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Region  // Bamberg

  Logotherapie

Vom Sinn des heutigen Tages

  Einblick in eine Therapieform, die sich mit der Triebfeder des Lebens befasst: Warum und wofür bin ich da?
Behr-GrohHeidi Schönfeld mit ihrem Buihrem Buch "Sinnzentrierte Psychotherapie".  Foto: Behr-Groh
 
von JUTTA BEHR-GROH
E s geht um nichts Geringeres als um den Sinn des Lebens. Es geht um Logotherapie - das Wort setzt sich aus dem griechischen "lógos" für "Sinn" und "therapeúein" für "pflegen, sorgen" zusammen. Die Bambergerin Dr. Heidi Schönfeld ist Heilpraktikerin für Psychotherapie sowie Logotherapeutin - und nun auch Autorin.



Frau Schönfeld, Sie haben ein Buch über "Sinnzentrierte Psychotherapie, Die Logotherapie von Viktor E. Frankl in Theorie und Praxis" geschrieben. Worin besteht der Sinn des Lebens?
Heidi Schönfeld: Den Sinn des Lebens können wir eigentlich nur vom Ende des Lebens her erfassen. Erst dann können wir sagen, mein Leben als Ganzes hatte den Sinn so oder so. Wenn wir jetzt mitten im Leben sind - da hatte Viktor Frankl die gute Idee - können wir immer nur über den Sinn des Augenblicks reden: Was ist jetzt in dem Moment sinnvoll zu tun? Was ist jetzt das Soll, das über meinem Leben steht, das jetzt von mir gelebt werden soll? Das ist der Sinn des Augenblicks.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich Menschen oft erst in Krisenzeiten. Was sind das für Menschen, die zu Ihnen kommen?
Wir alle stehen, sagt Frankl, unter der tragischen Trias von Leid, Schuld und Tod. Das sind die drei ganz großen Verluste unseres Lebens. Und das sind die drei Punkte, die uns richtig, richtig weh tun.

Könnten Sie das bitte näher erklären?
Es gibt keinen Menschen, der nicht gelitten hat. Leid: Das Leid ist immer der Verlust von Werten, eines geliebten Menschen, einer geliebten Aufgabe, eines geliebten Gegenstands. Schuld: Schuld trifft uns alle. Wir verlieren unsere Unschuld, unsere Integrität - öfters als einmal, ganz bestimmt. Und Tod - der Tod ist der Verlust unseres Lebens.
Etwas Wertvolles loszulassen dürfte eine der schwersten Lebensaufgaben sein. Und Schmerz verspüren wir immer nur dann, wenn wir etwas Wertvolles verloren haben.

Das wäre auch schon der erste therapeutische Trost?
Ja. Wenn jemand etwas verliert und nicht weint, was hat er dann gehabt? Die Trauer ist die Hüterin unserer Schätze, jede Trauer ist die Rückseite eines großen Wertes, den wir vorher gehabt haben.
Logotherapie ist einerseits eine ganz hochwirksame Therapie für psychisch kranke Menschen. Logotherapie ist aber aber auch eine Psychohygiene für ganz gesunde Menschen. Das heißt, sie stellt auch die Frage, wie ganz gesunde Menschen durch das Leben kommen, damit es gelingt.
Viele Menschen kommen eben, weil sie Verluste erlitten haben, Verluste verschiedenster Art. Da hat die Logotherapie eine große Sammlung an Gedanken und Hilfen, wie man diesen Verlusten besser fertig werden kann.

Wie könnte eine Therapie aussehen?
Das ist eine schwierige Frage. Die Logotherapie hat, im Unterschied zu anderen Psychotherapien, kein Arsenal an Methoden. Logotherapie ist anders. Sie ist eine Kunst des Individualisierens und des Improvisierens, des Zuschneidens auf jeden einzelnen Patienten.
Das heißt, ich als Logotherapeutin muss als Erstes hören und schauen, was ist bei dem Menschen los und dann muss ich überlegen, wie kann ich diesem einzigartigen Menschen, der unvergleichbar ist mit allen anderen, in seiner unvergleichbaren, einzigartigen Situation mit Gedanken helfen, damit er selber seinen Weg herausfindet.

Das heißt, der Sinn des Lebens kann sich verändern und er sieht für jeden Einzelnen anders aus?
Unbedingt, in jeder Situation ist der Sinn sogar ein anderer. Der Sinn des Lebens kann nicht per Rezept verschrieben werden, er kann nicht verordnet werden. Auch ich kann nicht einem anderen Menschen sagen, das ist jetzt Dein Sinn, das musst Du tun.
Sondern: Sinn, sagt Frankl, kann nicht er-funden, sondern nur ge-funden werden. Das heißt, jedes Menschenleben und zwar, egal in welcher Situation, und egal in welchem Leid, ist unbedingt sinnvoll.

Das klingt doch sehr theoretisch und abstrakt . . .
. . . dafür hat Frankl gezeugt, durch seine drei Jahre in vier verschiedenen Konzentrationslagern - wenn er sagt, nirgendwo verliert das Leben seinen Sinn.
Wenn jetzt ein Mensch kommt, beispielsweise mit großen Verlusten, oder großem Leid oder psychischer Krankheit, dann steh' ich dafür ein, dass ich sage, es gibt einen Sinn in diesem Menschenleben. Die Logotherapie ist gewissermaßen eine Sehhilfe oder eine Sinnfindungshilfe, damit dieser Mensch seinen ureigensten Sinn für sich selber in dieser Situation findet.

Wie gehen Sie vor, wenn jemand in Ihrer Praxis Hilfe sucht?
Ich verstehe mich als Begleiterin. Ich höre mir an, was ist konkret mit diesem Menschen. Und dann versuche ich, mich mit ihm gemeinsam auf den Weg zu machen, fürs gelingende Leben, für die Sinnfindung, für das Lösen der Probleme. Was ich aber nie mache ist, dem anderen vorzusagen, was er tun muss. Aber es gibt für jeden und es gibt immer sinnvolle Wege.

In Ihrem Buch schildern Sie aus Ihrer eigenen Praxis Beispiele von erstaunlicher Bandbreite: vom Kind, das unter dem Geschwistertod leidet, von einer Frau, die nicht schlafen kann, von einer Ordensfrau, die von Ängsten geplagt ist. Kaum zu glauben, dass die Logotherapie ihnen allen helfen kann?

Ja, deshalb bin ich so begeisterte Logotherapeutin. Die Logotherapie wurde von Frankl ab den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt.Man könnte jetzt sagen, uralter Käse wirkt nicht mehr. Aber ich wollte mit diesem Buch beweisen, dass dieser ,alte Frankl' hochaktuell für unsere Gegenwart ist.
Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Vor Frankl war Sigmund Freud, der gesagt hat, das zentrale Motiv unseres Menschenlebens ist die Suche nach der Lust. Nach ihm kam sein Schüler und Nachfolger Alfred Adler, der gesagt hat, nein, das Motiv, das den Menschen hauptsächlich durch das Leben trägt, ist die Suche nach der Macht. An all dem ist eine bestimmte Wahrheit.
Aber Frankl hat gesagt: Nein, das Hauptmotiv, das einen Menschen durchs Leben führt, ist der Sinn. Und das, denke ich, ist hochaktuell in unserer Zeit. Also wenn ich mich umschaue: Die Sinnfrage bricht doch allerorten auf! Wo die Sinnfrage nicht beantwortet wird, kommt es zu Kriminalität, kommt es zu Suchtproblematiken, kommt es zu Aggressivität, kommt es zu allen möglichen menschlichen Dramen.
Oder anders herum gesagt: Ein Mensch, der weiß, das ist der Sinn am heutigen Tag, dafür bin ich heute aufgestanden, darum ist es gut, dass es mich gibt, der wird diese Probleme nicht haben.

Verstehe ich Ihr Buch und die Logotherapie richtig, wonach der Sinn des Lebens auch aus scheinbaren Banalitäten bestehen kann?
Was Menschen finden können, um in ihrem Leben einen Sinn zu entdecken, ist so unendlich wie die Menschen. Das kann ein Ehrenamt sein oder der Beruf, das kann ein Hobby sein oder tapferes Aushalten von Leid, das kann auch der fröhliche Besuch bei Freunden sein. Logotherapie ist immer individuell und dieser Sinn ist auch unvergleichlich einzigartig bei jedem Menschen. Deshalb sind auch die Sinnfindungsmöglichkeiten einzartig. Aber für jeden sind sie da! Und keine davon ist "banal" oder gering!

Sie sagten vorhin, der Sinn kann sich im Lauf des Lebens verändern, so wie sich die Lebenssituation verändert. Bei Ihnen habe ich auch die Aussage gefunden "Ziele sind verlierbar". Ist das nicht ein Widerspruch?
Die großen Verluste ziehen sich durch unser aller Leben. Ziele gehen verloren, Pläne die wir haben, gehen in die Brüche, Beziehungen werden beendet. Ziele helfen uns viel, aber sie können verloren gehen. Aber der Sinn des Lebens ist immer wieder da und immer wieder neu und aktuell in jedem Augenblick.
Ich kann Ihnen da als Beispiel erzählen von Frankls KZ-Zeit. 1944 kam dieses Gerücht im KZ auf, dass Weihnachten alle wieder daheim wären. Frankl hat dazu gesagt: "Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie." Und das war ablesbar an den menschlichen Skeletten, an diesen elenden Menschen, die unsägliches Leid getragen haben, dass man sich gefragt hat, wie schaffen die das nur. Und dann kam Weihnachten '44. Und was war an Weihnachten '44? Nichts, es war nichts! Und genau das Nichts war dann der Anlass für ein Massensterben im KZ - neben dem Vernichtungsmassensterben durch die Nazis. Weil die Menschen einfach die Kraft zum Leben ganz und gar verloren hatten.

Sie hatten sich aufgegeben?
Völlig aufgegeben, weil dieses Ziel verloren war. Ziele tragen uns durchs Leben, Ziele sind kostbar und wertvoll und ganz wichtig. Aber sie sind immer verlierbar. Es gibt keine Garantie, dass das Ziel bleibt. Es können Todesfälle, Kriege, Unglücksfälle sein, dass Ziele verloren gehen. Aber, sagt Frankl, der Sinn des Lebens geht nicht verloren. Dieser Sinn, der uns ruft zu unseren besten Möglichkeiten, der ist immer da. Und selbst in so unglaublich schweren Situationen wie im KZ genau so wie in unglaublich schweren Notsituationen in einem Menschenleben: Der Sinn ist da, der uns ruft, zum Aufblühen unserer besten Möglichkeiten. Auch wenn Ziele verloren gehen.

Von Frankl gibt es ein millionenfach verkauftes Buch "Trotzdem ja zum Leben sagen", in das seine Erlebnisse in den Konzentrationslager eingeflossen sind. Warum, glauben Sie, wurde es ein Bestseller?
Es ist kein KZ-Buch, es ist ein Hoffnungsbuch. Es ist dieses Zeugnis, wie kann man unter extremen Umständen psychisch heil bleiben.
Frankl hat in den KZ seine Mutter verloren, er hat seinen Vater verloren, er hat seinen Bruder verloren, er hat seine junge Frau verloren. Er selbst kam nur ganz knapp mit dem Leben davon. Er wurde in Dachau entlassen und kam nach Wien und dachte, er findet seine Leute wieder. Und was war in Wien? Niemand wartete auf ihn, es war niemand mehr da!
Das war für Frankl auch die große Frage, unter diesen extrem schweren Umständen ein "trotzdem Ja zum Leben" zu finden. Frankl hat es gefunden. Er hat im Nachhinein, indem er dieses Buch geschrieben hat, seiner entsetzlichen Zeit einen Sinn verliehen.

Kommen wir noch einmal auf Ihr Buch zurück. Sie haben es gemeinsam mit Elisabeth Lukas geschrieben, einer Schülerin Frankls. Und Sie haben in Bamberg das Elisabeth-Lukas-Archiv gegründet. Was hat es damit auf sich?
Das Elisabeth-Lukas-Archiv existiert online. Ziel ist es, das umfangreiche Werk von Elisabeth Lukas zu dokumentieren und ihre in viele Sprachen übersetzten Bücher allen Interessierten öffentlich zugänglich machen. Erst Lukas hat die von Frankl sehr wissenschaftlich formulierte Logotherapie so strukturiert, dass sie lehrbar ist. Ich vergleiche Frankls Schriften gern mit einem Sirup. Wenn ich durstig bin, nützt mir der Sirup gar nichts. Zum bekömmlichen Durstlöscher wird er erst in Verbindung mit Wasser. Lukas hat das geniale Konzentrat von Frankl an Hand von vielen Praxisbeispielen leichter verstehbar gemacht.

Es gibt auch eine dem Archiv angegliederte Akademie . . .
. . . richtig und dort lehre ich Frankls originäre Logotherapie ganz nah an dem von Lukas entwickelten Konzept. Ein berufsbegleitender Kurs geht über fünf Semester, das vierte hat soeben im September begonnen.

Wie viele Teilnehmer haben Sie und wer kommt zu Ihnen?
Im Kurs sind 25 Frauen und Männer aus dem ganzen Bundesgebiet: Studentinnen, zwei Männer aus der Wirtschaft, Psychotherapeuten, Psychologen, Coaches, eine Ombudsperson, Juristen, eine Künstlerin, zwei Lehrerinnen im Ruhestand, eine Ärztin. Also gemischt aus allen Berufen, aber alle haben mit Menschen zu tun.
Das Archiv und die Akademie sind non-profit-Initiativen. Ich leite beides, damit Frankls großartige Logotherapie einer breiteren Öffentlichkeit bekannter wird.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Logotherapie öfters mit der Logopädie, also der Sprachheilkunde verwechselt wird. Ist dem so?
Ständig, zu 99 Prozent! Das griechische Wort logos kann man mit Sprache oder Sinn übersetzen. Um Verwechslungen vorzubeugen, habe ich auf meinem Praxisschild bewusst nicht "Logotherapie" stehen sondern sinnzentrierte Psychotherapie.
Ich hoffe aber, dass dieses Interview dazu beiträgt, die Logotherapie bekannter zu machen (lacht). .  . 




INFO :
Zu den Personen


Prof. Dr. Viktor E. Frankl
war Psychiater, Neurologe und Philosoph (1905 -1997) und Begründer der Logotherapie. Sie stützt sich hauptsächlich auf Sinn- und Wertorientierung, die menschliches Leben auf jeweils sehr persönliche und individuelle Weise kennzeichnen - fernab von therapeutischen Dogmen und starren Lösungsansätzen. Die Logotherapie und Existenzanalyse wird auch als die "Dritte Wiener Schule der Psychotherapie" bezeichnet - neben der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Individualpsychologie Alfred Adlers.

Prof. Dr. Elisabeth Lukas ist Schülerin Frankls, klinische Psychologin, Supervisorin und approbierte Psychotherapeutin mit 30-jähriger Berufserfahrung. Sie war Dozentin an mehr als 50 Universitäten. Ihre Fachbücher wurden in 19 Sprachen übersetzt.

Dr. Heidi Schönfeld ist Schülerin von Elisabeth Lukas, Logotherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie mit eigener Praxis in Bamberg. Sie gründete und leitet das Elisabeth-Lukas-Archiv und unterrichtet das originäre Gedankengut Viktor E. Frankls.
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