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Lesung

Stuckrad-Barre blickt in Hallstadt auf sein kaputtes Leben

In Hallstadt kehrt Benjamin von Stuckrad-Barre am Sonntag die Scherben seines von Drogen, Magersucht und Egozentrik demolierten Lebens zusammen.
Benjamin von Stuckrad-Barre bei seiner Lesung in Hallstadt Foto: Matthias Hoch
 
von CHRISTOPH HÄGELE
Kein Wodka, kein Kokain und noch nicht einmal schwul. Benjamin von Stuckrad-Barre ist ein langweiliger, weil sämtliche Versuchungen ängstlich meidender Mensch. So sehen das die hedonistisch entfesselten Männer, mit denen der 41-jährige einen fiebrig-bizarren Nachmittag unter der Sonne Kaliforniens verbringt.

Und so siehtes Benjamin von Stuckrad-Barre wohl auch selbst. Um zu überleben, musste er zum Langweiler werden. Was früher Rausch und Kokain waren, sind heute Mineralwasser und unendlich viel Selbstdisziplin. Stuckrad-Barre hat gelernt, sich selbst nicht mehr zu vertrauen. "Natürlich ist Abstinenz weniger eine Charakterfrage als eine der Gelegenheiten. Ich würde mich hier jetzt bald ausklingen müssen, sonst - ja, sonst", sagte Stuckrad-Barre am Sonntagabend im Hallstadter Kulturboden.


Eine Lektion in Demut

Deshalb auch macht Struckrad-Barre inzwischen einen großen Bogen um die Sehnsuchtsorte des Nachtlebens und die Hotspots der hedonistischen Internationalen. Stattdessen führt ihn seine Lesereise nach Ingolstadt, Siegen oder Paderborn; in Orte also, die seine Widerstandskräfte nicht über Gebühr auf die Probe stellen.

Man tut den Hallstadtern sicherlich kein übermäßiges Unrecht, ihre Gemeinde in die Reihe dieser an Versuchungen eher armen Orte mit einzuschließen. Dort, im gut gefüllten Kulturboden, las Stuckrad-Barre sich Sonntagabend kreuz und quer durch sein Buch "Panikherz". Gemeinsam mit vielleicht 200 Besuchern besichtigte er zwei Stunden lang die Trümmer seines von Kokain, Magersucht und Exzentrik beschädigten Lebens. Er tat dies mit fester Stimme, gesundem Aussehen und bedeutend aufgeräumter, als dies einige seiner jüngeren TV-Auftritte befürchten ließen.
Und doch war auch die Hallstadter Lesung eine Lektion in Selbstanklage, Ermahnung und Demut. Benjamin von Stuckrad-Barre ist ein Davongekommener, und er weiß dies. Das Wissen um die eigene Schwäche und Verführbarkeit haben sein Denken und Handeln auf links gedreht.


Mit "SickLit" voll im Trend

Benjamin von Stuckrad-Barre, das muss man wissen, war einmal das Wunderkind der deutschen Medien- und Literaturwelt. Mit kaum 20 Jahren Redakteur bei einem führenden Musikmagazin, später Gagschreiber bei Harald Schmidt. Der große Erfolg mit "Soloalbum", dann ein Buch nach dem anderen, ausverkaufte Lesereisen und eine eigene Fernsehsendung. Wachsende Überforderung, Größenwahn und Versagensängste, die Verbindung zur Außenwelt mit jeder Nase Kokain ein Stückchen mehr gelockert. Düstere, im Wahn verschwendete Jahre.
"Panikherz" ist die Mitschrift dieser dunklen Zeit.

Mit seinem Buch surft Stuckrad-Barre auf einer publizistischen Welle, die auf den etwas läppischen Namen "SickLit" hört. "SickLit", das sind kaum oder überhaupt nicht fiktionalisierte Protokolle von durch Krankheit oder Drogen zerstörte Leben. Neben "Panikherz" sind Thomas Melles "Die Welt im Rücken" oder Wolfgang Herrndorfs Sterbebuch "Arbeit und Struktur" glänzende Beispiele dieser Gattung. "SickLit" macht den Leser unweigerlich zum Voyeur, was auch die Lektüre von "Panikherz" mitunter unangenehm macht. Es wäre kleingeistig, hinter den literarischen Selbstoffenbarungen lediglich die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie und damit finanzielle Interessen zu vermuten.

Bei Stuckrad-Barre würde der Vorwurf ohnehin ins Leere zielen. Denn die Literatur des 41-Jährigen schöpft seit jeher aus dem Selbsterlebten. Erst das Erlebte beglaubigt das Geschriebene. So gesehen ist Stuckrad-Barre weniger ein Literat im romantischen Sinne als ein Protokollant seiner eigenen Existenz. Stuckrad-Barre ist aber auch ein gelehriger Schüler des Großzynikers Harald Schmidts, für den das Leben in erster Linie Material war: für allerlei Betrachtungen, aber eben auch für Gags, die unter die Gürtellinie zielen dürfen, nein sollen.


Ironie rettet keine Leben

Was für andere gilt, wendet Stuckrad-Barre in "Panikherz" gegen sich selbst. Entsprechend unsentimental und lakonisch breitete er dem Hallstadter Publikum seine "Schleuderjahre" aus: Stuckrad-Barre, der überforderte und abwesende Kindsvater. Der ruhmsüchtige Prahlhans, Junkie und an den Alltagsverrichtungen scheiternde Lebensbankrotteur.

Wenn das Hallstadter Publikum über diese Selbstentblößungen lachte, dann nicht, weil es sich schadenfroh am tiefen Fall eines einstigen Götterlieblings delektierte. Es lachte, weil Stuckrad-Barres Sprachwitz und scharfe Beobachtungsgabe selbst dort noch funktionieren, wo das Leben dreckig und elend ist.

Dass am Ende aber nicht die bescheidwisserische Ironie, sondern deren blankes Gegenteil sein Leben retten, verleiht "Panikherz" eine für Stuckrad-Barre ungewohnt nachdenkliche Dimension. Es ist seine Familie und es ist der komplett ironiefreie Udo Lindenberg, die den bereits erloschenen Stuckrad-Barre wieder auf die Beine stellen. Worauf es ankommt, sind Freundschaft und Familiensinn: So kitischig darf keine Literatur sein. So kitischig sein darf nur das Leben selbst.
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