Bamberg
Ausstellung

Die Strümpfe des Papstes betrachten

Bei einer besonderen schau ihn Mannheim hat man 1500 Jahre im Blick. Papst Clemens II. und seine Grablege im Bamberger Dom spielen eine spektakuläre Rolle.
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Auch die Pontifikalstrümpfe des "Bamberger Papstes" haben die Reise nach Mannheim angetreten.
Auch die Pontifikalstrümpfe des "Bamberger Papstes" haben die Reise nach Mannheim angetreten.
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D ie Päpste als Nachfolger des heiligen Petrus verfügten über den Schlüssel zum Himmel. Und über die Macht, über Gut und Böse zu entscheiden. Mit ihnen sind Glanz und Gloria, Prunk und Protz, Verehrung und Verachtung, Politik und Krisen verbunden.
Der britische Künstler Francis Bacon (1909-1992) hat 1951 ein Bild gemalt, das auch als der bedrohte und von Mühsal beladene Papst gedeutet werden kann: Das Leid der ganzen Welt versammelt sich in seiner Person. Wie einst Papst Gregor VII. 1084 fast verzweifelt, aber auch unbeirrt an die Christenheit schrieb: "Ich schreie, schreie und schreie!", so bringt der Papst auf diesem Bild die unendliche Last der Verantwortung und die Hoffnung auf Erlösung durch seinen Schrei zum Ausdruck.

Der Besucher der Ausstellung "Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt" in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim kann diesen Schrei im übertragenen Sinne hören und sehen. Zugleich auch die Sinfonie einer 1500-jährigen Geschichte, bevor Katholiken und Protestanten getrennte Wege gingen.

Weltweit einmalig beleuchtet die Präsentation von rund 330 Kunst- und Kulturschätzen auf etwa 2500 Quadratmetern die faszinierende Entwicklung des Papsttums von den Anfängen in der Antike über das Mittelalter bis an die Tore der Reformation. Seltene Zeugnisse der frühen Kirche, kostbare Textilien, reich illustrierte mittelalterliche Schriften sowie prachtvolle Papstbildnisse von Tizian bis eben Bacon können bewundert werden.

Es sind Exponate darunter, die teils noch nie nördlich der Alpen waren. Dank der Kooperation mit wissenschaftlichen und musealen Einrichtungen des Vatikans kamen einzigartige Objekte nach Mannheim. So adelt etwa die berühmte Biblioteca Apostolica Vaticana die Schau mit außergewöhnlich vielen Leihgaben. Auch weitere namhafte europäische Museen und Sammlungen unterstützen das Projekt unter der Schirmherrschaft von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Zu den Leihgebern zählen auch die Bamberger Institutionen Diözesanmuseum, Staatsarchiv und Staatsbibliothek.

Beim Rundgang wird durch die ausgewählten Exponate und Texttafeln deutlich, welche Bedeutung das Papsttum für die Entwicklung der lateinischen Welt hatte. In manchen Etappen erlangten die Päpste größten Einfluss auf die Gestaltung des westlichen Europa. Unter ihrem Schutz entstanden neue Reiche. Überdies wurde ein hohes Maß an Vereinheitlichung moralischer und rechtlicher Grundsätze erreicht. In anderen Epochen war das Papsttum schärfsten Angriffen ausgesetzt. 1409, als es drei Päpste zur gleichen Zeit gab, sank ihr Ansehen auf den Tiefpunkt.

Doch in einem atemberaubenden Kraftakt gelang es den Renaissancepäpsten, Rom seit Mitte des 15. Jahrhunderts wieder zu einem glänzenden Mittelpunkt der Künste, Architektur und der Wissenschaften zu machen - bis sich europäische Könige und Kaiser um die Herrschaft in Italien schlugen. Und durch die Reformation in Deutschland die Einheit der Kirche zerbrach und obendrein der englische König Heinrich VIII. mit seinen Bischöfen die Zugehörigkeit zur lateineuropäisch-römischen Kirchengemeinschaft aufkündigte.

Eine Fülle an hochkarätigen Originalen beleuchtet diese 1500 Jahre Kulturgeschichte. Ein besonderer Höhepunkt ist wohl der Papst-Kaiser-Rotulus, der in Mannheim erstmals in seiner vollen Länge von 6,67 Metern zu bestaunen ist. Die schmale Pergamentrolle aus den 1430er Jahren besteht aus 15 zusammengeklebten Blättern und präsentiert Universalgeschichte über mehr als 1400 Jahre in grafischer Form. Pfiffiges Detail unter den allein 232 Papstbildern ist die legendäre Päpstin Johanna. Sie ist zwischen Leo IV. (847-855) und Benedikt III. (855-858) abgebildet: Durch Haarlocken und Kopftuch unter der Tiara als Frau kenntlich gemacht und als "frwa hulda" benannt.


Die rotblonden Haare aus dem Grab

Ein absoluter Glanzpunkt unter vielen in der Ausstellung ist der Bischofsstadt Bamberg zu verdanken: Ihr Dom beherbergt das einzige Papstgrab nördlich der Alpen. Und diese Bestandteile der Grablege von Clemens II. (1046-1047) sind in Mannheim in einen räumlichen Zusammenhang gebracht, wie es ihn nicht einmal in Bamberg gibt. Für die Ausstellung wurden die Tumba (freistehender Sarkophag) aus dem Westchor des Domes und die Clemensfigur von einem Pfeiler im Ostchor dreidimensional eingescannt und aus Styrodur ausgefräst. Die nunmehr liegende Figur schwebt förmlich auf der Tumba dieser originalgetreuen 3D-Rekonstruktion.
Das Gesamt-Ensemble steht in der Ausstellung im Zusammenhang mit den Grabbeigaben, die 1942 im Rahmen einer kriegsbedingten Kunstsicherung aus dem Clemensgrab entnommen wurden: die Pontifikalstrümpfe etwa aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, die Stola oder zwei Palliumskreuze - und rotblonde Haare von Papst Clemens II.
Dass diese wertvollen Objekte überhaupt die sicheren Vitrinen im Bamberger Diözesanmuseum verlassen durften, ist ihrem guten Erhaltungszustand zu verdanken, sagt Domkapitular Norbert Jung, Leiter der Hauptabteilung Kunst und Kultur im Erzbischöflichen Ordinariat. Er lobt die "vorbildliche Zusammenarbeit mit Textilrestauratorin Sibylle Ruß", die den Transport und die Fixierung auf Trägerplatten begleitet hatte. Nicht reisefähige Teile aus dem Papstornat wie die Dalmatika und die Kasel sind im Diözesanmuseum geblieben.

Zurück nach Mannheim. Aufwändige Inszenierungen und speziell für die Schau erstellte filmische Rekonstruktionen locken. Drei cineastisch anmutende Filme illustrieren die Entwicklung Roms von der Antike zur Zeit Kaiser Neros bis zur Renaissance unter Papst Julius II. Noch nie wurde die Stadt Rom in so einer Detailtreue in gleich drei Zeitphasen in 3D rekonstruiert. Das Wachstum der "ewigen Stadt" am Tiber war eng mit dem Schicksal der Päpste verbunden.

Ein absolutes Highlight erwartet die Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung: Der erste Bereich widmet sich der Verehrung des Apostelfürsten Petrus, den Jesus Christus selbst zum Oberhaupt seiner Kirche ernannt haben soll und in dessen Nachfolge sich die Päpste sehen. Eine originalgetreue Rekonstruktion des Petrusgrabes gibt den Stand Ende des 3. Jahrhunderts wieder.

Doch das Wesen des Papsttums gerade in neuerer Zeit führt einzig der schon erwähnte Francis Bacon wie in einem Brennspiegel vor Augen: der bedrohte Papst, der seine ganze menschliche Existenz in den Dienst seines Amtes stellt und der dennoch seine Einsamkeit, ja Ausweglosigkeit, zutiefst empfindet. Da verbreitet Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, in seinem Grußwort zur Mannheimer Ausstellung Hoffnung: "Auch wenn die Zeiten längst vergangen sind, in denen Europa das christliche Abendland genannt wurde, sind wesentliche Elemente unserer Vorstellung des Zusammenlebens von christlichen Werten geprägt...".


INFO: Die Ausstellung "Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt" ist bis zum 31. Oktober 2017 in den Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Zeughaus C5, in Mannheim zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag (auch an Feiertagen), 11 bis 18 Uhr. Mehr im Netz unter www.paepste2017.de
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