Bamberg
Rechtsstreit

Kämpfer mit langem Atem

Christoph Klein entwickelt eine neue Inhalierhilfe für Asthmatiker. Experten sind begeistert, kurz darauf muss der Erfinder aber Insolvenz anmelden.
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Christoph Klein führt seit vielen Jahren Rechtsstreits um seine Erfindung für Asthmatiker.
Christoph Klein führt seit vielen Jahren Rechtsstreits um seine Erfindung für Asthmatiker.
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A ufgeben? Kommt für Christoph Klein nicht in Frage. Obwohl dies in seinem Fall durchaus verständlich wäre. Seit fast 25 Jahren kämpft der 50-Jährige gegen Lobbyverbände und Politiker, die seiner Meinung nach den kleinen Mann zu Strecke bringen. "Ich bin wütend und halte nicht den Mund" lauten die einleitenden Worte seines Buches "Die Asthma-Lüge".

Anfang der 1990er Jahre hat der gebürtige Rheinländer eine geniale Idee. Klein, selbst seit seiner Kindheit Asthmatiker, entwickelt während seines Studiums eine neue Inhalierhilfe. Diese ist gerade, nicht L-förmig wie die herkömmlichen. "Wenn man einen Wasserschlauch abknickt, tritt ja auch weniger Wasser aus", begründet der Erfinder.

Patienten, Institute und Krankenkassen sind begeistert. Klein wird sogar mit Innovationspreisen dekoriert. Denn: Die sonst typischen Medikamentenablagerungen treten nicht mehr auf. Zudem lässt sich das Gerät viel besser dosieren und spart so eine Menge Arzneikosten.


Pharmaindustrie hat kein Interesse

Was fortan folgt, ist allerdings nicht der erhoffte Siegeszug. Vielmehr beginnt ein Kampf gegen Pharmaindustrie, Behörden und Politik. "Die treibende Kraft war die Pharmaindustrie, bei der es um Umsatzeinbußen in Milliardenhöhe ging", vermutet Klein. In der Anfangszeit habe es seitens der Unternehmen Absagen gehagelt, teilweise mit nebulösen Begründungen. "Ein Angestellter drohte mir am Telefon, die Pharmaindustrie würde mir das Leben schwer machen."

Ungeachtet dessen gründet Klein 1993 die "Broncho-Air Inhaliersysteme GmbH", innerhalb von einer Woche verkauft er Produkte im Wert von rund 100 000 DM. Doch die Gegner lassen nicht locker. Die Regierung von Oberbayern fordert wissenschaftliche Tests und Untersuchungen. Am 18. Mai 2005 wird Klein eine Verbotsverfügung übermittelt. Sein Produkt "effecto" muss unverzüglich vom Markt genommen werden. Zentrales Argument: Ein zugelassenes Arzneimittel plus ein Plastikrohr ergibt zusammen ein neues, "illegales" Arzneimittel.
Es folgen ein schier endloser Schriftverkehr, mehrere Gerichtsverhandlungen, eine erste Insolvenz und im Jahr 2000 die Entwicklung eines neuen, ähnlichen Produktes. Auch hier bleibt es bei der Erfindung, obwohl das Verwaltungsgericht München die Funktionsweise anerkennt.

Am 15. November 2005 folgt dann der Beschluss des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs: Auch die zweite Inhalierhilfe wird verboten. Pikant: Die Europäische Union hat bis heute kein Schutzklauselverfahren eingeleitet, obwohl dies vorgeschrieben ist. Damit wird in solchen Fällen das Verbot eines Produktes geprüft.


Klage vor dem EuGH

Viele hätten zu diesem Zeitpunkt längst kapituliert. Für Christoph Klein war das nie eine Option. "Als Kind habe ich von meinem Vater beigebracht bekommen, Dinge, die man angefangen hat, auch zu Ende zu bringen." Klein, der seit 1995 mit seiner Gattin und zwei erwachsenen Kindern in Großgmain im Salzburger Land lebt, schreibt Politiker an, klagt gegen Behörden und zieht mit seiner Schadensersatzklage gegen die EU-Kommission sogar vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH). Mittlerweile ist man dort in der vierten Instanz angekommen. "Ich bin zuversichtlich, dass ich gewinnen werde." Im Herbst 2018 soll ein Urteil fallen.
Unabhängig von dieser Entscheidung hat der 50-Jährige sein persönliches Urteil längst gefällt: Die in Deutschland häufig propagierte Unterstützung für Innovationen und Erfindungen sei Heuchelei. "Meine schmerzhafteste Erkenntnis in den letzten 25 Jahren war, dass Politik und Behörden nicht komplett frei und unabhängig sind, wenn es um wirtschaftliche Interessen der Industrie geht." Seine persönliche Geschichte soll dies zeigen. "Mein Buch wurde nicht als Tragödie geschrieben, sondern als Enthüllungsbuch."



INFO:
Das Buch

Der 1966 in Troisdorf im Rheinland geborene Christoph Klein leidet seit seiner Kindheit an Asthma. Er entwickelt eine Inhalierhilfe für Asthmasprays, die weltweit patentiert und mit Innovationspreisen belobigt wird. Allerdings ruft die Erfindung schnell die Pharmaindustrie, die bayerische und deutsche Regierung sowie die EU-Kommission auf den Plan. Das Taschenbuch "Die Asthma-Lüge" gibt es bei Amazon. Es kostet 11,99 Euro.
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