Bamberg
Interview

Zukunftsforscher aus Erlangen: "Die Zukunft ist kein Schicksal"

Auch durch den Aischgrund verlegten die Nationalsozialisten ein geheimnisumwittertes Erdkabel.
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Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1936 und zeigt ein Bildtelefon.  Foto: Museum für Kommunikation Berlin
Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1936 und zeigt ein Bildtelefon. Foto: Museum für Kommunikation Berlin
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Der Beruf des Zukunftsforschers klingt so schillernd wie der Gegenstand, mit dem er sich beschäftigt. Wer den Erlanger Bernd Flessner trifft, muss sein Bild von einem Zukunftsforscher deshalb unter Umständen revidieren. Zwar ist Flessners Geist gestochen scharf und seine Gabe zur pointierten Formulierung unüberhörbar. Aber Flessner fabuliert nicht kühn ausgreifend ins Ungefähre, sondern betreibt Zukunftsforschung als seriöse Wissenschaft.

Der 60-Jährige arbeitet am Erlanger Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion der Universität Erlangen-Nürnberg mit wissenschaftlichen Methoden wie Szenariostudien, Delphi-Umfragen oder Cross-Impact-Analysen.
Darüber hinaus ist Flessner Autor zahlreicher Bücher und Essays. Sein jüngster Roman "Frankengold" spielt im Aischgrund. Unbekannte graben dort mysteriöse Löcher. Plötzlich liegt ein Toter neben einem dieser Löcher. Eine Beziehungstat, wie die Polizei zu wissen glaubt? Oder hängt alles mit dem Kommunikationssystem der Nazis zusammen?

Was hat Sie an einem Stück Kabel derart fasziniert, dass Sie ihm einen Roman widmeten?
Bernd Flessner: Ich bin auf das Koaxialkabel im Nürnberger Museum für Kommunikation gestoßen. Ich wusste nicht, um was es sich handelt. Meine Neugier war schlagartig geweckt.

Was haben Sie herausgefunden?
Das Kabel war Teil des Kommunikationssystems, das die Nationalsozialisten Anfang der 1930er Jahre in Deutschland verlegt haben. Auch an Neustadt/Aisch liefen entsprechend die Kabel vorbei. Hier in Neustadt gab es auch ein Verstärkeramt. Denn die Signale waren seinerzeit schwach und mussten deshalb im Abstand von je 17,5 Kilometern verstärkt werden. Ich habe später sogar den letzten noch lebenden Neustadter getroffen, der damals in dem Verstärkeramt gearbeitet hat.

Welche Signale wurden gesendet?
Bild- und Fernsehsignale. Die Errichtung des Kommunikationsnetzes stand im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen von 1936. Die Nationalsozialisten wollten sich vor den Augen der Welt als technische Spitzenmacht präsentieren.

Wo sind die Kabel heute?
Die Kabel haben die Alliierten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausgraben lassen.

Was wollten die Alliierten mit den Kabeln?
Die Amerikaner haben nach dem Krieg alles aus Deutschland mitgenommen, was ihrer eigenen Technik überlegen war. Was in den USA aus den Kabeln geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Dafür weiß ich, dass die Russen zwischen Leningrad und Moskau eine Verbindung für Bildtelefone einrichten wollten. Allerdings erfolglos.

War das Bildtelefon ein großer Erfolg in Deutschland?
Nein. In Nürnberg haben im Monat durchschnittlich zehn Personen das Angebot benutzt. Die Handhabung galt als zu kompliziert.

Ein Zukunftsforscher, der über die Vergangenheit schreibt. Ist das kein Widerspruch?
Nein. Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft sind nicht voneinander zu trennen. Wir reden in diesem Zusammenhang auch von der Vergangenheit der Zukunft.

Wie kann Zukunft schon Vergangenheit sein?
Ideengeschichtlich sind viele Zukunftsvisionen in der Vergangenheit angelegt. Wir realisieren im Grunde immer auch die Zukunftsvorstellungen von Menschen, die weit vor unserer Zeit gelebt haben. Den Traum vom Fliegen gab es schon Tausende von Jahren vor dem Zeitpunkt, an dem er realisiert worden ist. Homer stellte die Frage, wie eine Nachricht möglichst schnell von einem Ort zum anderen transportiert werden kann. Mit dem Internet ist sein Traum wahr geworden.

Muss die Vergangenheit verstehen, wer über Zukunft nachdenkt?
Richtig. Im Übrigen sind Forscher auch heute von den Zukunftsbildern der Vergangenheit geprägt. Erst vor kurzem habe ich das CERN in Genf besucht. Nicht wenige der dortigen Forscher haben die Bilder der TV-Serie "Star Trek" im Kopf. Die Erfindung eines Antriebs, wie ihn die "Enterprise" benutzt, ist unter den Wissenschaftlern ein großes Thema.

Aber linear lässt sich Zukunft aus der Vergangenheit nicht fortschreiben.
Es gibt dafür einfach zu viele technische Sackgassen und Brüche. Ein Beispiel für diese Brüche sind die Retro-Tendenzen, die im Moment den Lebensstil vieler Menschen prägen. Plötzlich benutzen viele zum Beispiel wieder Schallplatten. Das ist Teil eines gesellschaftlichen Wertewandels, der das Haptische und das Analoge wieder sucht und prämiert. Das lässt sich als Gegenreaktion auf die digitalen Transformationsprozesse lesen.

Fehlt uns heute ein positiver Begriff von Zukunft?
Zukunftseuphorie und Zukunftsangst haben sich schon immer abgewechselt. Die letzte Zukunftseuphorie gab es Anfang der 1990er Jahre. Die Berliner Mauer war gefallen, der ewige Friede im Zeichen liberaler Demokratien schien gekommen. Zeitgleich begannen die neue Medien wie das Internet positiven Einfluss auf das Leben der Menschen zu nehmen.

Wo ist diese Euphorie geblieben?
Die ungebrochene Euphorie um das Internet habe ich nie geteilt. Die demokratisierenden Effekte sind unbestritten. Aber wir haben immer noch nicht gelernt, mit den sozialen Netzwerken umzugehen. Heute ist das Internet ein riesiger Generator von Lügen, Gerüchten und Mythen.

Wie berechtigt sind die Ängste, Roboter könnten uns die Arbeit wegnehmen?
Zu übersteigerten Ängsten gibt es keinen Anlass. Manche Berufsfelder werden verschwinden, andere neu entstehen. Das Entscheidende ist, dass die neuen Jobs nur von gut ausgebildeten Menschen ausgefüllt werden können. Die Gesellschaft muss deshalb große Anstrengungen in die Bildung und Weiterbildung stecken. Das empfehle ich auch allen Firmen, die ich in Fragen der digitalen Transformation berate. Zukunft ist kein Schicksal. Wir können sie gestalten.

Das Gespräch führte
Christoph Hägele.




Termin Am kommenden Donnerstag, 20. Juli, liest Bernd Flessner um 19 Uhr in der Höchstadter Bücherstube, Am Vogelseck 1, aus seinem Roman "Frankengold".

Eintritt
Zehn Euro

Buch "Frankengold" ist bei ars vivendi erschienen. Der 237 Seiten starke Roman kostet 14 Euro.
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