamerikanischen Ländern wird sie auf heimische Bier-Schmankerl eingeladen, in Deutschland lädt sie dann den Kollegen ein, auf Craftbeer oder Fränkisches. Besonders möge sie dunkles Bier und das Craftbeer "Chocolate Stout". "Und dann sitzen wir da, in der einen Hand den Pinsel, in der anderen ein Bier. Gibt's was Schöneres?"
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