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Schuldspruch

Urteil im Chefarzt-Prozess: Kommt bald die Revision?

Gerade erst wurde Heinz W. zu sieben Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Doch seine Verteidigung will das Urteil anfechten.
Ein Bild im übertragenen Sinne: Heinz W., allein gegen alle. Er kämpfte bis zum letzten Tag für einen Freispruch. Foto: Ronald Rinklef
 
von ANNA LIENHARDT
Es ist eine kleine Handlung im Hintergrund, die zwischen all den Kameras, interviewten Anwälten und Prozessbeobachtern fast untergeht. Die Protokollistin geht zur Anschlagtafel an Sitzungssaal 0.107, jener Raum, in dem sich das Bamberger Landgericht im sogenannten Chefarzt-Prozess auf die Suche nach der Wahrheit gemacht hat.

Die Dame öffnet den Schaukasten und nimmt die Terminliste heraus. Eineinhalb Jahre stehen dort gebannt in Termindaten schwarz auf weiß, eineinhalb Din-4-Seiten nehmen sie in Anspruch. Ursprünglich waren einmal zwölf Verhandlungstage angesetzt gewesen, die Protokollistin hat die Terminliste immer wieder aktualisiert. Nun nimmt sie sie heraus. Zum letzten Mal?

Eigentlich ist Heinz W. (51) seit Montag ein verurteilter Mann. Die Zweite Strafkammer des Bamberger Landgerichts sieht es als erwiesen an, dass er sich an zehn Patientinnen und zwei Klinik-Mitarbeiterinnen vergangen hat. Demnach hat der ehemalige Leiter der Gefäßchirurgie zwischen 2008 und 2014 Frauen im Alter von 17 bis 28 Jahren im Intimbereich gefilmt, fotografiert, berührt und teilweise stabförmige Gegenstände einführt - neben einer Ultraschallsonde auch Sexspielzeug.

Zuvor hat W., so glaubt es das Gericht, die Frauen mit dem Beruhigungsmittel Midazolam betäubt - aber von einem Kontrastmittel gesprochen.
Die Kammer verurteilte den Mediziner zu sieben Jahren und neun Monaten plus anschließend fünf Jahren Berufsverbot als Arzt. Der Schuldspruch lautet auf schwere Vergewaltigung, gefährliche Körperverletzung, Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches durch Bildaufnahmen, schweren sexuellen Missbrauch von Wiederstandsunfähigen und unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses sowie schwere sexuelle Nötigung. W. hat außerdem die Kosten des Verfahrens zu tragen.


Zwischenrufe des Angeklagten

Der 51-Jährige selbst hat vom ersten bis zum letzten Tag für seine Unschuld gekämpft, auch am Montag unterbrach er den Richter bei der Urteilsbegründung und rief, als es um das Spreizen von Schamlippen ging, "da laufen die Kollateralen lang!" Ein anderes Mal schaltete er sich mit dem Zwischenruf an den Vorsitzenden ein: "Hätten Sie sie halt operiert!"

Heinz W. nutzte auch diesen allerletzen Prozesstag, um noch einmal seine Sicht der Dinge darzustellen: Er hätte sein "letztes Wort" nicht ganz vortragen können, so dass Richter Schmidt ihm erneut das Rederecht erteilte. "Ich habe niemanden betäubt! Das völlige Negieren jeglichen medizinischen Zusammenhangs hat ganz maßgeblich zur Traumatisierung der Patientinnen geführt, was mir sehr leid getan hat." Dabei schloss Richter Schmidt in seiner Urteilsbegründung eine medizinische Intention grundsätzlich gar nicht aus. Aber: "Will ein Arzt forschend tätig sein, gibt es keinen Grund, seine Patientinnen vorher in einen Zustand zu versetzen, in dem sie nicht mehr reagieren können."

Die Kammer sei überzeugt, dass im Blut der Hauptzeugin Midazolam in einer Dosis gemessen worden sei, die sich mit den Zeugenaussagen gut vereinbaren lasse. Die amnestische Wirkung des Mittels sei außerdem auf den Bildern und Videos zu sehen.

Bezogen auf alle Fälle sagte Schmidt: "Es waren alles junge Frauen, die zur Nachuntersuchung beim Angeklagten waren, sich daran aber nicht mehr richtig erinnern können. Und alle hatten das Gefühl, dass etwas Unlauteres geschehen ist."

Am meisten geschädigt worden sei eine damals 18-jährige Klinik-Mitarbeiterin, die zwar wahrgenommen habe, dass er ihr die Unterhose ausgezogen habe. Aber sie hätte aufgrund der Betäubung nicht äußern können, dass sie dies nicht wolle. Die junge Frau war laut Schmidt längere Zeit arbeitsunfähig und sei in psychologischer Behandlung.

Der Vorsitzende Richter stellte klar: "Für keine der Frauen gab es einen Grund, den Angeklagten zu belasten. Wir sind heute noch der Meinung, dass ein Glaubwürdigkeitsgutachten nicht erforderlich ist." Die Verteidigung hatte das mehrmals gefordert, weil sie eine Beeinflussung der Zeuginnen durch die Ermittlungsarbeit und ausführliche Medienberichterstattung sieht. Die Kammer jedoch negiert eine solche Beeinflussung. Jede Zeugin habe ihre Aussage individuell und glaubhaft gemacht. Die anfängliche Berichterstattung, beruhend auf einer Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft, sei nicht ganz glücklich gewesen - aber keine Beeinflussung.


Sexuelle Motivation eindeutig

Auch eine Traumatisierung der Frauen durch die Polizei habe nicht stattgefunden. Alle hätten die Vernehmung als schonend dargestellt. Jede Zeugin hätte die Wahl gehabt, ob sie die Fotos am Ende des Gesprächs habe ansehen wollen.

Die sexuelle Motivation, die vom Angeklagten "völlig in Abrede" gestellt wird, liegt für die Kammer "komplett auf der Hand". Gleichwohl stellte Schmidt fest: "Der Angeklagte hat einen tiefen Fall erleiden müssen, so tief, dass es fast nicht tiefer geht. Er hat vieles verloren, was sein bisheriges Leben ausgemacht hat." Auch sei W. durch die Medienberichterstattung stark belastet. Eine Differenzierung habe dort nicht immer so erfolgt, wie es hätte sein müssen. "Es hat eine Vorverurteilung stattgefunden."

Doch was ist mit dem Schuldspruch der Kammer? Chefarzt-Verteidigerin Katharina Rausch sprach von einem nicht nachzuvollziehenden Urteil und kündigte Revision an. Interessant: Über eine solche macht sich auch Oberstaatsanwalt Bernhard Lieb Gedanken. Ihm ist das Urteil eigentlich zu schwach, vor allem das "nur" fünfjährige Berufsverbot.

zum Thema "Chefarzt-Prozess Bamberg"

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