Lauter Lach- und Luftnummern

Frank Castorf treibt es in "Siegfried" nun doch zu provozierend bunt. Er nimmt das Stück nicht ernst, was ihm, auch wenn er sich noch nicht vor dem Vorhang zeigte, wütende Buhrufe einbrachte.
Wissenswette vor Mimes Trailer und der kommunistischen Mount Rushmore-Variante in "Siegfried"  Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
 
Verehrte Besucher, wir weisen Sie darauf hin, dass es im II. Aufzug zu einem lauten Bühneneffekt (Gewehrsalve) kommt", steht auf dreisprachigen Hinweisen im Festspielhaus und auf den "Siegfried"-Besetzungszetteln. "Entsprechende Schallmessungen ergaben, dass das Gehör der Besucher dadurch nicht gefährdet oder geschädigt wird." Die kuriose Warnung erreichte nicht alle, denn nachdem der Titelheld losgeballert hatte, kollabierte nicht nur Fafner, sondern auch ein Zuschauer.

Hätte die Festspielleitung mal lieber darauf hingewiesen, dass die Castorfschen Bühneneffekte im dritten Teil der "Ring"-Tetralogie in erster Linie Lach-, Luft- und Ekelnummern sind - nur noch selten unterhaltsame, zumeist erschreckend beliebige, plakative, provozierend gemeinte ironische Einfälle, die so gut wie nichts mehr mit der Geschichte zu tun haben, die er eigentlich erzählen sollte und wollte. Gefährdet und geschädigt wird hier die Substanz, das Werk selbst.

Der "Stückezertrümmerer" ist sich also doch selbst treu geblieben, hat zwar Partitur und Libretto nicht angetastet. Aber die vertraglich zugesicherte Werktreue ist Makulatur, weil der Regisseur nicht nur das Gros der Dreh- und Angelpunkte von Richard Wagners Nibelungendrama ignoriert, sondern die Musik und die in ihr enthaltene Gestik und Semantik. Nach der heillos misslungenen Siegfried-Brünnhilden-Szene war der Aufschrei wütender Zuschauer entsprechend groß.

Sambavogel und Krokodile
Es gab auch Bravorufer. Aber das müssen Besucher sein, die entweder keinen Schimmer davon haben, worum es in dem Werk geht, oder solche Opern- und Wagnerjunkies, denen jeder neue Kick recht ist. Zu den Novitäten gehört zum Beispiel, dass der als Sambatänzerin auftretende Waldvogel so sehr mit Siegfried rummacht, dass die unter anderem mit einem nekrophilen Video und sich begattenden Krokodilen angereicherte Brünnhildenszene sich erübrigt.

Vom Öl, das laut Castorf das Gold unserer Tage sein soll, findet sich nur noch insofern eine Spur, als auf der wiederum spektakulär ausgestatteten Drehbühne von Aleksandar Denic auch die Leuchtreklame einer Minol-Tankstelle aufleuchtet. Doch, das mit den fast realen oder gut erfundenen Bildern aus der DDR hat schon was für sich. Schließlich entführte Fafner den Nibelungenhort gen Osten.

Dort gibt es - zum Teil auch als Brünnhildenfels (der mit ihrem schäbigen Schlafplatz in dem hölzernen Ölförderbau in Baku aus der "Walküre" nichts mehr zu tun hat) - einen kommunistischen Mount Rushmore mit Marx, Lenin, Stalin und Mao sowie dahinter ausschnitthaft den Ost-Berliner Alexanderplatz, mit U-Bahn-Haltestelle, Poststelle, DDR-Laden-Tristesse, Weltzeituhr, Peitschenlampe und Abfalleimer. Worauf der Riese Fafner liegt und was er besitzt, weiß der Kuck uck. Seine kaufsüchtigen Mädels suggerieren bestenfalls, dass der Kapitalismus auch im Kommunismus funktioniert.

Wotan als Zechpreller
Was man unter anderem an der Erda-Wanderer-Szene ablesen kann, denn der begonnene Blowjob wird vom bei Wagner nicht vorhandenen Kellner (Patric Seibert) jäh mit der Rechnung unterbrochen. Wotan-Wanderer, zwinkert Frank Castorf uns zu, ist ein Zechpreller. Toll, was? Mime liest Fachliteratur und krallt sich sofort den von Siegfried angeschleppten Bär (Patric Seibert) als menschlichen Underdog - für seine Heimwerkeridylle rund um den Trailer.

Wenn Siegfried und Mime losziehen zu Fafners Drachenhöhle, damit ersterer dort das Fürchten lernen kann, landen sie - so oder ähnlich funktionieren die Regieeinfälle von Frank Castorf - genau da, wo sie in der Nacht zuvor gestartet sind: in Mimes Trailerwerkstatt. Das ist wie der Clou des wunderbaren Kinderbuches "O wie schön ist Panama" von Janosch. Nur leider ist Wagners "Ring" mitnichten ein Kinderstück. Sondern ein Stück Welttheater, dem man mit Unernst ganz bestimmt nicht beikommt.

Siegfried sieht übrigens Heath Ledger ähnlich, trägt eine goldglänzende Weste und tut nur manchmal so, als würde er das Schwert schmieden, das seine Gestalt tauscht und mal als Kalaschnikow, mal als Messer und als echtes Theaterschwert auftaucht. Lance Ryan ist als Darsteller überzeugend, stimmlich hatte er bei der Premiere keinen guten Tag, traf nur im Forte zuweilen schöne Töne und blieb unzulänglich in den leiseren Passagen.Zeitweise unterschied sich sein Tenor kaum noch von Mime Burkhard Ulrich, der sich zu oft ins Ungenaue und ins Outrieren flüchtete.

Immer wieder unschöne Stimmfarben trübten die Auftritte des verführerischen Samba-Waldvogels Mirella Hagen, der nach wie vor im Gesicht halb eingeschwärzte Fafner von Sorin Coliban präsentierte sich prägnanter als im "Rheingold". Immerhin bietet dieser "Siegfried" mit Wolfgang Kochs Wanderer, Martin Winklers Alberich, Nadine Weissmanns Erda und Catherine Fosters beeindruckender Brünnhilde Protagonisten der Spitzenklasse auf.

Der Debütant ist der wahre Held
Und Dirigent Kirill Petrenko, der den Jubiläums-"Ring" zu einem Ereignis macht. Schon bei seinem Debüt gelingt ihm, wohin die meisten, wenn überhaupt, erst nach viel Praxis im magischen Abgrund kommen: Er kostet die kostbar-heikle Akustik des Hauses mit dem ihm präzise und einfühlsam folgenden Festspielorchester und den meisten Sängern so souverän und inspirierend aus, dass einem plötzlich das von Wagner angestrebte "unsichtbare Theater" plastisch vor Augen tritt. Zumindest musikalisch braucht man vor der "Götterdämmerung" nicht zu bangen.

Die Werktreue halte ich ein, das habe ich vertraglich zugesichert.


Frank Castorf
„Ring“-Regisseur


zum Thema "Richard-Wagner-Festspiele"

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