Kronach
Ermittlungen

Klinikskandal in Kronach und Hof: War falsche Diagnose bei 17-Jähriger schuld am Tod?

Eine junge Frau geht mit Schmerzen in der Brust in die Kliniken in Kronach und Hof. Sie wird nicht behandelt und stirbt. Der Staatsanwalt ermittelt.
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Ein Behandlungsfehler hat einer 17-Jährigen möglicherweise das Leben gekostet. Symbolfoto: Patrick Pleul dpa Oliver Berg dpa.
Ein Behandlungsfehler hat einer 17-Jährigen möglicherweise das Leben gekostet. Symbolfoto: Patrick Pleul dpa Oliver Berg dpa.
War eine falsche Diagnose in den Kliniken in Kronach und Hof mit schuld am Tod einer 17 Jahre alten Patientin aus dem Landkreis Kronach? Bei der Staatsanwaltschaft läuft ein Ermittlungsverfahren gegen Ärzte und Mitarbeiter der beiden Krankenhäuser, die bei der Frau eine lebensgefährliche Aortendissektion (Riss in der Hauptschlagader) offenbar nicht erkannt hatten.

Ein Sprecher der Helios-Klinik in Kronach bestätigt ebenso wie eine Vertreterin des Klinikums in Hof , dass es Verfahren gibt beziehungsweise gegeben hat, will sich aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht weiter äußern. Nur so viel: "Wir bedauern den Tod des Mädchens zutiefst."


Schmerzen und Erbrechen

Nach Angaben der Angehörigen, die von der Anwaltskanzlei Jensch in Coburg vertreten werden, hatte die junge Frau am 6. Februar 2016 über plötzliche starke Brustschmerzen geklagt. Die 17-Jährige musste sich übergeben. Weil bei solchen Symptomen ein Herzinfarkt im Raum steht, ließ sich die Frau unverzüglich in die Notaufnahme des Klinikums Kronach fahren.

Dort wurde nichts festgestellt und die Patientin entlassen. "Es wurde die Verdachtsdiagnose Halsentzündung gestellt", schildert Anwalt Martin Jensch. Weil die Schmerzen stärker wurden, ging die junge Frau am folgenden Tag erneut in die Notaufnahme in Kronach; dort riet man ihr, weil noch nicht 18, eine Kinderklinik aufzusuchen.
Das tat die junge Frau noch am gleichen Tag: Um 12 Uhr schilderte sie in der Notaufnahme des Klinikums in Hof ihre Beschwerden. "Auch hier wurde keine klare Diagnose gestellt", sagt Jensch. Die Frau ging wieder nach Hause und am Tag darauf zum Vertreter ihres Hausarztes, der keinen Rat wusste.


Jede Hilfe kommt zu spät

Am nächsten Tag, 9. Februar, fanden die Eltern die 17-Jährige nachmittags leblos in ihren Zimmer; der sofort alarmierte Notarzt konnte nicht mehr helfen. Ursache für den Tod war Herzversagen in Folge eines Risses in der Körperhauptschlagader.

Hätte die junge Frau gerettet werden können, wenn frühzeitig die richtige Diagnose gestellt worden wäre? "Eindeutig ja", sagt der Anwalt, der im Auftrag der Eltern der Verstorbenen Strafanzeige und Schadenersatzklage gegen alle Beteiligten gestellt hat, die bei der jungen Frau die lebensbedrohliche Erkrankung übersehen hatten.
Jensch sieht sich durch Gutachten bestätigt, die die Staatsanwaltschaft Coburg und seine Kanzlei in Auftrag gegeben haben. Die würden darlegen, dass es sich bei der Aortendissektion zwar um ein seltenes Krankheitsbild handelt; dass Notfallmediziner aufgrund der eindeutigen Symptome aber in der Lage sein müssten, sie zu erkennen.


Die Spezialisten sitzen in Leipzig

Die Staatsanwaltschaft in Coburg und Hof hat, wie Recherchen der Redaktion ergeben haben, zunächst gegen fünf Personen wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Drei dieser Verfahren wurden eingestellt, unter anderem das gegen Mitarbeiter des Klinikums in Hof, bestätigt der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Coburg, Christian Pfab.
Über den Ausgang der weiteren Verfahren wollen weder Anwalt noch Staatsanwalt spekulieren. In vergleichbaren Fällen, die es jüngst unter anderem in Südtirol gegeben hat, erhob die Staatsanwaltschaften keine Anklage, weil ein direkter Zusammenhang zwischen falscher Diagnose und Tod des Patienten nicht herzustellen war.

Im Fall der Helios-Klinik in Kronach ist der mögliche Fehler in der Notaufnahme doppelt tragisch: Die Helios-Kliniken unterhalten in Leipzig ein in Fachkreisen hoch angesehenes Behandlungszentrum, das auf die Aortendissektion spezialisiert ist und nach eigener Darstellung jährlich 400 Patienten hilft.


Die Krankheit

Als Aortendissektion bezeichnet man in der Medizin eine Aufspaltung der Wandschichten der Hauptschlagader (Aorta), meist verursacht durch einen Einriss der inneren Gefäßwand (Tunica intima) mit nachfolgender Einblutung zwischen den Schichten. Sie verursacht in aller Regel plötzliche, heftige Schmerzen und ist unmittelbar lebensbedrohlich, weil sie zu einem Aufplatzen der Hauptschlagader (Aortenruptur) und zu akuten Durchblutungsstörungen verschiedener Organe führen kann. Während sie noch vor 50 Jahren meist tödlich endete, überlebt heute die Mehrzahl der Betroffenen. Dies ist hauptsächlich einer möglichst rasch eingeleiteten Operation der gefährlichsten Formen zu verdanken. Eine unverzügliche Diagnostik (zum Beispiel durch Computer-Tomografie) ist deshalb bei dieser Krankheit von entscheidender Bedeutung.
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