Bad Bocklet
Interview

Michl Müller in Bad Bocklet

Drei Jahre lang war er mit "Ausfahrt freihalten" auf großen und ganz großen Bühnen unterwegs, jetzt ist Schluss.
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Michl Müller gastiert am 21. und 22. Juli in Bad Bocklet. Für den Freitag gibt es noch Restkarten, der Samstag ist ausverkauft.  Foto: Daniel Peter
Michl Müller gastiert am 21. und 22. Juli in Bad Bocklet. Für den Freitag gibt es noch Restkarten, der Samstag ist ausverkauft. Foto: Daniel Peter
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Schon die Premiere in Bad Bocklet vor drei Jahren war ausverkauft gewesen - und seitdem landab, landauf fast jede Show: "Ausfahrt freihalten" war Michl Müllers bislang erfolgreichstes Programm. Der 45-Jährige aus der Rhön gehört zu den bekannten Kabarettisten in Deutschland. Und einer der meistbeschäftigten mit 140 Live-Vorstellungen jährlich und zig Radio-Auftritten und eigener ARD-Sendung im Abendprogramm. Jetzt nimmt der gebürtige Bad Kissinger die Ausfahrt - Richtung neues Programm.

Am 21. und 22. Juli sind die Dernièren, wieder in Bad Bocklet. Der Samstag ist längst ausverkauft. Für den Freitag gibt's noch Restkarten.?

Herr Müller, natürlich rein hypothetisch: Jemand hat Sie tatsächlich noch nie gesehen. Was muss der über Michl Müller wissen
Michl Müller: Über Michl Müller? Ich würd‘ mal sach': eine Mischung aus Kabarett und Comedy mit leichtem fränggischem Zungenschlach von politisch und gesellschaftskritisch bis hin zum Klamauk. Und zwischendrin gibt´s noch Lieder.

Was macht Michl Müller nicht?
Müller: Was ich nicht mache? Im Prinzip mach‘ ich alles.

Und was am liebsten?
Das Politische liegt mir, das Aktuelle. Das schätzen auch die Leute: Dass das, was am Tag los war, abends schon wieder auf der Bühne ist. Ich bin keiner, der das Politische aufdröselt bis zum geht nicht mehr. Ich sach' manchmal bloß zwei Sätze. Wenn es zwei passende sind, reicht das: Ich lass den Leuten ihren eigenen Gedankengang.

Drei Jahre lang waren Sie jetzt unterwegs, knapp 400 Abende, 300 000 Besucher. Ist´s Ihnen selbst schon langweilig geworden?
Es gibt zwar Teile, die fast jeden Abend wortwörtlich gleich sind. Aber irgendein Zwischenruf kommt, auf den ich eingehe, irgendwas Spontanes.

Und wie kommen Sie zu den zwei passenden Sätzen zum Aktuellen?
Das meiste passiert auf der Bühne. Ich fang früh an mit Zeitungen, die arbeite ich durch, Internet, Tagesschau. Da schreibe ich mir Stichworte auf. Die geh' ich kurz vor der Vorstellung noch durch, dann gehe ich auf die Bühne - und entweder es passiert was. Oder es passiert nichts.

Und wann passiert was und der Abend ist gut?
Ich fang ja immer mit dem Aktuellen an. Ein Abend ist dann gut, wenn ich auf die Bühne komme und die Leute sind da dran interessiert.

Liegt´s dann an Ihnen, den Leuten, dem Thema?
Na, teils, teils. Es gibt schon Leute, die mehr auf die zwischenmenschlichen Sachen stehen und weniger auf aktuelle Politik. Aber ich versuche immer, auch Politik zu vermitteln. Immer noch was mitgeben, und wenn es in einem Nebensatz hintendran ist. Die Leute sind dafür wirklich dankbar. Das ist eben die Aufgabe von Kabarett: Selbst wenn ich das Ganze nicht so hoch hänge, nehme ich Leute mit oder kann sie für Politik begeistern. Ich bewundere Leute wie Claus von Wagner oder Max Uthoff, die alles aufdröseln. Aber das ist nicht mein Anliegen. Ich schaue, dass die breite Masse mitkommt.

Wie viel Dreggsagg ist in Ihnen?
Also, wenn man sagt, dass der Dreggsagg eine Auszeichnung ist: ein Schlitzohr, das auf verworrenen Wegen doch zu dem kommt, was es will - dann ist schon einiges an Dreggsagg da.

Aber im allerersten Programm, 1997, da hatten Sie noch kein politisches Anliegen, oder?
Nein, überhaupt nicht. Das kam über die Jahre dazu. Irgendwann hab‘ ich an Aschermittwoch ein rein politisches Programm gemacht.

Nervt es Sie, immer mit Fastnacht in Franken verbunden zu werden? Und weniger als politischer Kabarettist verstanden zu sein?
Fastnacht in Franken ist natürlich nichts für eine Kulturredaktion. Anerkennung vom Publikum ist schön. Wenn man von der kulturellen Seite her wahrgenommen wird, aber auch. Denn ich glaube schon, dass das, was ich auf der Kabarettbühne mache schon konträr ist zu dem, was ich bei Fastnacht in Franken biete. Politische Comedy, so würde ich das nennen.

Also mit Anspruch.
Ich glaube schon, dass man eine Haltung darin sehen kann. Kein Witz, nur damit ein Witz gemacht ist. Man sieht, dass das Programm gegen rechts ist. Da steckt sehr viel AfD drin, die habe ich lange vermieden, ganz bewusst. Ich habe echt darauf gewartet, dass die sich selber entlarven. Und es geht auf die Bundestagswahl zu, da merkt man, dass im Prinzip alle gleich sind. Dann der Niedergang der SPD mit dem Jesus Schulz, die sind schon bei der Kreuzigung angekommen. Der Niedergang der Grünen, der FDP . . . Obwohl, FDP ist bei mir nicht so viel dabei.

Sie hatten 300 000 Zuschauer in Ihrem Soloprogramm. Wie fühlt man sich, wenn man in riesigen Hallen vor Tausenden von Leuten Kabarett macht?
In Nürnberg in der Arena sind es 6000 - das ist schon verrückt. Ich war immer einer, der sagt, das funktioniert nur im Kleinen. Aber das funktioniert wirklich im Großen.

Geht man in so einer Arena anders auf die Bühne als in der Turnhalle Zellingen?
Nein. Natürlich hab ich jetzt ein Team hinten dran, bei dem ich weiß, auf das kann ich mich verlassen. Ich geh nicht auf die Bühne und denke, hoffentlich verstehen das jetzt alle, ist der Ton gut, ist das Licht gut? Ich habe Sicherheit. Das ist schon schön.

Sie sind ja jetzt ein "Gesicht".
Wenn ich durch Schweinfurt geh‘, heißt es alle zehn Meter: Servus! Erstaunlich, wie weit es geht, dass man erkannt wird.

Wer wird da gegrüßt? Der Dreggsagg? Oder der Mensch Michl Müller?
Es ist sehr unterschiedlich. Psst, guck, das ist doch Herr Müller? Und der nächste kommt: Hey, Dreggsagg.

Lesen Sie eigentlich die Kritiken nach Auftritten?
Hmm, manchmal. Man macht sich ja immer Mühe mit einem Programm und ist schon froh, wenn es eine gute Kritik bekommt. Wenn jemand das Programm so erkannt hat, wie man es eigentlich gewollt hat. Wenn ich dann lese, dass kein roter Faden drin ist, weiß ich: Da war der Kritiker nur eine Halbzeit da und hat die Auflösung von allem nicht mehr mitbekommen.

Was machen Sie in den letzten fünf Minuten, bevor es auf die Bühne geht?
Das geht los mit dem Ritual. Alle kommen zusammen, wer raucht, zündet sich noch mal eine Zigarette an. Ich fang an mit irgendeinem Lied. Egal ob Schlager oder Rock. Der Text geht immer so: "Jou, heute a besserer Ton wie bei der Helene Fischer!" Dann sagt ein Techniker: "Beim Riedmann Schorsch liegt noch ein Kabel." Auch ein Running Gag von einem Auftritt, wo dann wochenlang irgendein Kabel gefehlt hat. Und dann muss einer einen Witz erzählen. Also nicht ich! Wenn der Witz schlecht war, sagen wir: "Ihr macht Frieden." Wir wünschen uns alle Spaß, und ich hab' noch circa drei Minuten. Da wird´s Mikrofon angelegt, noch mal schnell auf die Toilette - und dann steh ich schon hinter der Bühne.

In der Pause?
Da fragt man sich: Sind sie heute gut drauf, sind sie schlecht drauf? Dann trink ich ein alkoholfreies Weißbier, der Techniker überprüft alles. Gerade bei Sälen hat man oft den Guckkasten-Effekt: Da bekomme ich fast nichts mit, keinen Applaus. Lachen sie jetzt? Lachen sie nicht? Und der Techniker kommt und sagt: Wow, die sind heute aber gut drauf.

Was passiert in den ersten fünf Minuten nach der Show?
Da bin ich fix und fertig. Als Zugaben gibt´s ja meistens Lieder. Dann bin ich durchgeschwitzt. Also trockenlegen, neues T-Shirt an. Mittlerweile muss man auf Facebook ja auch noch posten, wie´s war. Dann gibt´s Autogramme.

Lästige Pflicht oder angenehme Pflicht?
Och ja, das macht schon Spaß. Die Leute sagen immer: War schön, war gut, hat uns g´falln. Man kommt ins Gespräch, und gerade der Franke ist ja geneigt, zu sagen, woher er kommt. Das macht glaub‘ ich kein anderer Deutscher: Ich bin der Günnder, ich bin die Evi, aus Stadtsteinach, kenn‘n Sie doch. Sie sind doch der Michl Müller, ich bin fei vo‘ da und da. Und meistens kennt man´s ja auch.

Das Gespräch führte Alice Natter
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