Iphofen
Archäologie

Schätze aus dem Fluss

Von der Quelle bis zur Mündung lässt sich das frühe Leben am Main an bemerkenswerten Funden nacherzählen. Sammlung im Knauf-Museum Iphofen.
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Die Florentiner Goldgulden aus Willanzheim: Mehr als 160 davon fand ein Ortsvorsteher Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Dunggrube. Ein Teil des Schatzes verschwand. Die 57 erhaltenen Münzen sind jetzt im Knauf-Museum Iphofen zu sehen.  Foto: Staatliche Münzsammlung München
Die Florentiner Goldgulden aus Willanzheim: Mehr als 160 davon fand ein Ortsvorsteher Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Dunggrube. Ein Teil des Schatzes verschwand. Die 57 erhaltenen Münzen sind jetzt im Knauf-Museum Iphofen zu sehen. Foto: Staatliche Münzsammlung München
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Da steht er jetzt, der Sander Götze, in einer Glasvitrine. Gut zehn Zentimeter groß, ziemlich schwarz. Und, scheint es, er lacht. In den 60er Jahren hatte die Schwester des Kieswerksbesitzers in Sand am Main den Holzkopf auf einem gerade gefüllten Lastkahn entdeckt. Neben einem Henkelbecher. Sie nahm Kopf und Keramik mit nach Hause. Eine mittelalterliche Bugfigur, dachte die Familie, sei's. Man tränkte die Figur zum Konservieren mit Lack. Und freute sich am Fund aus der Kiesfuhre.

Bugfigur? Mittelalterlich? "Die ist rund 2000 Jahre alt", sagt Markus Mergenthaler, der Leiter des Knauf-Museums Iphofen, und lächelt. "Erst vor kurzem ist erkannt worden, dass die Figur möglicherweise von archäologischem Wert sein könnte." Mehrere Jahresring-Untersuchungen hätten die Ahnung bestätigt: Die ermittelten Werte für das Fälldatum des Eichenstamms bewegen sich in der Zeit von 2463 bis 1912 vor Christus. Späte Jungsteinzeit also. Auch die Keramikanalysen für den Henkelbecher deuten Richtung Jungsteinzeit.
2000 Jahre später steht der geschwärzte Kopf mit dem breiten Mund hinter Glas im Scheinwerferlicht. "Auch wenn bezüglich Datierung, Herkunft und Funktion noch viele Fragen offen sind", sagt Mergenthaler, "dürfte es sich um eine der ältesten anthropomorphen Holzfiguren Bayerns handeln." Ein Kultobjekt aus früher Zeit vermutlich, Abbild einer Flussgottheit? Der Museumsleiter hat den "Sander Götzen" in die neue große Ausstellung geholt: Archäologie am Fluss.

Zusammen mit vielen anderen alten und noch älteren Objekten, vom Mammutbackenzahn bis zu mittelalterlichen Einbäumen, die allesamt am Wasser oder im Wasser gefunden worden waren. Und die im Iphöfer Museum jetzt die "Frühe Main-Geschichte" erzählen.

Eine Lebensader war der Main schon immer. Heute noch finden sich an seinen Ufern, im Kies, einfache Werkzeuge aus der Altsteinzeit. Und nach der letzten großen Eiszeit, ab 12 000 v. Chr., hielten sich die Menschen gerne an den Ufern des Flusses auf, um nach Fischen und Wasservögeln zu jagen. Federmesser zeugen davon: Kleine Spitzen aus scharfkantig geschlagenem Gestein, die vermutlich auf Pfeilen steckten. Vor allem am Untermain, bei Karlstein oder Offenbach, auch zwischen Karlstadt und Gemünden - dort, wo sich einst ausgedehnte Sandflächen befunden hatten - wurden solche Steinspitzen gefunden.


Der Fluss als Verkehrsweg

Steinäxte erzählen davon, wie es in der Jungsteinzeit weiterging: Der Fluss war der Verkehrsweg, mit dem Menschen und neue Technologien kamen. Ab circa 5500 v. Chr. ließen sich die ersten Ackerbauern auf den fruchtbaren Lössböden am Maindreieck nieder. Die Vorstellung, dass die vielen Steinbeile, die im Main entdeckt wurden, den Flussanrainern beim Überqueren oder Durchfahren verloren gegangen waren - für die Vorgeschichtler ist sie überholt. Sie waren, sagt Mergenthaler, wohl absichtlich versenkt worden: "Der Main war ein heiliges Gewässer, wo man Opfer für die Götter niederlegte und Votivgaben bewusst ins Wasser warf."
Ein besonderer Fund ist das "Tintinnabulum" aus Frankfurt-Höchst, gefunden um 1900 am Ufer. Ein rätselhafter Gegenstand aus einer Ringscheibe mit Stielöse und eingehängten Klapperscheiben. "Mit großer Sicherheit", sagt Mergenthaler, "gehört er in einen rituell-religiösen Zusammenhang." Die Ausstellung im Knauf-Museum folgt dem Lauf des Mains von der Quelle bis zur Mündung, von Bad Staffelstein bis Mainz. Viele der Funde sind der Baggerei, sind dem Ausbau zur europäischen Schifffahrtsstraße zu verdanken. Wenn irgendwo Funde gehäuft auftreten, muss das nicht unbedingt eine entsprechende frühe Besiedelung bedeuten. Sondern erst einmal: neuzeitliche Flussbettvertiefung, moderne Begradigung.
In der späten Bronzezeit, 1300 bis 800 v. Chr., deponierte man - wohl aus religiösen Gründen - besonders viele wertvolle Gegenstände im Main. Die meisten Stücke, sagt Mergenthaler, sind wertvoll und "männlich": Hammeräxte und Schwerter, Lanzenspitzen, Helme und Schilde. Die Waffen und Arbeitsgeräte aus Stein und Metall überdauerten in den Fluten. Gebrauchsgegenstände aus Holz und Keramik, Schmuck aus Muscheln, Perlennadeln spült es schneller davon. Das einzige ganze (jungsteinzeitliche) Tongefäß von den Ufern des Mains steht im Museum jetzt auch in der Vitrine: der bandkeramische Kumpf aus Thüngersheim, wohl auch eine Versenkungsgabe.
Beim Bau der Erlabrunner Staustufe hatte man das henkellose Gefäß mit rundem Boden und geritzten Verzierungen im Schwemmsand gefunden. Und dann gibt es da noch ein "weibliches" Ausstellungsstück: der Haubenschmuck aus Grundfeld, einem Ortsteil von Bad Staffelstein. Das geschwungene, verzierte Bronzeblech gehörte um 1000 vor Christus einer vornehmen, älteren Frau, die auf einem Gräberfeld zu Füßen des Staffelberges bestattet wurde und zu Lebzeiten wahrscheinlich auf dem Bergplateau residiert hatte.
Die dreifache, mit flachem Bronzedraht durchzogene Lochung vorne im Blech lasse auf eine Verbindung mit einer Haube aus textilem Material schließen, sagt Kulturhistoriker Mergenthaler: "Aus Frauengräbern am Obermain kamen bisher mehrere derartige, geschwungene Bronzebleche zutage. Das war wohl die erste fränkische Tracht."

Der Schmuck liegt heute in der Archäologischen Staatssammlung München, einem der zwei Dutzend Leihgeber für die Ausstellung. Aus dem Depot in München kommen auch der keltische Helm, der 1972 in den Sanden östlich des Mains bei Garstadt im Landkreis Schweinfurt entdeckt worden war. Aus einem Stück getrieben, hatte er ursprünglich oben einen Knauf. Innen sind beidseitig Bronzelaschen angenietet, wohl um Wangenklappen dort zu befestigen. "Keltische Helme sind sehr selten und waren nur den Häuptlingen vorbehalten", sagt Mergenthaler. Oft seien sie so aufwendig verziert, dass sie für den Kampf gar nicht tauglich und vorrangig ein Statussymbol waren.


Kammhelm aus Ebing

Der Helm von Garstadt indes ist ungeschmückt, so wie der noch etwas ältere Kammhelm aus Ebing bei Bamberg. Um 1200 v. Chr. war er aus zwei getriebenen, gewölbten Blechen zusammengesetzt worden. Ob die Kopfbedeckungen dem Kampf dienten oder nur bei feierlichen oder kultischen Anlässen Verwendung fanden? "Auffällig ist es jedenfalls, dass man sie nur als Flussfunde kennt und sie uns nie in Gräbern als Ausstattung der Toten begegnen", sagt Mergenthaler.

Als die Römer in der Zeit des Kaisers Augustus versuchten, das Land jenseits des Rheins zu erobern, war der Main das Einfallstor nach Osten. An der Spitze des Maindreiecks in Marktbreit legten sie ein großes Doppellegionslager an - allerdings für kurze Zeit. Nach der Niederlage in der Varusschlacht 9 n. Chr. spielte der Ort keine Rolle mehr.

Ab ca. 90 n. Chr. bildete der Main als "Nasser Limes" zwischen Miltenberg und Großkrotzenburg dann auf 50 Kilometern Länge die Grenze des Römischen Reichs. Inschriften auf Weihe- und Altarsteinen zeugen heute noch davon, dass dort römische Holzfällerkommandos unterwegs waren: Sie transportierten das geschlagene Holz auf dem Wasserweg, auch der Buntsandstein wurde als begehrtes Baumaterial mainabwärts verschifft.
Zu den jungen Ausstellungsstücken zählen Florentiner Goldgulden: Anno 1853 hatte sie der Ortsvorsteher von Willanzheim im Landkreis Kitzingen beim Abräumen einer Dunggrube gefunden. Die Goldgulden, zwischen 1252 und 1345 in Florenz geprägt, waren "die" Währung der Zeit. Und der Main war "die" Handelsroute auch im Mittelalter. Aus 163 Münzen hatte der Schatz bestanden. 57 glänzen und strahlen jetzt im Knaufmuseum in der Vitrine. Der Rest? "Was mit ihnen geschehen ist, ist offen", sagt Mergenthaler. Geschäftstüchtig hatte man sie wohl noch im 19. Jahrhundert an den Kunsthandel verkauft.

Die Ausstellung: "Frühe MAIN Geschichte. Archäologie am Fluss" ist im Knauf-Museum in Iphofen zu sehen bis zum 5. November. Geöffnet ist von Dienstag bis Samstag jeweils von 10 bis 17 Uhr, sonntags von 11 bis 17 Uhr, Tel. (09323) 31-528 oder 31-0, www.knauf-museum.de. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Begleitband erschienen, herausgegeben von Margarete Klein-Pfeuffer und Markus Mergenthaler, 288 Seiten, 24,90 €, ISBN 978-3-89754-465-9
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