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"Tannhäuser"-Premiere: Nur Kesselflickerei

Regisseur Sebastian Baumgarten hat seine im Vorjahr ausgebuhte Inszenierung überarbeitet. Leider ist sie dadurch nicht besser geworden.
Thomas Jesatko (Biterolf), Torsten Kerl (Tannhauser), Lothar Odinius (Walther von der Vogelweide), Michael Nagy (Wolfram von Eschenbach) und Martin Snell (Reinmar von Zweter) im Ersten Akt.  Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
 

Tiere sind ein unverzichtbarer Bestandteil in Richard Wagners Musikdramen und waren schon immer zuverlässiger Lieferant für schöne Anekdoten. So ließ Siegfried Wagner 1930 zu einer zoologischen "Tannhäuser"-Probe" außer Menschen auch Stier, Schwan, Kuhherde, 32 Hunde, Pferde (und Kraniche) antreten. 82 Jahre später tummelt sich im Venusberg vor allem Affenartiges - und vier flunderartig flache Wesen mit Schwänzen, die angeblich gar keine Kaulquappen sein sollen, sondern Spermien.

In Sebastian Baumgartens "Tannhäuser"-Neuinszenierung von 2011, die nicht nur beim Gros der Kritiker, sondern auch beim Publikum durchfiel, kamen im ersten Jahr, wenn ich mich recht entsinne, noch ein paar weitere exotisch-mythologische Figuren dazu. Und die rasend schnell hochschwangere Frau Venus trug damals ein schillerndes Kleid, das sie wohl zur Schlange höchstpersönlich machen sollte.
Werkelei in der "Werkstatt Bayreuth"

Die negative Resonanz hatte Folgen. Als erstes stieg Dirigent Thomas Hengelbrock aus der Produktion aus - was zu bedauern ist, denn seine Interpretation war der einzige Lichtblick und hätte in der konsequenten Weiterarbeit bedeutend und nachhaltig werden können für die Wagnerinterpretation. Was das Szenische betrifft, sollte die große Stunde des Bayreuther Werkstatt-Hammers folgen.

Es war dann aber doch nur ein Hämmerlein bzw. Kesselflickschusterei. Denn am Einheitsbühnenbild, dieser vom holländischen Konzept- und Installationskünstler Joep van Lieshout auf die Bühne gestellte Energiekreislaufmaschinerie namens "Technocrat", hat sich nichts geändert. Nach wie vor sieht es so aus wie etwa im Zentrallager der Baywa, mit diversen Tanks und Druckbehältern, Schläuchen, Trichtern. Nur die große Videowand verrät: Wir sind im deutschen Regietheater, wo es ohne zusätzlich verrätselndes Geflimmer und besserwisserische Textbelehrungen und Gebrauchsanweisungen einfach nicht geht.

Der Regisseur verrät sein Konzept


Baumgartens ursprüngliches Konzept, nämlich zu zeigen, dass die gegensätzlichen Welten im "Tannhäuser" funktionieren wie der pumpende, pulsierende und seine Bewohner unablässig beschäftigende Technocrat, hat der Regisseur in seinen Nachbesserungen fallen lassen. Nicht, dass ich dem nachweine, ganz bestimmt nicht. Aber er verrät damit eigentlich das, was er und sein Team sich ausgedacht und mit riesigem Aufwand, aber vollkommen unzureichend umgesetzt haben.

Das Gewimmel und Gewusel, das im Premierenjahr noch zeigte, wie die alle benebelnde Droge im großen Alkoholator hergestellt wurde, ist gestrichen. Was die verbliebenen Statisten und die Choristen tun, bleibt überwiegend unklar, unmotiviert. Ins Leere gehen auch die Zuschauerstatisten, die eigentlich den Bühnenraum zum Auditorium öffnen sollten. Geblieben sind mit kleinen äußerlichen Änderungen die Hauptfiguren. Zwar wird jetzt immerhin erkennbar, dass Personenführung kein Fremdwort ist für den Regisseur. Aber das nützt wenig, wenn einer die vielschichtigen Wagnerfiguren nicht liebt, sondern sie klischeehaft denunziert.

Alles nur Behauptungstheater


Tannhäuser darf zwar im Venusberg jetzt die Hosen anlassen - der neue Titelheld Torsten Kerl soll sich mannhaft gewehrt haben, in Unterwäsche aufzutreten -, er ist aber nach wie vor ein schmuddeliger Rüpel, der nicht nur auf der Straße für eine Landgrafennichte einfach durchsichtig wäre. Elisabeth wiederum ist so grob gestrickt wie ihr Kleid im 3. Akt (Kostüme: Nina von Mechow). Kein Mensch versteht, warum diese auf Schmuck fixierte Society-Lady später theatralisch die blutroten Hände ringt. Alles Quatsch, alles dramaturgisches Behauptungstheater, das nichts erklärt, nur im Programmheft alles besser weiß und das Publikum mit den zum Teil neuen Einblendungstexten geradezu beleidigt.

Festspielmäßig ist nur das Musikalische


Wenigstens hat, was nicht anders zu erwarten war, Christian Thielemann, den Laden musikalisch fest im Griff. Das Orchester, die Chöre und ein jetzt homogenes Solistenensemble, aus dem nach wie vor sängerisch Michael Nagy als Wolfram und Günther Groissbecks Landgraf herausragen, sorgen für ein festspielgemäßes Klangerlebnis. Und das bringt sogar - endlich gibt es auch szenisch etwas Positives zu berichten - die jetzt deutlich intensiver geführten Kaulquappen bzw. Spermien zuweilen zum Mitschunkeln.

Nur eines habe ich bei der Wiederaufnahmepremiere am Samstag vermisst. Die aufdringlich-riesenhaften Verbotsschilder für Handys, Fotoapparate und Videokameras, die neuerdings vor Beginn der Aufführung auf den Vorhang projizierte werden, hätten von der Ästhetik her ideal zu diesem nach wie vor misslungenen "Tannhäuser" gepasst. Schade also, dass die Inszenierung eine "immerwährende" Installation sein soll, bei der der Vorhang obsolet ist. Ach, Bayreuth!

zum Thema "Richard-Wagner-Festspiele"

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