Bamberg
Diskussionsforum

In Sachen Verkehr kann Bamberg ein Vorreiter sein

Wie bewegen wir uns? So lautet eine der Fragen, die bei der Denkwerkstatt "Bamberg 2050" diskutiert wird. Experte Josef Lehner sieht hier große Chancen.
Artikel einbetten Artikel drucken
Nicht nur in der Löwenstraße leiden die Bamberger unter dem Verkehr.  Foto: Ronald Rinklef
Nicht nur in der Löwenstraße leiden die Bamberger unter dem Verkehr. Foto: Ronald Rinklef
+1 Bild

Anfang des Jahres sorgte ein Video für Aufsehen, das ein Bamberger in der Löwenstraße aufgenommen hatte, um die Raserei vieler Autofahrer zu dokumentieren. Zu schnelle und zu viele Autos in der Innenstadt - sieht so auch die Zukunft von Bamberg aus? Josef Lehner, Geschäftsführer vom Carsharing-Verein "meiaudo", sagt "Nein". Im Interview erklärt er, wie durch neue Entwicklungen und Technologien der Stressfaktor Auto künftig in Bamberg reduziert werden kann.
Bei der Denkwerkstatt "Bamberg 2050" ist Lehner der Experte für den Bereich Mobilität. Das offene Diskussionsforum wird von der Volkshochschule Bamberg-Stadt und dem Fränkischen Tag veranstaltet und findet am Samstag, 27. Januar, von 13 bis 18 Uhr bei der Mediengruppe Oberfranken statt. Wer teilnehmen möchte, kann sich hier bereits anmelden.

Carsharing, autonomes Fahren, Elektromobilität - es tut sich wahnsinnig viel in Sachen motorisierte Fortbewegung in der Stadt. Was ist aus Ihrer Sicht die bahnbrechendste Neuerung?
Josef Lehner: Wir erleben hier in Bamberg gerade einen großen Fortschritt, der allerdings nicht auf technische Innovationen zurückgeht, sondern auf eine bessere Vernetzung aller Partner rund um Stadtplanung, Bauwesen und Mobilität. Im letzten Jahr haben sich Stadtplanung, Stadtwerke-ÖPNV und Bauträger bei einem Wohnungsbauprojekt in der Gärtnerstadt zusammengetan. Um in diesem sensiblen Bereich kostbare Fläche zu sparen, wurde die hohe Zahl an Normstellplätzen durch wenige Parkflächen für Carsharing-Autos ersetzt. Wir betreiben diese Carsharing-Station zusammen mit der Wohneigentümergemeinschaft. In diesem Bereich sehe ich noch viel Zukunft: Fahrzeugmitbenutzung innerhalb eines Mietvertrages oder als Zusatzbaustein für die Stadtbus-Monatskarte wird kommen.
Und was die e-Autos und das autonome Fahren angeht: Gerade in der Share-Kultur sucht man sich individuell die im Einzelfall günstigste, also auch umweltschonendste Mobilitätslösung. Hier treten dann die Nachteile wie z.B. das Reichweitenproblem der Elektromobilität in den Hintergrund, da der Kunde ja jederzeit ausweichen kann. Eine große Chance für die e-Autos! Heute den kleinen billigen e-Flitzer und morgen den Umzugsbus. Auch im Bereich des autonomen Fahrens werden die Fahrzeuge Vor-und Nachteile aufweisen. Wir werden da rechtzeitig einsteigen und unsere Nutzer können sich die Vorteile sichern und Nachteilen aus dem Weg gehen.

Aktuell gibt es rund 200 E-Autos und Hybrid-Fahrzeuge in der Stadt Bamberg - das sind weniger als 0,4 Prozent aller zugelassenen Fahrzeuge. Ab wann wird sich an diesem Verhältnis etwas Entscheidendes ändern?
Wer sich ein e-Fahrzeug anschaffen möchte, braucht einen eigenen, privaten Stellplatz mit Ladeanschluss. Denn im öffentlichen Raum kann man so gut wie gar nicht laden. Außerdem sind viele öffentliche Ladesäulen auch durch hohe Parkgebühren belastet. Wer derzeit keinen eigenen Ladeanschluss hat, braucht an die Anschaffung eines e-Fahrzeuges nicht zu denken. Er könnte jedoch ein nahes e-CarSharing-Auto benutzen.

Wann rollt der letzte Diesel über Bambergs Straßen?
Diesel wird es noch lange geben. Man denke an 30 Jahre alte Feuerwehrfahrzeuge. Allerdings kann es nicht sein, dass jeder Diesel-Stadtbus sauberer ist als ein Diesel-Pkw. Wenn Diesel, dann sauber - und das geht. Die große Masse der Verbrennungsmaschinen muss jedoch ersetzt werden und das geht innerhalb von 20 Jahren.

In Bamberg wird der Bahnausbau heiß diskutiert. Egal welche Trasse kommt, die Fertigstellung wird wohl bis 2030 dauern. Welchen Stellenwert wird der Schienenverkehr dann haben?
Die Bahn hat die beste Umweltbilanz von allen Verkehrsmitteln. Außerdem ist sie für Pendler und bei Fernreisen für viele Menschen die beste Alternative, deshalb wird ihr Stellenwert zunehmen. Dies wird in Zukunft durch Verbundmobilität noch optimiert werden. Die Schwachpunkte sind hier derzeit die Randzeiten z.B. nach Mitternacht und die Randzonen der Stadt. Hier hat auch Carsharing Grenzen, da derzeit auch in Großstädten keine Randzonen im Einwegverkehr bedient werden können. Hier schlägt die Stunde von selbstfahrenden Fahrzeugen, die sich selbständig zum nächsten Einsatzort bewegen.

Ist eine Zukunft ohne Autos in der Innenstadt vorstellbar?
Die Vielzahl der Fahrzeuge in der Innenstadt, die fahrenden und vor allem auch die parkenden, sind für die Stadt ungünstig. Der derzeitige Verkehr ist auf jeden Fall ein Stressfaktor im Stadtzentrum. Gerade im Welterbe brauchen wir aber Veränderungen, Bamberg kann da eine Vorreiterrolle einnehmen. Und viele Menschen wollen das auch so. Sie sehen ja heute schon, wie viele Fußgänger oder Radfahrer in der Innenstadt unterwegs sind.
Um für die Fahrt ins Stadtzentrum vom Auto auf andere Verkehrsmittel umzusteigen, die die Allgemeinheit weniger belasten, brauchen die Menschen attraktive Alternativen. Das kann Carsharing sein, das der Stadt fahrenden und parkenden Verkehr erspart, das können gute Busverbindungen sein, die zuverlässig und in engem Takt funktionieren. Und das kann eine bessere Infrastruktur für Radfahrer und Fußgänger sein. Bamberg, wie gesagt, kann da als Welterbestadt eine Vorreiterrolle einnehmen.

Was würde dies für die "Architektur" einer Stadt wie Bamberg bedeuten?
Die Stadtplanung arbeitet seit Jahrzehnten dafür, den Durchgangsverkehr durch die Innenstadt zu reduzieren. Deswegen sind ja die großen Ringstraßen gebaut worden. Wenn noch weniger Autos durch die Innenstadt rollen oder dort parken, wird viel Fläche frei, die dann für bessere Zwecke genutzt werden kann: Man kann dort Radwege bauen, Bäume pflanzen, Bestuhlung von Cafes hinstellen etc. Das nutzt allen, die sich in der Innenstadt aufhalten.

Was wäre aus Ihrer Sicht die ideale Fortbewegungsmöglichkeit der Zukunft?
Die Mobilität der Zukunft wird multimodal sein. Das heißt, dass man je nach Anlass zwischen verschiedenen Optionen wählt: zu Fuß gehen, Rad fahren, Bus oder Bahn fahren, auch mal das Taxi nutzen oder ein Auto, für tägliche Pendler das eigene, für alle anderen das Carsharing-Auto.

Die Fragen stellte Michael Memmel

Verwandte Artikel
Verwandte Fotoserien
4 Kommentare
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren