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Region  // Bamberg

Wirtschaft

Plastikfrei einkaufen: Zwei Schwestern wollen Unverpackt-Laden in Bamberg eröffnen

In Bamberg könnte ein Laden eröffnet werden, in dem es Lebensmittel unverpackt zu kaufen gibt. Zwei Schwestern wollen das über Crowdfunding finanzieren.
Das Ladenkonzept, Lebensmittel in eigene Behälter wie Einmachgläser abzufüllen, wollen Alina (rechts) und ihre Schwester Theres Gerischer in Bamberg umsetzen.  Fotos: S. Seewald
 
von SARAH SEEWALD
Wenn es nach Theres und Alina Gerischer geht, soll in Bamberg bald nicht mehr nur Bier abgezapft werden. Ob Müsli oder Mehl - in einem Unverpacktladen sollen sich Kunden ihre Produkte aus Mehrwegbehältern in ihre eigenen Gefäße abfüllen können. Das Konzept, beim Einkaufen auf Plastikverpackung zu verzichten, ist nicht neu oder das ihrige.


Im Gespräch mit den Schwestern:
Im Gespräch verraten sie, wie weit sie von der Eröffnung entfernt sind und warum es nicht die eine Zielgruppe für Unverpacktläden gibt.

Wie oft habt ihr es bereut, eure Idee über Facebook publik gemacht zu haben und somit unter Zugzwang zu stehen, statt im stillen Kämmerchen alles vorzubereiten?
Theres: Es ist ja gut, so viele Menschen wie möglich am Start zu haben. Crowdfunding braucht ganz viele Menschen. Hätten wir jetzt noch keine Community, hätten wir vielleicht auch noch nicht so viel Geld zusammenbekommen.
Alina: Als uns die Idee gekommen ist, haben wir immer wieder überlegt, wollen wir das wirklich machen?! Mit dem Schritt, die Idee öffentlich zu machen, ist es für uns auch ein Stück weit sicherer gewesen, dass wir das Projekt wirklich angehen.

Einen verbindlichen Charakter hat aber weder die Idee auf Facebook, noch das Crowdfunding...
Für uns schon. Wir stellen uns voll darauf ein und werden alles dafür geben, dass der Laden realisiert wird.

Ist es dank Sozialer Netzwerke ein Kinderspiel, Unternehmer zu werden?
Alina: Nein, ein Kinderspiel ist es sicher nicht. Ich versuche mich seit vier Jahren über das Internet selbstständig zu machen. Das ist echt schwer. Viele möchten sich übers Internet selbstständig machen und dann als Weltreisender von überall aus arbeiten können, aber das ist sauschwierig. Man muss da unglaublich diszipliniert sein und den Leuten einen Mehrwert bieten, damit man Erfolg hat - das ist sauschwer.

Eine eigene Webseite oder einen Blog zu füllen, das ist heutzutage nichts Unmögliches mehr. Wie sieht es aber mit all der Bürokratie und den anderen Rahmenbedingungen aus, an die ihr euch halten müsst?
Alina: Auch wir haben einen Businessplan geschrieben, Kalkulationen aufgestellt, waren bei einer Steuerberaterin, waren bei der Wirtschaftsförderung,.... Es ist einerseits gut, dass alles geregelt ist, aber es ist auch sehr kompliziert, man braucht viel Durchhaltevermögen. Irgendwie macht mir das sogar Spaß. Ich freue mich zum Beispiel jetzt schon auf die Buchhaltung.
Stichwort Sortiment: Ihr wollt Lebensmittel, aber auch Hygieneartikel anbieten. Gibt es in Bamberg auf dem Markt nicht schon genug Möglichkeiten, Lebensmittel ohne Plastik einzukaufen?
Alina: Obst und Gemüse wird nur ein kleiner Teil der Ware sein. Wir bieten vor allem auch Trockenware an - eben alles, was es sonst vor allem aus Plastikverpackungen gibt. Nüsse, Nudeln, Reis, Mehl,...

Dreadlocks, in einem Video tanzt ihr über den Maxplatz, bunte Tücher - ihr verkörpert ja schon ziemlich viel "alternativ". Wie stellt ihr euch die Zielgruppe vor?
Alina: Es gibt keine. Es geht um Menschen, die was verändern wollen, man kann schon mit seinem Einkauf etwas verändern.
Theres: Jeder ist willkommen.
Alina: Bamberg ist schon sehr alternativ, es gibt viele offene Menschen, die etwas bewegen wollen, die an so etwas interessiert sind. Für junge Leute ist es gerade oft der Lifestyle, bewusst zu leben.

Nicht ganz unerheblich ist für viele ja, was Lebensmittel kosten...
Alina: Unsere Preise werden nicht teurer sein als im Bioladen. Wer will, kann sich die Produkte leisten.
Theres: Aber es gibt eben auch geizige Leute, die sich Bio-Lebensmittel überhaupt nicht leisten wollen. Aber ich glaube: Bewusst leben ist kein Trend, es muss die Zukunft sein.

Ihr habt wenige Geheimnisse, nur in Sachen Standort verratet ihr nicht mehr als Innenstadtlage.
Alina: Also wir haben uns einen superschönen Laden angeschaut, den wir unbedingt haben möchten, aber da steht die Entscheidung erst noch aus.

Also gibt es eine Immobilie, die perfekt wäre. Wie geht es weiter?
Alina:
Erst mal die langen 30 Tage der Crowdfundingkampagne abwarten... Eröffnen wollen wir am liebsten diesen Sommer.
Theres: Sobald wie möglich. Wenn wir einen Laden gefunden haben und das Crowdfunding erfolgreich war, ...
Alina: ...dann könnte alles ganz schnell gehen.

Hintergrund: Finanzierung über Crowdfunding

Theres und Alina Gerischer, 22 und 18 Jahre alt, wollen dafür verantwortlich sein, dass diese Einkaufsoption in Bamberg besteht. Das Geld, um die Geschäftsidee zu finanzieren, holen sich die Flechtwerkgestalterinnen nicht von der Bank - zumindest nicht im ersten Schritt. "Der Schritt, zur Bank zu gehen, fällt nicht weg", sagt Theres. Aber zumindest das Startkapital soll von all denen kommen, die sich etwas von dem Vorhaben versprechen.

Die Schwestern setzen auf eine Schwarmfinanzierung, englisch Crowdfunding. Laut Lehrstuhl für Finanzwirtschaft der Universität Bamberg eine internetbasierte Kredit- und Wagnisfinanzierung. Dass diese Schwarmfinanzierung im Trend liegt, weiß Bambergs BWL-Professor Andreas Oehler: "Crowdfunding-Projekte versprechen oft einen vergleichsweise hohen Ertrag." Ein Beispiel: Der Fußballclub Hertha BSC lieh sich im März 2016 von seinen Fans eine Million Euro. Die Summe kam über eine Internetplattform innerhalb von nur neun Minuten zusammen.


Crowdfunding-Projekt läuft seit 6. März

Ganz so schnell geht es bei Gerischers nicht. Seit 6. März kann man ihr Ladenprojekt auf der Plattform "Startnext" unterstützen. 30 000 Euro sind die Mindestsumme, die die Schwestern innerhalb eines Monats erreichen wollen - ansonsten bekommen die Unterstützer ihr Geld zurück. Ob zwei, zehn oder 800 Euro eingezahlt werden, entscheidet jeder für sich. Für bestimmte Beträge gibt es Gegenleistungen. Schwarmfinanzierung wird deshalb auch als Finanzierungsform des Gebens und Nehmens beschrieben. Es soll nicht nur darum gehen, dass die Unterstützer die Chance haben, in so einem Laden einkaufen zu gehen, es gibt zum Beispiel Weidenkörbe, Kaffeebecher oder Einkaufsgutscheine als Dankeschön. Die Kosten dafür, die Gebühren für die Plattform - zwischen ein und fünf Prozent der Endsumme - plus vier Prozent der Gesamtsumme für Banktransaktionen werden am Ende noch abgezogen.

Überzeugt sind die beiden dennoch von diesem Finanzierungsmodell: "Es ist eine große Chance, mit vielen Menschen zusammen etwas zu verwirklichen", sagt Alina. Ihre Schwester ergänzt: "Wir können ja nicht einfach den Laden eröffnen und keiner kennt unseren Namen." Sie erhoffen sich, einen Kundenstamm aufzubauen, noch bevor es den Laden gibt.

Die Schwestern haben das gegenleistungsbasierte Crowdfunding gewählt. Geldgeber können einen freiwilligen Freibetrag spenden oder aber sie bekommen eben eine symbolische Gegenleistung, wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) erklärt. Doch es gibt auch andere Formen: Bei kreditbasiertem Crowdfunding verlassen sich Geldgeber darauf, dass sie den Betrag zurückbezahlt bekommen - je nach Projekt mit Zinsen. Von Crowdinvesting spricht man, wenn der Geldgeber am Gewinn beteiligt wird, teilweise wird hier auf finanzielle Rendite spekuliert, wenn damit Wertpapieranlagen verbunden sind.


Crowdfunding im Graubereich

Schwarmfinanzierungen fallen somit teilweise in den Bereich des Grauen Kapitalmarkts. Das heißt, die Finanzdienstleistung erfordert keine Erlaubnis der Bafin. "Das heißt selbstverständlich nicht, dass alle Angebote zwangsläufig unseriös sind", erklärt die Bafin. Was fehlt, ist eine staatliche Regulierung. Es besteht aber die Gefahr, dass das Geld der Anleger verlorengeht.

Oehler kritisiert Schwarmfinanzierungen hinsichtlich Verbraucherschutz: "Warum sollten 10, 50, 100 oder 1000 Euro monatlicher Anlage in Tagegeld, Fonds, Aktien oder Anleihen sowie Versicherungen anders geregelt werden als Crowdinvesting?"

Das Bundeskabinett hat auf die neue Finanzierungsform 2015 mit dem Kleinanlegerschutzgesetz (KASG) reagiert. "Doch das geht nicht weit genug", erklärt Oehler. "Viele Anleger merken vermutlich gar nicht, dass es hier derzeit nicht denselben Schutz durch die Finanzaufsicht gibt, der bei gängigen Anlageprodukten wie Investmentfonds oder Aktien greift."

Seine Forderung: Nicht nur die Finanzierungsformen selbst, sondern auch die Internetplattformen, die Crowdfunding anbieten, sollen unter die Finanzaufsicht gestellt und durch das Wertpapierhandelsgesetz reguliert werden. Wie Plattformen an ihrer Dienstleistung verdienen und welche Bedingungen für die Verträge gelten, müsse für den Nutzer klar ersichtlich, einheitlich und vergleichbar sein. Nichtsdestotrotz begrüßt Oehler viele der Weiterentwicklungen in der digitalen Welt, "nur sollte nicht-professionellen Investoren auch eine faire Teilhabe ermöglicht werden".

Für Theres und Alina Gerischer gab es keinen Zweifel, mit einer Crowdfundingkampagne das Startkapital zu sammeln - es zumindest zu versuchen. "Wenn es nicht klappt, schauen wir weiter." Werden die 30 000 Euro geknackt, sollen sich die Unterstützer verlassen können: "Wir sind ehrliche Menschen. Wir werden alles dafür tun, dass es einen Unverpacktladen geben wird."


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