Bamberg
Interview

"Zigeuner" oder "Neger" würde er nicht verwenden

Der Bamberger Autor Paul Maar soll als Kulturbotschafter in Oberschlesien deutsche Jugendliteratur vermitteln. Was sagt er zur Debatte um "politisch korrekte" Sprache?
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Paul Maar  Foto: Tübel
Paul Maar Foto: Tübel
Anfang Mai hat der Bamberger Kinderbuchautor Paul Maar an einer Bücherkiste mitgepackt, die 15 Studierende des Fachs Didaktik des Deutschen als Zweitsprache (DiDaZ) an der Otto-Friedrich-Universität nach Polen schicken werden. Maar spendete signierte Bücher und übergab sie den Studenten in der Buchhandlung Collibri.

Ziel dieser Bücherkiste ist Dytmarów, ein kleiner 600-Seelen-Ort in Oberschlesien, wo die Bamberger Studenten Zeugen eines Bildungs experiments werden: An der örtlichen Grundschule wird ein Sprachlernkonzept für Deutsch als Minderheitensprache entwickelt, das von der ersten Klasse an Deutsch als festen Bestandteil des Unterrichts vorsieht.

Die Bamberger Studenten planen mit ihrer Dozentin Claudia Kupfer-Schreiner ein zweisprachiges Unterrichtskonzept, das auch kulturelle Brücken schlagen soll zwischen Bamberg und der kleinen Gemeinde in Oberschlesien. Paul Maar wurde gefragt - und er hat nicht gezögert und sich spontan bereit erklärt, dieses "Amt" des Kulturbotschafter für die polnischen Kinder und Jugendlichen zu übernehmen. In der letzten Zeit gab es eine Diskussion, die sich mit der Verwendung von heutzutage negativ besetzten Begriffen in klassischer Jugendliteratur beschäftigte. Was sagt Paul Maar über die Angemessenheit bestimmter Begriffe in der Jugend- und Kinderliteratur.

Welchen Wert haben "Klassiker-Kinderbücher" in der heutigen Zeit noch?
Paul Maar: An den Auflagenzahlen merkt man, dass manche Klassiker immer noch stärker gelesen werden als aktuelle Bücher. "Pippi Langstrumpf" zum Beispiel ist immer noch ein Bestseller. Auch heute wollen Kinder einfach handfeste und spannende Geschichten lesen!

Wie stehen Sie zur Debatte der sprachlichen Entschärfung von Kinder- und Jugendliteratur? Sollten diskriminierende Ausdrücke ihrer Meinung nach geglättet oder ersetzt werden?
Dieses Thema hat zwei Seiten. Einerseits nehme ich an, dass nun viele Autoren durch diese Diskussion sensibilisiert wurden und auf ihre Wortwahl achten werden. Andererseits ist es aber auch so, dass bei anderen "Klassikern", beispielsweise aus der Belletristik, auch Worte, wie "Neger", verwendet werden. Bei Goethe oder Kant in etwa. Aber niemand kam bisher auf die Idee, kritische Begriffe auch bei diesen Autoren auszutauschen. Das ist dann eigentlich eine Diskriminierung für die Kinderliteratur. Ist sie etwa zweiter Klasse, weil sie nur Kinder erziehen und unterhalten soll? Ich denke nicht! Wenn man schon diskriminierende Begriffe ersetzen will, dann konsequent!

Sind in ihren eigenen Büchern auch innerhalb dieser Debatte sprachliche Veränderungen vorgenommen worden?
In meinen Büchern war das nicht nötig. Ich war schon dafür sensibilisiert, gewisse Formulierungen, wie zum Beispiel "Neger", nicht zu verwenden.

Wo würden Sie die Grenze bei der Betitelung diskriminierender Ausdrücken ziehen?
"Zigeuner" oder "Neger" würde ich nicht mehr in Büchern verwenden. Aber es stellt sich vor allem die Frage: Was soll man anstelle dieser einsetzen? Selbst die Bezeichnung "Farbiger" wollen zum Beispiel viele Amerikaner nicht mehr hören. Das ist ein schwieriges Thema. Man windet sich herum und findet vielleicht einen Ausdruck, den man möglicherweise in ein paar Jahren wieder ändern müsste!

Wie sieht es mit dem Wort "Hexe" aus?
Das ist Quatsch! Das ist ein fester Begriff aus dem Märchenrepertoire. Soll man dann "böse Magierin" schreiben?

Muss man innerhalb dieser Debatte zwischen verschiedenen Gattungen unterscheiden? Sollten beispielsweise auch "Märchen" überarbeitet werden?
In Märchen würde ich keine Begriffe ersetzen. Sie sind vor langer, langer Zeit entstanden. Das wäre eine übertriebene "political correctness". Märchen lassen sich oberflächlich lesen, haben aber vor allem eine starke, tiefenpsychologische Bedeutung für Kinder. Wenn in einer Geschichte zum Beispiel eine anmutige Mutter und eine böse Hexe nebeneinanderstehen, erkennt das Kind die liebende und die strafende Seite der Frauen. So kann das Kind unbewusst lernen, mit diesen beiden Seiten umzugehen.

Wie entstand überhaupt eine solche Debatte?
Ich weiß gar nicht mehr genau, wie sie entstand. Als ich begann, mich richtig damit zu beschäftigen, war sie schon in vollem Gang. Ich hatte dann auch einen Briefwechsel mit der Familienministerin Kristina Schröder, die ich so verstanden hatte, dass sie auch Märchen für ihre eigenen Kinder teilweise zensieren würde. Ich habe ihr geantwortet und eine Nachricht von einem Sekretär erhalten, der das Missverständnis aufklärte: Sie lasse beim Vorlesen von Kinderliteratur manchmal Stellen aus. Heute habe ich das Gefühl, als wäre diese Debatte längst wieder vergessen. Andere Themen sind auf der Tagesordnung. Aber vor einiger Zeit hatten dafür alle Interessierten auf einmal bei mir angerufen!

Wie sollen Eltern heute mit kritischen Textpassagen beim Vorlesen umgehen?
Alte Abenteuergeschichten, wie beispielsweise Tom Sawyer, verwenden auch ebensolche Begriffe, aber die würde ich nicht austauschen. Eltern haben vielmehr die Verantwortung, zu spüren, wie viel sie ihren Kindern zutrauen können. Lesen sie alle Beschreibungen von Grausamkeit vor oder mildern sie sie eventuell etwas ab? Ich habe teilweise beim Vorlesen für meine eigenen Kindern auch manchmal Stellen ausgelassen. Die Bestrafung der Bösen habe ich jedoch nicht verschwiegen. Die Struktur der Geschichten fördert nämlich das moralische und ethische Bewusstsein der Kinder. Dagegen habe ich beispielsweise manche Bilderbücher verweigert, wie zum Beispiel die Geschichte "10 kleine Negerlein".

Welches sind ihre aktuellen Projekte?
Paul Maar: Zurzeit mache ich sehr viel im Bereich "Musiktheater". Für das Stück "Die Bamberger Symphoniker gehen zum Konzert" für Sprecher und Orchester habe ich beispielsweise den Text geschrieben, ebenso gibt es eine Zusammenarbeit mit den Nürnberger Symphonikern für das Stück "Der beste Koch der Welt". Demnächst erlebt mein Stück "Von Maus und Mond" seine Uraufführung. Außerdem arbeite ich gerade an einem neuen Kinderbuch. Mehr wird jedoch noch nicht verraten. Es ist schließlich am Entstehen...

Die Fragen stellte Corinna Tübel.

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