Interview

Falscher Arzt Postel: "Forensik ist Astrologie"

Der "Unterstützerkreis Ulvi" hatte am Mittwochabend einen besonderen Gast nach Bayreuth eingeladen: Gert Postel, auch bekannt als "Dr. Dr.Bartholmy". Der gebürtige Bremer, gelernter Postbote, erlangte durch seine mehrfachen Anstellungen als falscher Arzt und psychiatrischer Gutachter bundesweit Bekanntheit.
Aufeinandertreffen in Bayreuth: Der Unterstützerkreis Ulvi hatte den seit 13 Jahren in der Psychiatrie sitzenden Ulvi K. (rechts) am Mittwochabend mit Deutschlands bekanntestem falschen Arzt Gert Postel (links) zusammengebracht. In der Mitte: Ulvis Anwalt Thomas Saschenbrecker.  Foto: Jochen Nützel
 
von JOCHEN NÜTZEL
"Ich halte Gert Postel für einen wichtigen Beleg, um zu zeigen, was tatsächlich an Willkür in der Psychiatrie in diesem Land vor sich geht", begründete Gudrun Rödel die Wahl des Gastes, der in der Becher-Bräu aus seinem Buch "Doktorspiele" vorlas. Rödel ist die Betreuerin des geistig behinderten Ulvi k., der in einem Wiederaufnahmeverfahren im Sommer vergangenen Jahres vom Vorwurf des Mordes an der neunjährigen Peggy aus Lichtenberg freigesprochen wurde. Allerdings sitzt der 37-Jährige seit mehr als 13 Jahren in der geschlossenen Abteilung des Bayreuther Bezirkskrankenhauses ein, weil er mehrfach Kinder sexuell belästigt haben soll. Zudem steht nach wie vor der Vorwurf im Raum, er habe die kleine Peggy vergewaltigt. Ob und wann er womöglich aus der Psychiatrie entlassen wird, darüber entscheidet das Landgericht Bayreuth. Ein neues Gutachten bescheinigt Ulvi K. weiteren Therapiebedarf. "Das ist eine Farce", sagt Gudrun Rödel, die laut über eine Verfassungsbeschwerde nachdenkt.

Gert Postel ist eine schillernde Figur und eine schallende Ohrfeige für das medizinische und psychiatrische Wesen. Auf der Plattform Wikipedia.de. findet sich ein ausführlicher Eintrag über ihn. Dort heißt es: Obwohl er niemals ein Medizinstudium absolviert hatte, bewarb sich Postel unter dem Namen Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy im September 1982 um die Stelle des stellvertretenden Amtsarztes im Gesundheitsamt der Stadt Flensburg - und wurde eingestellt. Auf die Frage, worüber er promoviert habe, antwortete Postel "Über die Pseudologia phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Hochstaplers Felix Krull nach dem Roman von Thomas Mann und die kognitiv induzierten Verzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung". Durch einen Zufall - er verlor eine Geldbörse mit zwei Ausweisen, die auf unterschiedliche Namen ausgestellt waren - wurde im April 1983 seine wahre Identität festgestellt und Postel aus dem Dienst entfernt. 1984 erhielt er wegen mehrfacher Urkundenfälschung, missbräuchlichen Führens akademischer Titel sowie der Fälschung von Gesundheitszeugnissen eine Bewährungsstrafe. Weitere Anstellungen als Arzt folgten, unter anderem in der Privatklinik von Julius Hackethal.

Nach einem kurzzeitigen Studium der Theologie gelang Postel im November 1995 erneut eine Rückkehr in den medizinischen Dienst. Unter seinem eigenen Namen trat er als Dr. Postel die Stelle eines Leitenden Oberarztes im Fachkrankenhaus für Psychiatrie Zschadraß bei Leipzig an. Postel verfertigte psychiatrische Gutachten und hielt Vorträge vor Medizinern, ohne dabei Verdacht zu erregen. Am 10. Juli 1997 wurde er zufällig von einer Mitarbeiterin erkannt und tauchte unter. Postel wurde am 12. Mai 1998 in Stuttgart festgenommen und 1999 vom Landgericht Leipzig wegen mehrfachen Betruges und Urkundenfälschung zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Januar 2001 veröffentlichte Postel eine Beschreibung seiner Erlebnisse (Doktorspiele). Die als Bloßstellung des Psychiatriebetriebs beschriebene Darstellung fand Beifall von der Antipsychiatriebewegung.

Am Rande des Treffens in Bayreuth führten wir mit Gert Postel ein Interview:

Herr Postel, Sie haben sich als besonderer Kenner der Materie, wenn man das sagen kann, mit dem Fall von Ulvi beschäftigt.
Richtig, und ich finde das ganz widerwärtig, was diesem Mann widerfährt. Deshalb bin ich der Meinung, es ist richtig, mich für ihn zu engagieren.

Sie sind in Deutschland jemand mit ganz besonderer Psychiatrie-Erfahrung. Das nahm vor ziemlich genau 30 Jahren seinen Anfang. Aus Ihrer Sicht: Welche Entwicklungen sehen Sie in der Psychiatrie?
Es gibt keine Entwicklung, Punkt. Es gab mal kurzfristig eine Tendenz zu liberaleren Auslegung hin in den 1980er-Jahren. Das ging von Klaus Dörner aus und anderen. Aber das hat sich alles längst wieder erledigt. Es gibt eher eine Rückwärtsentwicklung.

Gibt es für Sie überhaupt noch Überraschungen?
Ich habe in jedem Fall die schier unglaublichsten Vorkommnisse in der Psychiatrie erlebt. Dazu gehör natürlich auch meine Person quasi. Ich war ja forensischer Gutachter in unzähligen Strafverfahren - und kein ein einziges Mal ist meinen Gutachten nicht gefolgt worden. Ich konnte mit meinen Gutachten gleichzeitig auch das Gegenteil behaupten und belegen und davon wieder das Gegenteil und vom Gegenteil das Gegenteil vom Gegenteil. Die psychiatrische Sprache ist geduldig. Ich habe erfahren, dass die Forensik von Sprachakrobatik lebt. Ich war ja auch mal Weiterbildungsbeauftragter der sächsischen Landesärztekammer - was ein Witz für sich ist. Ich habe vor Psychiatern Krankheitsbegriffe eingeführt wir die "bipolare Depression dritten Grades" - die gibt es überhaupt nicht. Und wissen Sie was? Keiner hat eine Frage gestellt oder das gar in Zweifel gezogen. Ich habe Universitätsprofessoren danach gefragt, wie häufig diese von mir erfundene Störung denn so vorkomme in der Realität. Keiner kam auf die Idee zu protestieren gegen den Schwachsinn, den ich da verzapfe. Es hieß nur, das Phänomen sei so oft nicht anzutreffen. Mehr kam da nicht. Deswegen sage ich ja immer: Ich fühlte mich als Hochstapler unter Hochstaplern.

Ist so ein Fall wie der von Ulvi K. dann nur die Spitze des Eisbergs?
Ja, das glaube ich. Ich glaube, dass es ganz viele Ulvis und Gustl Mollaths gibt. Die forensische Psychiatrie hat eine Allmacht, der Richter ist lediglich der Schreibgehilfe des Arztes. Kaum ein Richter widersetzt sich, und als Psychiater kann ich alles begründen. Dem Juristen fehlt dafür schon das Vokabular. Ich habe nicht einmal in den vielen Fällen erlebt, dass ein Richter auch nur eine kritische Frage zu einem Gutachten gestellt hat. Man hat auch ehrlich gesagt kein Interesse. Man will die Sache wasserdicht haben, ansonsten zählt nur das Ergebnis, das man will. Der Richter signalisiert oft schon vorher, in welche Richtung es gehen soll.

Die bundesdeutsche Justiz und auch die Forensik müssten eigentlich wahnsinnige Angst vor Ihnen haben. Oder sind Sie ein Feindbild, das gestalkt, bedroht oder abgehört wird?
Nein, die Zunft ist zu blasiert dafür. Angst hat sie, weil ich denen den Spiegel vorgehalten habe. Die Reaktion war entsprechend: Als "Dank" hat man auf den Spiegel eingehauen, als ob das eine Lösung wäre. Man hat mich pathologisiert, ich bin ja selber auch im Zuge der Strafverfolgung begutachtet worden.

Wie ist es denn auf der "anderen" Seite?
Ich habe das nicht ernst nehmen können mit meinem Erfahrungsschatz. Was bei mir begutachtet wird, war mir von vornherein klar: eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Ich habe bei einem Vortrag im Osten mal gesagt: Mit sowas kommt man im Westen zur Welt. Das sind alles bloße Etikettierungen. Beim Arzt kann es sein, dass er ihnen nach der Untersuchung sagt: Sie haben nix. Das kommt in der Psychiatrie nicht vor. Sie gehen immer, ich betone immer mit einer Diagnose raus - und sei es mit dem Urteil: "Sie sind Normopath".

Also krankhaft normal?
Exakt - und das ist jetzt keine von mir erfundene Diagnose.

Der Fall Ulvi steht derzeit in der möglicherweise entscheidenden Phase. Beweist sich das Pingpongspiel von Gutachter und bestätigendem Gutachter? Sozusagen die selbst erfüllende Prophezeihung?
Ich war ja selber mal Leiter eines Maßregelvollzugs. Und ich kann sagen: Es gibt keinen ungefährlicheren Menschen als den Ulvi. Seit 13 Jahren sitzt er jetzt ein. Wenn bis jetzt kein Therapierfolg vorliegt, was soll dann noch geschehen? Was ist überhaupt "Therapieerfolg"? Wer bemisst den? Worauf ich hinaus will: Das alles ist absurdes Sprachgeklingel ohne Inhalt. Und in den Richtern haben diese Psychiater leider gläubige Leute.

Bei Ulvi heißt es von Seiten seiner Unterstützer, er sei das Bauernopfer gewesen, um das Versagen anderer zu decken und damit höherrangige Personen zu schützen. Haben Sie den Eindruck, dass häufiger Menschen in der Psychiatrie landen, weil es für andere sonst brenzlig würde?

Das kann ich nicht sagen. Ich weiß aber: Ich hätte damals in meiner Arztzeit, wenn ich das gewollt hätte, jeden zwangseinweisen können. Ich dürfte wohl einer der wenigen sein, denen das nie passiert - weil sich das bei meiner Vorgeschichte wohl keine Einrichtung trauen würde. Es ist schon eine unglaubliche Macht, die einem da an die Hand gegeben wird. Wenn Sie jemals auf einer Station gelandet sind, können Sie machen, was Sie wollen: Sie wirken immer in ihrem Tun Diagnose-bestätigend. Wenn Sie sich auflehnen, sind sie uneinsichtig und renitent und kriegen Psychopharmaka. Und wenn sie sich in Ihre angebliche Krankheit fügen, dann auch.

Was macht Gert Postel heute?
Ich habe gerade mein zweites Buch fast fertig, es wird in ein paar Monaten erscheinen. Mein Erstling "Doktorspiele" wird verfilmt. Zudem arbeite ich weiter an den Defiziten meiner Bildung. Ich lese viel, befasse mich mit psychiatrischen Fragen.

Dann kommt automatisch immer die Frage: Kann man davon leben in Deutschland?
Sobald man sich für geistige Dinge interessiert, hat man weniger Verlangen nach Materiellem. Ich bin ein genügsamer und bescheidener Mensch. Eine WDR-Redaktuerin fragte mich das neulich am Telefon auch. Ich sagte Ihr: Ich verfilme gerade "Kants Kritik der reinen Vernunft" fürs Fernsehen. Sie hat den Witz nicht verstanden und mich gefragt, ob das denn eine Doku würde. Hallo? Das ist das denkbar abstrakteste Werk dieser Welt - und dann fürs Fernsehen verfilmt? Das fand ich wiederum sehr lustig, weil es mich darin bestätigt, wie unsäglich leicht auch Medienleute sich mit großen Worten abspeisen lassen. Man hört sich das an und erkennt nicht, dass es hohle Phrasen sind.

Woher haben Sie Ihre Wortgewandtheit? Ist das Begabung? Oder geschult?
Das ist aus Notwehr entstanden. Nein, ich habe mich früher mit den Jesuiten sehr beschäftigt. Da habe ich viel über dialektische Prozesse gelernt. Ich war ja damals in jungen Jahren auch ziemlich dumm, wirklich. Ich hatte eine Freundin, die war Richterin in Berlin. Es hat mich gekränkt, dass sie viel klüger war als ich. Deshalb musste ich aus Notwehr lernen. Das war sozusagen der Auslöser des Ganzen. Aber warum zieht ein Postbote diese Show ab? Das geht ja nicht mit angelesenem Wissen. Da muss man das Standing haben, aber nach diesem Wirkmechanismus haben nur ganz wenige gefragt. Ich habe, wenn man das sagen kann, ein krankhaft hochentwickelte Intuition. Die hat mir ermöglicht, Situationen zu beurteilen - und damit Menschen.

Es gibt über Ihre Person diverse Informationen, auch über Ihren Schulabschluss. Mal heißt es, Sie hätten die Realschule beendet, dann wieder, Sie hätten "nur" Hauptschulabschluss.
Beides stimmt. Die Mittlere Reife aber unterschlage ich gerne, weil ich die meinem Sitznachbarn zu verdanken habe, bei dem ich in Mathematik über zwei Jahre gnadenlos abgeschrieben habe. Vor allem aber habe ich dadurch jeden Respekt vor Abschlüsssen, Titeln und damit auch vor Positionen verloren, weil man weiß, auf welchem Weg man da rankommt. Wenn man einen Menschen nach seinem Wert beurteilen will, dann muss man rein abstellen auf den Charakter und nicht auf Intellektualität. Eine sehr hohe Intelligenz in Verbindung mit einem schlechten Charakter macht die ganz großen Verbrecher erst möglich.

Ist es dann umgekehrt bei Ulvi so, dass ihm sein geringerer Intellekt zum Nachteil gereicht hat?

Davon bin ich überzeugt. In seinem Fall ganz sicher.

Was wünschen Sie ihm denn? Können Sie für ihn etwas erreichen?
Das weiß ich nicht. Aber wenn eine Öffentlichkeit dafür sensibilisiert wird, dass Psychiatrie nichts anderes ist als Astrologie und man als Patient dem Charakter des Psychiaters ausgeliefert ist, dann ist schon viel gewonnen. Ulvi kann man nur wünschen, dass er irgendwann an ein Gericht gerät, das ihn entlässt und das nicht an die Allmacht und den Firlefanz der Psychiater glaubt. Vom Landgericht oder dem Oberlandesgericht, also der nächsten Instanz, erwarte ich mir das ehrlich gesagt nicht. Vielleicht vom Bundesverfassungsgericht, wer weiß.


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