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Stadt, Land, Flucht: Ist das Dorfleben in Franken ein Auslaufmodell?

Was wird gebraucht, damit das ländliche Idyll als Raum zum Leben auf Dauer funktioniert? Zwei Dorfforscher geben Einblicke.
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Weil sich das perfekte Dorf in Franken nicht so leicht finden lässt, haben wir es aus Playmobil selbst gebaut.  Fotos: R. Rinklef
Weil sich das perfekte Dorf in Franken nicht so leicht finden lässt, haben wir es aus Playmobil selbst gebaut. Fotos: R. Rinklef
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Er weiß, wovon er spricht: Der Geograf Gerhard Henkel (73) lebt in einem kleinen Dorf in Westfalen und hat sich mit seinen Forschungsprojekten an der Universität Duisburg und zahlreichen Publikationen als Dorf-Professor in Deutschland etabliert. Das Wort Dorf-Papst mag er aber nicht so ...

Egal ob Professor oder Papst: Henkel hat keine Patentrezepte in der Tasche, wenn er durch die Bundesrepublik von Vortrag zu Vortrag reist. Aber seine Botschaft ist immer die gleiche, abgeleitet vom Titel seines Buches "Rettet das Dorf": Ja, das Dorf ist (noch) zu retten.


Heute muss vieles mühsam organisiert werden

Mehr als tausend Jahre lang sind die Dörfer in Deutschland gut alleine klar gekommen. Die bäuerliche Zweckgemeinschaft organisierte sich selbst und schuf ganz selbstverständlich das, was heute das große Ziel der ländlichen Entwicklung und Gegenstand zahlreicher Abhandlungen ist: Im alten Dorf waren Wohnen, Arbeit und Freizeit auf kleinstem Raum vereint. So ein Dorf war ein Viel-Generationen-Projekt, das vieles bot, was heute mühsam organisiert werden muss.



Das Dorf war eine kleine Welt für sich, sicher keine heile, aber eine funktionierende und überschaubare, mit Kirche, Rathaus, Schule und Wirtshaus in der Mitte und Leben drumherum. Wer einen Eindruck bekommen will, wie Frankens Dörfer noch vor fünf Generationen, um 1850, ausgesehen haben, sollte mal im Internet im "Bayernatlas" schmökern (www.geoportal.bayern.de). Dort findet man neben Karten und aktuellen Luftbildern auch historische Flurkarten - eine Fundgrube, die alte Dorf- und Stadtkerne zeigt und im Vergleich überdeutlich macht, wie enorm die Siedlungs- und Gewerbegebiete gewachsen sind.


Fatale Kettenreaktion

"Die Mitte ist an den Rand gewandert", beschreibt ein anderer Dorfforscher, Albrecht Herrenknecht ("Pro Provincia") aus Boxberg, das Phänomen, das viele Ortszentren entwertet, teils entvölkert und eine fatale Kettenreaktion in Gang setzt - verbunden mit der Globalisierung und der digitalen Revolution, die Wohnorte austauschbar macht: Die Welt ist zum Dorf geworden.

Die Leerstände, die überall beklagt werden, verfallende Bauernanwesen bis hin zum Denkmal, das niemand retten will oder kann, sind auch die Folge einer Dorf-Politik, die auf das Wachstum der Schlaf-Siedlungen gesetzt hat: gutes Geld verdienen in der Stadt, billig leben im Dorf.

Dieser Wachstumsmotor stottert nicht nur. Jetzt zeigt sich die Kehrseite des Trends, weil Straßen, Kanäle und Wasserleitungen, die ins dörfliche Nirwana führen, für immer weniger Bewohner mit immer größerem Aufwand erhalten werden müssen.


Lebt man da noch gerne?

Das überfordert die Kommunen, die den Rotstift ansetzen. Und so wird der Ruf nach Zentralisierung laut: Von der Pfarreiengemeinschaft über die Verbandsschule bis hin zur Gebietsreform verlieren die Dörfer nicht nur Einwohner, sondern auch Funktionen. Lebt man da noch gerne?

Ja, sagt Henkel, und eine Studie des Berlin-Instituts bestätigt die Thesen des Dorf-Professors. Es hilft dem Dorf nicht, wenn die Verantwortlichen den Mangel beklagen und die Vergangenheit verklären. "Das Dorf braucht neue Ideen, es braucht Konzepte, und es braucht Leute, die anpacken", sagt Henkel. Ihn ermutigen die vielen positiven Beispiele für eine funktionierende Dorf-Welt, die er bei seinen Reisen durchs Land entdeckt.


Faktoren für ein funktionierendes Dorfleben:

Soziales: Wer aufs Land zieht oder schon immer im Dorf wohnt, sucht und findet dort etwas, was es in der Stadt nicht gibt: Man kennt sich, man hält zusammen, der Gartenzaun ist so etwas wie der Marktplatz, im Ort fühlt man sich nicht verloren wie in der urbanen Anonymität. Gerade das Vereinsleben, das mancher Städter für einen Anachronismus halten mag, ist ein unschätzbarer Vorteil des Dorflebens, nicht nur wegen der günstigen Bratwurst auf dem Fußballplatz.

Natur: Mit dem Leben im Dorf verbindet man eine Farbe: Grün. Die Nähe zur Natur, vielleicht sogar der eigene Garten - das sind Dinge, die in der Stadt unerreichbar und trotz hoher Mieten unbezahlbarer Luxus sind und die man beim Landleben quasi gratis als Zugabe genießen kann. Vom Grün auf dem Land profitiert auch die Stadt: Rund ums Dorf wächst, was die Stadt satt macht, und im Zeitalter der Energiewende gehen ohne das Dorf in der Stadt die Lichter aus!

Infrastruktur: Globalisierung und Digitalisierung galten lange als Feind der Dörfer: Wenn die moderne Welt nur noch in den Zentren stattfindet, welche Chance hat dann das Land? Inzwischen haben die große Politik und viele Kommunen erkannt, dass die neue Technik neuen Schwung gibt: Man muss nicht mehr in die Stadt fahren, weil digitale Arbeitsplätze auf dem Land entstehen. Wohnen und Arbeiten rücken im Dorf wieder zusammen.

Ideen: Das Dorfleben hat eine gewisse Eigendynamik, bisweilen allerdings ohne Dynamik. So manche ländliche Kommune verharrt im Stillstand. Hier ist die Kasse leer, dort wollen die Bürger keine großen Veränderungen. Oft fehlen aber einfach Ideen, auch die Schubladenkonzepte für die zahlreich aufgelegten Förderprogramme. Die Dorfwerkstatt gibt es oft nur bei der Dorferneuerung. Sie müsste eine Dauereinrichtung sein, weil es in jedem Dorf Macher und Mitmacher gibt.
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