Bamberg
Denkmal

Entdeckung in der Theuerstadt

Die ehemalige Kurie Salerei - heute Theuerstadt 5 - ist wesentlich älter als bisher angenommen.
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Die barocke Stuckdecke in der Theuerstadt 5 ließ zunächst einBaujahr um 1720 vermuten. Fotos: Marion Krüger-Hundrup
Die barocke Stuckdecke in der Theuerstadt 5 ließ zunächst einBaujahr um 1720 vermuten. Fotos: Marion Krüger-Hundrup
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Dass er mit seiner Familie in einem wahren Schatzkästchen lebt, war Michael Kalb schon immer klar. Allein die barocke Stuckdecke in seinem Wohnzimmer ist eine Augenweide. "Ich bin bisher davon ausgegangen, dass mein Haus um 1720 gebaut worden ist", sagt Kalb. Doch nachdem Volker Rößner,
Kunsthistoriker und freier Mitarbeiter des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, das Gebäude gründlich untersucht hatte, steht fest: Baujahr
der heutigen Theuerstadt 5 ist 1391!
Ein "spektakuläres Forschungsergebnis" - in der Tat. So nannte Matthias Exner die Entdeckung bei einem Ortstermin exklusiv für den Fränkischen Tag. Exner leitet am Landesamt für Denkmalpflege in München das Projekt, in dem
die Kunstdenkmäler Bambergs umfassend wissenschaftlich inventarisiert werden: "Die einzige Stadt in Bayern, der ein solches Werk gewidmet ist", erklärte Exners Kollege aus dem Landesamt, Thomas Gunzelmann. Zwölf schwergewichtige Bücher umfasst inzwischen die Reihe, die als "silberne Inventarbände" vor allem in kunsthistorisch interessierten Kreisen bekannt ist: "als flächendeckende und systematische Aufarbeitung des Weltkulturerbes Bamberg, wie es den Unesco-Statuten entspricht", so Matthias Exner.
Die Erkenntnisse über die Theuerstadt 5 - die ehemalige Kurie Salerei des Stiftes St. Gangolf umfasst auch die Hausnummern 3 und 3a - sollen nun in einen Band "Theuerstadt und die östliche Stadterweiterung" einfließen. Voraussichtlich Ende 2019 wird dieser erscheinen. Die Bauforscher des Landesamtes wollen bis dahin die Baugeschichte der Theuerstadt nachvollziehen: "Im nächsten Umfeld dieser Stiftskurie werden weitere mit ähnlich sensationellen Entdeckungen vermutet", sagt Volker Rößner.
Eine Voraussetzung für die detektivische Spurensuche ist natürlich, dass die Eigentümer den Forschern Zugang zu ihren Häusern gewähren. "Es wäre für das aufwendige Projekt fatal, wenn uns Wichtiges entgeht, weil wir nicht alle Häuser besichtigen und untersuchen können", bittet Matthias Exner um
Einsicht und wirbt mit "kostenlosen Gutachten über die Häuser", die auch zu einer Wertsteigerung der Immobilie beitragen könnten.
"Es geschieht nichts Übles", beschreibt Exner die zeitlich eng begrenzte Untersuchung der denkmalgeschützten Gebäude. Eine "diskrete Aussparung
bestimmter Räume" sei gewährleistet, niemand müsse extra "aufräumen oder die Sperrmüllabfuhr bestellen und den Dachboden entrümpeln!" Hausforscher Rößner bestätigt: "Ich sehe nur die Substanz und die Dachbalken, sonst nichts!"
Städtischer Baureferent Thomas Beese ergänzt: "Das Haus wird nur nach wissenschaftlichem Standpunkt und intensivem Archivalien-Studium untersucht, es ist keine Baukontrolle." Hausbesitzer Michael Kalb nickt zustimmend. Er habe die schriftliche Anfrage des Landesamtes für Denkmalpflege "mit Wohlwollen aufgenommen". Ihn habe die verborgene Geschichte seines Hauses interessiert, das 1929 von seinem Großvater gekauft worden und in dem schon seit Ende des 18. Jahrhunderts eine Metzgerei nachweisbar sei.
Als "absoluten Glücksfall" bezeichnet es Volker Rößner, dass just in der Zeitspanne, in der er die Theuerstadt 5 untersuchen wollte, der Dachbalken
wegen eines geplanten Ausbaus frei gelegt waren. Rößner fand im Dachstuhl sogenannte Abbundzeichen: Die Zimmerer "nummerierten" damals jeden Balken, um den bereits vorgefertigten Dachstuhl einfacher errichten zu können. In Bamberg wurden dazu bis ins 19. Jahrhundert "Fähnchen", kleine Dreiecke, in die Balken geschnitzt. Davor jedoch, bis gegen 1475, markierten sie die Balken mit kleinen Quadraten. Auf solche Quadrate stieß Rößner. Damit war klar, dass das Gebäude vor 1475 entstanden sein muss. Für eine genaue Holzaltersbestimmung entnahm der
Bauforscher Proben aus den Balken. Diese Bestimmung ergab eben das Baujahr 1391. "Das Haus steht wie eine Eins!", strahlt Eigentümer Kalb. Er sei stolz darauf, in so einem alten Haus zu wohnen. Ein Fenster aus der Gegenwart in die Vergangenheit geöffnet zu haben, auch wenn die Nutzung des Gebäudes um 1391 im Dunkeln liege.



Info

Erkenntnisse aus ihren Untersuchungen präsentieren die Forscher auch im Rahmen einer Vortragsreihe in der städtischen Volkshochschule (VHS). Am Dienstag, 23. Januar, 19 Uhr, berichten Matthias Exner und Professorin Susanne Talabardon über den "Jüdischer Friedhof in Bamberg - eine Bestandsaufnahme". Am Dienstag, 6. Februar, 19 Uhr, gibt Diplom-Ingenieur
Klaus Herta Einblicke in die Entwicklungsgeschichte der Malzfabrik Weyermann.
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