Energiewende

"Wir schaffen es nur beim Strom"

Der Physikprofessor Gerd Ganteför hält die deutschen Ziele für zu ambitioniert. Beim Bayerischen Wirtschaftstag in Bamberg zeigte er auf, warum aus seiner Sicht Visionen und Realität weit auseinander fallen.
Windkraft - die Zukunft?  Foto: Julian Stratenschulte/dpa
 
Gerd Ganteför ist kein Freund von Zukunftsvisionen. "Ich versuche Ihnen die Realität nahezubringen. Wie die Zukunft aussieht, können Sie selbst überlegen. " Der Professor für Physik an der Universität Konstanz war gestern in Bamberg zu Gast. Im Gepäck "überprüfbare Zahlen ohne Zukunftsvision", wie der Naturwissenschaftler gleich zu Beginn anmerkte.

Eine dieser Zahlen: der Primärenergieverbrauch weltweit. Die Kurve, die Ganteför zeigt, geht steil nach oben. Auch eine zweite Kurve steigt fast identisch mit dem Primärenergieverbrauch an. Es ist der Ausstoß an Kohlendioxid. Eine dritte Kurve, die nicht steil, sondern kontinuierlich wächst, ist laut Ganteför Auslöser für den Anstieg der beiden anderen Kurven: die Zahl der Weltbevölkerung. Alle zwölf Jahre nehme sie um eine Milliarde zu. Mehr Bevölkerung bedeute zwangsläufig mehr Energieverbrauch und mehr CO2 -Ausstoß. Nur ein einziges Mal sei in den vergangenen Jahren der Kohlendioxid-Anteil gesunken - im Jahr 2008. Laut Ganteför keine Folge von Energiesparmaßnahmen, sondern die Wirkung der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Finanzkrise und Klimaschutz


"Finanzkrisen wirken sich äußerst positiv auf den Klimaschutz aus, sind aber dennoch nicht sehr beliebt", sagt der Physikprofessor süffisant und bringt viele seiner rund 300 Zuhörer aus Wirtschaft und Politik zum Schmunzeln. Der Wirtschaftsbeirat Bayern hatte den Autor des Buches "Klima. Der Weltuntergang findet nicht statt" als einen der Redner zu seinem Wirtschaftstag eingeladen. Vor diesem Wirtschaftsforum, das heuer Bamberg als Austragungsort gewählt hatte, machte Ganteför deutlich, dass das, was an Visionen verbreitet wird, aus seiner Sicht weitab von der Realität ist.

Motivation für die Energiewende in Deutschland waren demnach das Unglück von Fukushima und der Klimaschutz. Während Fukushima den Ausstieg aus der Kernenergie nach sich gezogen habe, sei Folge des Klimaschutzgedankens der Umstieg auf erneuerbare Energien. "Ein viel ambitionierteres Ziel als der Atomausstieg", meint Ganteför.

Von der Biomasse zum Uran


Wer von Energieerzeugung spreche, müsse dabei eine Größenordnung von einem Gigawatt im Auge haben, was 1000 Megawatt entspreche. "Erst da können Sie in der Stromerzeugung mitreden." Ganteför zählte die vier Arten von erneuerbaren Energien auf, die in dieser Gigawatt-Klasse mithalten können: Biomasse, Wasser, Wind und Sonne.

Biomasse als Energieform habe es dabei schon in der Antike gegeben. Wärme sei mit dem Verbrennen von Holz erzeugt worden. Mit Gras habe man Ochsen versorgt, die als Antriebsmittel dienten. In einer zweiten Phase sei der Kraftantrieb durch das Wasserrad entdeckt worden, der von Biomasse unabhängig gemacht habe. Ebenso der Antrieb von Windmühlen durch den Wind. Der Naturwissenschaftler sprach von einer Wandlung von der bäuerlichen Selbstverwaltung zu Manufakturen. Die Industriegesellschaft habe dann in einer dritten Phase auf Kohle, Erdöl, Erdgas und Uran gesetzt. Produktivität und Lebensstandard hätten sich so verzehnfacht.
Am Beispiel Biomasse zeigte Ganteför auf, dass damit eine Industrie nie ausreichend mit Energie versorgt werden könne. Andernfalls müsste zum Beispiel in Bayern ein Drittel der Fläche des Freistaats mit Energiepflanzen bebaut werden.

"Es ist noch ein weiter Weg zu einer Energiewende", sagte Ganteför und machte im Folgenden auch eine Vergleichsrechnung mit den Energieformen Wind und Sonne. Photovoltaik sei in den zurückliegenden fünf Jahren "enorm ausgebaut worden, Windenergie etwas langsamer". Dennoch müsste man nach der Rechnung des Physikprofessors mit den bisherigen Ausbauraten noch 65 Jahre lang die Windenergie und 55 Jahre lang die Photovoltaik ausbauen, um das Ziel der Energiewende zu erreichen. Wenn überhaupt, dann schaffe man "die Energiewende nur beim Strom". Das sei teuer, aber machbar. Um den Klimaschutz zu erreichen, genüge der Umstieg beim Strom aber nicht. Mehr sei aber kaum möglich. "Der Umstieg bei der Gesamtenergie ist nach heutigem Stand der Technik nicht machbar und nicht bezahlbar", sagte der Naturwissenschaftler.

Ganteförs Alternativweg setzt auf mehr bezahlbare Energie, die Wirtschaftswachstum fördert, um am Ende das Hauptproblem in den Griff zu bekommen: die Stabilisierung der Weltbevölkerung. An einer Erwärmung des Klimas um vier Grad führt laut Ganteför kein Weg vorbei. Man werde irgendwann aber dazu übergehen, das Klima mit technischen Mitteln abzukühlen.

"Nervenstrang der Industrie"


Die absolute Menge an Strom sei nicht das Problem, erläuterte im Anschluss Johannes Teyssen, Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns Eon. "Das Problem ist, dass der Strom nicht zu jeder Zeit an jedem Ort zur Verfügung steht." So bleibe die Sicherheit für die nächsten Jahre angespannt. Strom in Deutschland ist laut Teyssen im vergangenen Jahr "schmutziger" geworden, weil die Erzeugung mittels Kernenergie durch Kohle ersetzt wurde. "Noch haben wir für den Klimaschutz nichts gewonnen. Das schließt aber nicht aus, dass uns das noch gelingt." Teyssen verwies darauf, dass Eon bei den erneuerbaren Energien bereits heute zu den Top 5 der Welt gehört. "Wir haben den Ehrgeiz, die erneuerbaren Energien zur Wettbewerbsfähigkeit zu führen."

"Energie ist nach wie vor der zentrale Nervenstrang unserer Industrie", mahnte Peter-Alexander Wacker, Aufsichtsratschef von Wacker Chemie in Burghausen, eines sehr energieintensiven Industriekonzerns. Würde man die Energiekosten für die Industrie erhöhen, führe das zu Abwanderungen.
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