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NS-Kunst

Umstrittenes Vermächtnis aus Bambergs Nazi-Zeit

Seit Jahren treibt der Streit um zwei scheinbar idyllische Landschaftsbilder aus der NS-Zeit den Stadtrat um. Auch die neue Hinweistafel verharmlost nur.
Umstrittenes Nazi-Erbe im Rathaus Maxplatz: Seit den späten 30er Jahren hängen hier zwei Bamberg-Ansichten. Auftraggeber war NSDAP-Kreisleiter Zahneisen, der für die Deportierung mehrerer Bürger ins KZ Dachau mitverantwortlich war. Links unten die Erklärtafel.  Foto: Ronald Rinklef
 
von MICHAEL WEHNER
Es ist eine Debatte, die den Stadtrat in Bamberg immer wieder einholt. Wie soll man mit der Hinterlassenschaft des Bamberger Malers Fritz Bayerlein umgehen? Von ihm hängen zwei großformatige Bamberg-Porträts an einem symbolträchtigen Ort - im Großen Sitzungssaal im Rathaus. Bayerlein war erklärter Nazi und Antisemit.
Soll man die Bilder deshalb abhängen und ins Museum bringen? Oder ist es angemessener, sie als zeitgeschichtliches Dokument am Ort zu belassen, sie den Rathausbesuchern zu erklären?

Letzteres hat die Stadt im vergangenen Jahr versucht. Besonders glücklich war das Unterfangen nicht, wie man heute sagen muss. Denn die Hinweistafel, die nach einem Beschluss im Kultursenat nun unter einem der Bilder hängt, ist nicht dazu geeignet, dem Streit um die echte oder vermeintliche NS-Kunst die Schärfe zu nehmen. Eher im Gegenteil. "Sie ist an zwei Stellen nicht richtig. Dort heißt es, dem Künstler werde unterstellt, Anhänger des Hitler-Regimes gewesen zu sein. Man stellt die Frage nach seiner politischen Gesinnung. Das ist Humbug."


Ein ausgesprochener Antisemit

Der das sagt, hat sich in den letzten Monaten sehr intensiv mit Bayerleins Leben beschäftigt. Der Bamberger Geschichtsprofessor und Heimatpfleger Andreas Dornheim forschte an den Quellen, unter anderem im Bundesarchiv in Berlin. Das Ergebnis hat er unlängst vor dem Verein Frankenbund präsentiert, ein weiterer Vortrag soll am 18. November beim Historischen Verein Bamberg folgen. "Bayerlein stand dem Nationalsozialismus sehr nahe. Er galt auch nach der Einschätzung der Partei als zuverlässiges Mitglied der NSDAP und kann als ausgesprochener Antisemit bezeichnet werden", sagt Dornheim.


Problematischer Ort

Dennoch bricht der Historiker nicht den Stab über Bayerleins Bilder: Es handele sich nicht um Blut- und Boden-Kunst, die Gemälde entstammten eher der Tradition des Impressionismus mit gefälligen Landschaftsbildern aus einer vorindustriellen Zeit. Deshalb will Dornheim auch nicht so weit gehen, dem Stadtrat das Abhängen der Bilder zu empfehlen. "Problematisch", findet er es gleichwohl, dass die Gemälde eines bekennenden Nazis ausgerechnet dort hängen, wo das demokratische Herz der Stadt Bamberg schlägt.


Eine moralische Debatte

Klar ist, dass es beim Bayerlein-Streit nicht allein um eine kunstgeschichtliche Frage geht. Es ist vor allem eine moralische Debatte. Dies hat niemand besser auf den Punkt gebracht als der Gaustadter Andreas Stenglein, bekannt als Urgestein der Bamberger SPD. Als 87-Jähriger hat Stenglein die Schrecken der Nazi-Zeit noch selbst erfahren. Dass es sich um vermeintlich harmlose Bamberg-Porträts handelt, vermag ihn nicht versöhnlich zu stimmen: Er erinnert nicht umsonst an die Täter und die Opfer der dunkelsten deutschen Epoche. Auftraggeber der Gemälde war NSDAP-Kreisleiter Lorenz Zahneisen, ein Mann, mit dessen Duldung mehrere SPD-Stadträte verhaftet und wenig später mit anderen Bürgern aus Bamberg ins KZ Dachau deportiert wurden.

Einige von ihnen kannte Stenglein noch persönlich. Es hat also Gewicht, wenn er sagt: "Bilder eines Mannes, der 1939 persönlich von Hitler den Professorentitel für Malerei erhalten hat und nach dem Krieg noch tönte, dass er kein Demokrat werden wollen, haben im Sitzungssaal des Rathauses nichts zu suchen."
Seinem Parteigenossen, dem Bamberger OB Andreas Starke, macht er Vorwürfe: Dieser habe die Chance vertan, sich von seinen Vorgängern abzusetzen.

Doch das ist nicht die Sicht der Mehrheit im Stadtrat. Bambergs Bürgervertreter haben bislang stets entschieden, die Bilder dort hängen zu lassen, wo sie sich seit fast 80 Jahren befinden. Dabei ist es vor allem die CSU, die eine klare Trennlinie zwischen Kunst und politischer Gesinnung zieht. Aus diesen Bildern sei nicht im geringsten etwas Nationalsozialistisches herauszulesen, sagt CSU-Fraktionschef Helmut Müller. "Das sind beruhigend schöne Landschaftsbilder unserer schönen Stadt." Müller hätte deshalb sogar auf die Erklärtafel verzichtet, ein, wie er findet, "Zugeständnis an den Zeitgeist".

 


Anregen statt abhängen

"Ganz so einfach" will es sich die SPD nicht machen. Fraktionsvorsitzender Klaus Stieringer zeigt Verständnis für die Kritik von Andreas Stenglein. Dennoch empfiehlt er, die Diskussion über die Bayerlein-Bilder zu führen und sie nicht aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. "Wir sind für Anregen zur Diskussion und gegen Abhängen und Vergessen", sagt Stieringer. Dafür gebe es keinen geeigneteren Raum als ein Rathaus.

Freilich gibt es auch Stadträte, die die Bilder lieber heute als morgen los hätten. Ursula Sowa von den Grünen beschreibt die Bayerlein-Idyllen als "Einlullbilder" einer Zeit, in der ein menschenverachtendes Regime wütete. "Wir wollen sie nicht vernichten. Sie sollen aber aus dem Zentrum der Demokratie in Bamberg entfernt werden", sagt sie und und empfiehlt die didaktische Aufbereitung.


Entlarvendes Zitat

Auch der Stadtrat der Bamberger Linken Liste, Heinrich Schwimmbeck , will nicht länger unter Bayerlein tagen. Er verweist auf zahlreiche judenfeindliche Passagen in dessen Lebenserinnerungen, die aus dem Jahr 1955 stammen. Kostprobe von Seite 44: "Da nahm sich ein junger Graf Arco den Mut und knallte mit einem gezielten Schuss den alten Juden nieder..." So beschreibt Fritz Bayerlein die Ermordung von Kurt Eisner im Jahr 1919 zehn Jahre nach Kriegsende.
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