Finanzprobleme

Wöhrl: Der Enkel des Gründers ist gescheitert

Die Rechnung des Vorstandschefs Olivier Wöhrl, das Modehaus zu einem bundesweit agierenden Unternehmen aufzubauen, ging nicht auf.
Umstritten: Olivier Wöhrl, Enkel des Firmengründers, ist nicht mehr Vorstandschef des Nürnberger Familienunternehmens. Unter seiner Führung kam es zu folgenschweren Managementfehlern. Foto: Michael Gründel
 
von PETER GROSCURTH DPA
Online-Händler, Textil-Discounter und internationale Modeketten wirbeln die Strukturen im deutschen Modehandel durcheinander. Das bringt immer mehr traditionsreiche Modehäuser in Schwierigkeiten. Der jüngste Fall: Das mehr als 80 Jahre alte Nürnberger Familienunternehmen Wöhrl mit seinen 34 Modehäusern muss sich in ein Schutzschirmverfahren retten. Durch eine Sanierung in Eigenregie soll eine drohende Insolvenz verhindert werden.

Vor allem Management-Fehler führten zu einem Schuldenberg von 45 Millionen Euro und der daraus resultierenden bedrohlichen Schieflage des Bekleidungsunternehmens mit derzeit 2000 Beschäftigten. Im Mittelpunkt der Kritik steht Olivier Wöhrl, Enkel von Firmengründer Rudolf Wöhrl. Der scheidet nun aus dem Amt des Vorstandschefs aus, das er 2012 von seinem Vater Gerhard übernommen hatte. Olivier Wöhrl, ein studierter Maschinenbau-Ingenieur, wollte eigentlich nie ins Modegeschäft einsteigen. Es kam anders und als Vorstandschef setzte er auf Wachstum, kaufte 2013 die Textilhaus-Kette "Sinn Leffers" zu.

Doch diese Übernahme konnte die einbrechenden Umsatzzahlen nicht aufhalten. Auf einer Aufsichtsratssitzung wurde nun die Reißleine gezogen und Olivier Wöhrl abgesetzt. Chef ist stattdessen Andreas Mach, neu in den Vorstand berufen wurde auch Christian Gerloff. Der spricht Klartext und kritisiert frühere Entscheidungen in der Wöhrl-Chefetage. Die Größe eines Mode-Unternehmens berge derzeit viele Risiken. Dagegen hätten kleinere Häuser, die vor Ort verankert seien und regional agieren würden, bessere Chancen am Markt - da sie ihre Kunden kennen.

Fakt ist: Es sind stürmische Zeiten für den Modehandel. Das Branchen-Fachblatt "Textilwirtschaft" fand nun drastische Worte für die Stimmung unter den Händlern: "Der Markt brennt."

Die Zahl der selbstständigen Textilhändler hat sich seit der Jahrtausendwende fast halbiert, schätzt der Bundesverband des deutschen Textilhandels (BTE) - von damals mehr als 35 000 auf aktuell rund 18 000 Unternehmen. Stattdessen boomen Online-Händler wie Zalando, internationale Ketten wie H&M und Textil-Discounter wie Primark oder KiK.

Im mittelständischen Modefachhandel sanken die Umsätze im ersten Halbjahr 2016 um durchschnittlich rund ein bis zwei Prozent. Eine Trendwende ist eher nicht in Sicht. Denn immer mehr Verbraucher kaufen Hosen, Kleider und Mäntel im Internet.


Online-Handel boomt

Nach Angaben des E-Commerce-Verbandes bevh stiegen die Online-Umsätze mit Bekleidung im vergangenen Jahr um 18 Prozent auf über 10 Milliarden Euro. Verlierer sind vor allem kleinere Händler, die sich kein attraktives Online-Standbein leisten können. Jeder Euro, der online ausgegeben werde, mache es für sie schwieriger, die Kosten für Mieten und Personal zu erwirtschaften, sagte die Handelsexpertin Kerstin Lehmann von OC&C Strategy Consultants.

Auch mit dem Tempo und den Preisen der straff durchorganisierten Ketten können viele etablierte Händler in den Fußgängerzonen nicht mithalten. "Wir tun uns schwer in den Großstädten, wo viel Konkurrenz ist", gesteht auch der neue Wöhrl-Vorstandschef Mach.

Für das Nürnberger Traditionshaus kommt noch ein weiteres Problem hinzu: "Unser Sortiment ist für den Internethandel nicht besonders attraktiv", sagt Mach. Es bestehe überwiegend aus deutschen Marken. "Das kann man überall kaufen. Dafür braucht es keinen Wöhrl-Onlineshop." Die Franken wollen jetzt ihr Beratungsangebot verstärken - per Internet und Telefon. Auch das Sortiment müsse attraktiver werden, betont Mach: "Wir müssen intelligenter und modischer einkaufen."

Kürzlich hatte sich das Unternehmen daher von seinem bisherigen Einkaufsvorstand getrennt. Für den Enkel des Firmen-Gründers Olivier Wöhrl wurde übrigens eine neue Aufgabe gefunden. Laut einem Bericht der "Textilwirtschaft" hatte es immer wieder Gerüchte um dessen Quasi-Entmachtung gegeben, sowie Kritik an seinen Führungsqualitäten. Ab sofort soll er sich in einer neu geschaffenen Funktion im Vorstand um die "strategische Weiterentwicklung des Geschäftsmodells" kümmern.

Zudem werde er als "Familienmitglied überwachen, dass es im Sinne der Familie weitergeht", erklärt Mach.
Aufgrund des deutschen Insolvenzrechts könnte es jedoch sein, dass die Familie Wöhrl am Ende des Schutzschirmverfahrens beim Modeunternehmen außen vor ist. Das hänge jedoch stark von einem potenziellen neuen Investor und dessen Vorstellungen ab, heißt es.


Hintergrund: Die Geschichte des Modeunternehmens Wöhrl



Beginn Die Modehauskette Wöhrl wurde 1933 von Rudolf Wöhrl in Nürnberg gegründet. Er nannte sie zunächst "Zetka" ("Zuverlässige Kleidung"). Wöhrl hatte einst in seinem Heimatort Dettingen am Main einen Knopf gefunden, den er seitdem immer als Glücksbringer mit sich trug. Der Knopf wurde sogar das Markenzeichen der Wöhrl-Modehäuser. Nur sechs Jahre nach Firmengründung betrug der Umsatz des Unternehmens bereits 500 000 Reichsmark. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs baute Wöhrl das Unternehmen wieder auf und eröffnete 1949 am Weißen Turm in Nürnberg ein Geschäft. In den kommenden Jahrzehnten expandierte der Betrieb. Auf Rudolf Wöhrl ist auch die Einrichtung der Fußgängerzone in Nürnberg zurückzuführen.

Übergabe 1970 übertrug Rudolf Wöhrl das Unternehmen auf seine Söhne. Einer davon, Hobby-Pilot Hans Rudolf, wurde später durch Investitionen in Fluggesellschaften wie der Deutschen BA und LTU bekannt. Er heiratete 1984 die ehemalige Miss Germany und heutige CSU-Politikerin Dagmar Wöhrl. 2002 schied Hans Rudolf aus dem Familienunternehmens aus. Derzeit ist er zu rund 75 Prozent am Münchner Modehaus Ludwig Beck beteiligt und erhält dank der Anteile dieses Jahr rund zwei Millionen Euro an Dividenden.

3. Generation 2004 übernahm Gerhard Wöhrl die Mehrheit der Anteile. Den Vorstandsvorsitz gab er 2010 ab. 2012 übernahm sein Sohn Olivier die Führung der Kaufhauskette, der bereits 2007 den Aufsichtsratsvorsitz von seinem Vater übernommen hatte. Damit befindet sich Wöhrl in dritter Generation in Familienbesitz. Das Unternehmen machte im Geschäftsjahr 2015/2016 einen vorläufigen Umsatz von rund 300 Millionen Euro (Vorjahr: 316,2 Millionen Euro) und wird einen Fehlbetrag von einer Million Euro ausweisen. 2013 nahm der Modehändler eine 30 Millionen Euro-Anleihe auf, die bis zum Jahr 2018 läuft.

Immobilienvermögen Zum Vermögen der Familien Gerhard und Hans Rudolf Wöhrl gehört im übrigen auch die Immobiliengesellschaft Tetris, die ihren Sitz in Reichenschwand nahe Nürnberg hat. Diese Gesellschaft hat bundesweit 49 Immobilien, von denen acht an die Modekette Wöhrl vermietet sind (dies sind unter anderem die Filialen in Ansbach, Bayreuth, Plauen, Ulm und Roth). Auch das Haupthaus in Nürnberg gehört zu Tetris.
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