Bayreuth
NSU-Mordserie

Böhnhardts DNA bei Peggys Leiche: Kinderpornograhie eine Geldquelle des NSU?

Der Verdacht, dass Kindesmissbrauch in rechtsextremen Kreisen verbreitet ist, besteht schon lange. Peggy könnte sogar ein Opfer der Neonazis gewesen sein.
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Eine Kombo aus Reproduktionen der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe (v.l.), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die Verbrechen der rechtsextremen Terrorzelle NSU waren beispiellos - ebenso wie die Ermittlungsfehler in dem Fall. ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung bei vollständiger Nennung der Quelle: «Foto: Frank Doebert/Ostthüringer Zeitung/dpa
Eine Kombo aus Reproduktionen der Ostthüringer Zeitung aus dem Jahr 1998 zeigt Fahndungsbilder von Beate Zschäpe (v.l.), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die Verbrechen der rechtsextremen Terrorzelle NSU waren beispiellos - ebenso wie die Ermittlungsfehler in dem Fall. ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung bei vollständiger Nennung der Quelle: «Foto: Frank Doebert/Ostthüringer Zeitung/dpa
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Kann das ein reiner Zufall sein? An keinem Tatort des NSU-Trios wurden DNA-Spuren der mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gefunden. Der NSU-Prozess stützt sich auf Indizien. Jetzt taucht Böhnhardts DNA ausgerechnet am Fundort der Leiche Peggys auf. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden des Mädchens aus dem oberfränkischen Lichtenberg und der NSU-Mordserie?

Zumindest zeitlich und räumlich ist die Verbindung möglich, denn den Ort von Peggys Verschwinden und der Fundort ihrer Leiche liegen etwa auf halbem Weg zwischen Zwickau, wo sich das NSU-Trio meist aufhielt, und Nürnberg, einem der Tatorte. Der türkischstämmige Schneider Abdurrahim Özüdogru wurde am 13. Juni 2001 Opfer des NSU-Trios, Peggy verschwand am 7. Mai 2001.


Kontakt zur Szene in Franken

Nicht nur wegen der drei Morde in Nürnberg (2000, 2001 und 2005) ist offenkundig, dass der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) und seine Unterstützer nicht nur in Sachsen und Thüringen aktiv waren, sondern auch enge Kontakte zur rechten Szene in Franken unterhielten. Für Mehmet Daimagüler, Opferanwalt im NSU-Prozess, legen vor allem die Morde in Nürnberg nahe, dass es sich beim NSU "keinesfalls etwa nur um drei Einzeltäter handelte", sondern dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe in einem "weit verzweigten Netzwerk" von Mitwissern und Helfern agierten und so die notwendigen Ortskenntnisse erlangt haben.


Geldquelle für Extremisten

Offenkundig ist auch ein Aspekt, der bei den Ermittlungen gegen den NSU bislang nur am Rande eine Rolle spielte: In rechtsextremen Kreisen kommt es immer wieder zu Vorfällen von Kindesmissbrauch. Kinderpornografie und Kinderhandel waren möglicherweise auch eine der Geldquellen, mit denen sich der NSU finanzierte, denn die 15 Überfälle auf Banken, Postfilialen und Einkaufsmärkte, die dem Trio zwischen 1998 und 2011 zugeschrieben werden, dürften kaum genug Beute abgeworfen haben, um das Leben im Untergrund zu ermöglichen.


Spielzeug im Wohnmobil

Als das NSU-Trio nach dem mutmaßlichen Selbstmord von "Uwe und Uwe" aufflog, stellten Ermittler einen Rechner sicher, auf dem kinderpornografisches Material gespeichert war. Sowohl Zschäpe als auch Böhnhardt hatten Zugang zu dem Gerät. In der Wohnung und im Wohnmobil des Trios wurden Spielzeug und Kinderkleider gefunden. Gegen Böhnhardt war schon einmal wegen Kindesmords ermittelt worden: 1993 wurde in Jena der neunjährige Bernd Beckmann Opfer eines Gewaltverbrechens. Tatverdächtig war zunächst Enrico T., ein Vertrauter des NSU-Trios, der sich laut Zeugen immer "sehr verdächtig" gegenüber Kindern verhalten habe. Enrico T. lenkte den Verdacht 2012 auf Böhnhardt, handfeste Beweise fanden die Ermittler nicht.

Dieser Mord ist - eine Parallele zum Fall Peggy - bis heute ungeklärt, soll aber im Licht der neuen Spuren nach dem Willen des Thüringer Ministerpräsidenten Bode Ramelow (Linke) neu aufgerollt werden. Dabei spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass Zeugen am Tag von Peggys Verschwinden ein weißes Wohnmobil in Lichtenberg gesehen haben wollen. Das NSU-Trio war stets mit solchen Fahrzeugen unterwegs.

In diesem Zusammenhang dürften auch die Ermittlungsakten von Timo Brandt noch einmal geöffnet werden. Der Neonazi war in den 90er Jahren ein Aktivposten der rechten Szene, nicht nur in Thüringen, sondern auch in Bayern. Nach dem Vorbild des "Thüringer Heimatschutzes", der als Keimzelle des NSU gilt, baute er in Coburg den "Fränkischen Heimatschutz" auf. Als V-Mann des Verfassungsschutzes in Thüringen kassierte Brandt rund 200 000 Euro, von denen zumindest ein Teil an den NSU geflossen sein soll. 2014 wurde Brandt zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.

Nicht etwa wegen politischer Straftaten oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, sondern wegen Kindesmissbrauchs in 66 Fällen.
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