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  Hommage

Wollschläger: Gegenteil eines Schwätzers

Vor zehn Jahren starb der Schriftsteller Hans Wollschläger in seiner Wahlheimat Bamberg. Er liebte die Stadt - und war doch nie einer der Ihren.
 
von MARION KRÜGER-HUNDRUP
D enn Sie können es drehen und wenden, wie Sie wollen: Er lebt zwar in Bamberg, könnten Sie sagen, aber ein Bamberger ist er deshalb noch lange nicht. Wer der Stadt, in der er lebt, so viel Übles nachgesagt hat wie Hans Wollschläger - und das auch noch anlässlich der Tausendjahrfeier (1976) - der kann im Leben nie ein Bamberger werden, ob er das nun will oder nicht. Sie könnten aber auch sagen: Er ist ein Bamberger geworden, denn er liebt, trotz allem, die Stadt, in der er lebt, und das allein entscheidet. Gerade die unbequemen, so könnten Sie weiter sagen, sind doch die eigentlich notwendigen Bürger Bamberg."

So schrieb Wulf Segebrecht anlässlich des 60. Geburtstages von Hans Wollschläger am 17. März 1995 in den "Fußnoten zur Literatur". Sege-brecht, bis zu seiner Emeritierung Professor für Neuere Literaturwissenschaft an der Universität Bamberg, kannte Wollschläger gut. "Er gehört zu den Kulturgütern Bambergs", sagt er heute über den Schriftsteller, Übersetzer, Essayisten und Musikbegeisterten. Ein sperriges Kulturgut, das die Geschichte und Gegenwart Bambergs als permanente Herausforderung und stets neue Verlockung, als gelegentliche Beglückung und als dauerndes Menetekel verstand.

Lag das an den Stadtbewohnern, die Hans Wollschläger nach den Worten Segebrechts "zu wenig zur Kenntnis genommen haben"? Oder war es dieser Mitbürger selbst, der sich nicht gemein machen wollte mit dem gesellschaftlichen Getriebe? "Ich meide 'die Menschen' keineswegs", hat Hans Wollschläger einmal mit eleganten Anführungszeichen gesagt. "Ich fürchte sie nicht und hasse sie nicht; ich bin nur - sagen wir - zunehmend wählerisch im Umgang mit ihnen geworden."

Nach langjähriger Bekanntschaft interpretiert Germanist Segebrecht diese postulierte Zurückhaltung so: "Wollschläger hat neben sich nicht viel gelten lassen im Literaturbetrieb." Er sei ein Selbstdenker gewesen, der sich frei machen und emanzipieren wollte von einengenden Korsetts - wie etwa die Kirche eines für ihn war.
Wollschlägers "Die bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem" waren denn auch ein Generalangriff auf eine - so O-Ton - "verbrecherische Organisation". Mit stilistischem Degen spießte er tatsächliche und vermeintliche Missetaten der "Banditen, Heuchler und irregeleiteten Schwachköpfe". Eine Provokation im ach so gut katholischen Bamberg, das ihm die Schmähungen nicht verzieh. Dabei sei Wollschläger kein Agnostiker gewesen und habe an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Und bei seiner Urnenbeisetzung auf dem Friedhof in Königsberg/Unterfranken habe die Trauergemeinde ein "Vater Unser" gebetet.

Daran erinnert sich Martin Neubauer lebhaft, der den verheirateten Wahlbamberger Wollschläger als häufigen Besucher seines Elternhauses erlebt hatte. Rechtsanwalt Hans Neubauer war Vorsitzender des Kulturvereins, häufiger Gastgeber und Gesprächspartner des "immer offenen Hans Wollschläger". Der Schauspieler und Prinzipal des Brentano-Theaters in Bamberg spricht von "zwei Wollschlägers", die es gegeben habe: einen öffentlichen mit elitärer Pose, der sich einsam auf dem Gipfel inszenierte, und einen privaten, der auch auf naive Fragen geduldig einging und voller Selbstzweifel suchend bis zuletzt gewesen ist. "Hans Wollschläger hat treu zu meinem Vater in dessen schwerer Krankheit gehalten", blickt Martin Neubauer zurück.
Er bezeichnet den älteren Familienfreund als "Kulturkonservativen, der Experimentelles abgelehnt hat". Als "unbestechliches Korrektiv, das für die Stadt Bamberg hygienisch war". Als "Gegenteil eines Schwätzers", der auf hohem geistigen Niveau zu einem Urteil kam. Und das nicht ohne Selbstironie: "Da es in Deutschland kein Geistesleben gibt, kann ich auch in Bamberg leben!" - dieses Wollschläger-Zitat ist bei Martin Neubauer haften geblieben.

Und was bleibt von Hans Wollschläger, der vor zehn Jahren, am 19. Mai 2007, starbt? Wie erinnert sich die Stadt Bamberg an den E.T.A.Hoffmann-Preisträger 1989? Wie die Otto-Friedrich-Universität Bamberg, die Wollschläger 1990 die Ehrendoktorwürde verlieh? Literaturprofessor Wulf Segebrecht vermutet, dass sich Hans Wollschläger "in der Literaturgeschichte nicht festschreiben wird und kaum noch Resonanz findet". Das "irrsinnig große Projekt Fortschreibung des Romans 'Herzgewächse oder der Fall Adam' ist aus guten Gründen nicht vollendet", meint Segebrecht. Wollschlägers Schriften und Bücher an Gymnasiasten im Deutschunterricht vermitteln zu wollen, "lohnt sich nicht". Aber Studierenden könnte sich die Welt eines Schriftstellers und brillanten Essayisten eröffnen, der psychoanalytisch und kirchenmusikalisch geschult gewesen sei.
Und dann bleibt Hans Wollschläger als wortmächtiger Übersetzer des "Ulysses" von James Joyce erhalten. Ebenso bleiben seine frühe Karl-May-Biografie (1965), sein stetes Werben um den angeblich unterschätzten, als Jugendautor abgestempelten Epiker. Die (wenn auch zuletzt getrübte) Freundschaft und Zusammenarbeit mit Arno Schmidt. Die große Friedrich-Rückert-Edition, der Wollschlägers Einsatz bis in die letzten Lebensjahre galt. Sein schriftlicher Nachlass, der in der Staatsbibliothek Bamberg aufbewahrt und gesichtet wird.
Es bleibt der Wunsch zumindest im Bamberger Kulturbetrieb, einen Großen zu würdigen, der für diesen verzweigten Club offen war, aber nicht so recht dazugehörte; Leseempfehlungen auszusprechen und sich im besten Sinn mit dem Werk auseinanderzusetzen. Für eine solche Hommage an Hans Wollschläger haben sich Freunde, Kollegen, Forscher unterschiedlichen Alters unter Regie der Volkshochschule Bamberg zusammengetan. Wulf Segebrecht ist dabei, Martin Neubauer, Nora Gomringer und Rolf-Bernhard Essig. Zwischen ihren Beiträgen spielt Gerhard Weinzierl Kompositionen von Bach, die auch Wollschläger gern intonierte.

Gedenkabend: "Wollschläger lesen!" am Freitag, 19. Mai, 19 Uhr, im Großen Saal der VHS Bamberg, Tränkgasse 4.
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