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Region  // Bamberg

Abschluss

Swetlana Alexijewitsch kämpft in Bamberg um die Wahrheit

Mit der Lesung der weißrussischen Nobelpreisträgerin geht das Bamberger Literaturfestival zu Ende.
Swetlana Alexijewitsch und ihr Übersetzer Jury Volkov im Bamberger Spiegelsaal der Harmonie  Foto: Ronald Rinklef
 
von CHRISTOPH HÄGELE
Geschichte ist Auswahl, ist Weltanschauung und Vereinfachung. Historiker bevorzugen den heroischen Einzelnen, nicht die anonyme Masse der sogenannten gewöhnlichen Menschen. Dass die Taten der Präsidenten, Könige, Kriegsherrn oder Attentäter den Strom der Ereignisse in fassbare Einheiten bündeln, ihm nachträglich Sinn und Kausalität stiften sollen, ist das eine.

Dass Geschichtsschreibung damit automatisch formt, was sie unvoreingenommen nur darzustellen vorgibt, das andere. Die Vorstellung einer objektiven Geschichte ist deshalb pure Fiktion. Geschichte gibt es nicht im Singular, es gibt sie nur im Plural. Es gibt sie in den Worten von Swetlana Alexijewitsch nur als "einen Chor der Zeitgenossen".


Gescheitertes Experiment

Am Samstagabend sprach die weißrussische Journalistin und Schriftstellerin im ausverkauften Spiegelsaal der Harmonie über ihr Leben, vor allem aber über ihr Schreiben und dessen normative Voraussetzungen.
Weil Alexijewitsch selbst kein Deutsch spricht, machte der aus Bamberg stammende Autor Thomas Kraft die Zuschauer mit deren jüngstem Buch "Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus" bekannt.

Aus einer Vielzahl unterschiedlicher Stimmen formt Alexijewitsch darin ein Wimmelbild vom grandiosen Scheitern des sozialistischen Menschheitsexperiments. Ein knappes Jahrzehnt lang hat Alexijewitsch gewöhnlichen Russen dabei zugehört, was diese über die Kriege der Vergangenheit und Gegenwart, das bis in die Kapillaren einsickernde Gift von Denunziation und Repression, was sie aber auch über ihren Alltag und die Hoffnung auf ein besseres Leben zu sagen haben. Alexijewitsch schenkt denen eine Stimme, die einer offiziellen Geschichtsschreibung ansonsten allenfalls Fußnoten wert sind.

Arrangiert als Collage gleichberechtigter Stimmen, schafft "Secondhand-Zeit" wie schon die vorherigen Bücher Alexijewitschs eine Art von alternativer Geschichtsschreibung. Eine Geschichte ohne klaren weltanschaulichen Standpunkt, ohne den Gegensatz zwischen heroischen Entscheidern und viehisch duldsamer Masse, eine Geschichte ohne vereinfachende Schablonen. "Auch das Böse ist nicht chemisch rein", sagte Alexijewitsch in Bamberg. Ein Täter kann auch Opfer sein, ein Opfer in einer anderen Hinsicht Täter. "Jeder hat", wie Alexijewitsch in Anlehnung an Dostojewski sagte, "das Recht, seine eigene Wahrheit in die Welt hinauszuschreien."


Politisch bis ins letzte Komma

Alexijewitsch alternative Geschichtsschreibung setzt mit Büchern wie "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" vor allem Frauen dort in ihr Recht, wo russische Geschichte sonst entlang von Lenins visionärem Geist, Stalins heroischer Grausamkeit oder Putins stolzgeschwelltem nacktem Oberkörper erzählt wird.
"Die Zeit läuft gegen Putin. Allerdings tut sie das langsam. Putin macht einfach zu viel Sport", lachte Alexijewitsch. Die zweite Ausgabe des Bamberger Literaturfestivals ging am Samstag mit dem nominell wohl bedeutendsten der diesjährigen Gäste zu Ende: 2015 ist Alexijewitsch mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet worden.

Aber auch losgelöst von dieser Auszeichnungen war der Auftritt Alexijewitschs der wohl eindrucksvollste eines an eindrucksvollen Auftritten gewiss nicht armen Literaturfestivals. Denn Alexijewitsch zeigt mit jeder einzelnen Seite ihrer Bücher, dass Literatur nicht ausschließlich der Zerstreuung, den kleinen Fluchten aus dem Alltag, dienen muss. Wenn es drauf ankommt, dann kann Literatur dringlich sein, politisch bis in das letzte Komma, eine Frage von Leben und Tod, Recht und Unrecht.

Ob denn Alexijewitsch tatsächlich Literatur verfasse oder nicht eher journalistische Arbeiten zwischen zwei Buchdeckel presse, trieb nach Bekanntgabe ihres Nobelpreises nicht nur die deutsche Literaturkritik um.
Namentlich die "Zeit"-Redakteurin Iris Radisch sprach ihr das kreativ Schöpferische ab, was das genuin Literarische am Ende doch vom journalistischen Handwerk abhebe.

Lächerlich weltfremd hallte das Echo dieser Diskussion am Samstagabend in Bamberg nach. Neben der ehrfürchtigen und zugleich ungemein klug moderierenden Asli Heinzel und Übersetzer Jury Volkov saß auf der Bühne eine zierliche Frau, die der russischen Staatsmacht und ihrer oft manipulativen Wahrheitsproduktion eine alternative, eine vielstimmige Wahrheit entgegenstellt.

Das setzt viel Handwerk voraus, innere Unabhängigkeit, vor allem aber Mut. Mag sein, dass Mut nicht alles ist, gerade in der Literatur. Aber ohne Mut ist auch in der Literatur alles nichts.
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