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Brennpunkt

Radikale "Graue Wölfe" in Bamberg?

Geschmierte Hassparolen auf dem neuen Zentrum der Alevitischen Gemeinde Bamberg mobilisierten zu einer Protestkundgebung unter Polizeischutz.
Mehmet Cetindere nennt die Aleviten "Brüder und Schwestern".  Foto: Marion Krüger-Hundrup
 
von MARION KRÜGER-HUNDRUP
Mehmet Cetindere ist fassungslos: "Das ist sehr schlimm, so etwas darf nicht passieren! Die Aleviten sind unsere Brüder und Schwestern, es ist, als wenn es uns passiert wäre", sagt der Vorsitzende des Türkisch-Islamischen Kulturvereins in Bamberg zu den geschmierten Hassparolen auf dem neuen Gemeindezentrum der Aleviten an der Lichtenhaidestraße. Cetindere hofft, dass die Täter gefunden und bestraft werden. Warnt zugleich davor, vorläufige Rückschlüsse zu ziehen und vorzuverurteilen. Denn "Unkenntnis bringt Feindschaft".

Was war geschehen? Bisher Unbekannte haben in einer nächtlichen Aktion von Sonntag auf Montag die Außenwand des kurz vor der Fertigstellung stehenden Zentrums auf Türkisch mit anti-alevitischen und anti-kurdischen Parolen beschmiert. Übersetzt lauten diese: "Die Türkische Republik war hier, ihr Bastarde von der PKK" und dazu das Logo - drei Halbmonde - der rechtsextremen "Partei der Nationalistischen Bewegung" (MHP).


Mindestens 10 000 Anhänger

Die Mitglieder dieser 1961 gegründeten Partei, die in den vergangenen Jahren zahlreicher Morde und terroristischer Gewalttaten bezichtigt wurde, werden als "Graue Wölfe" bezeichnet. Diese agieren auch in Deutschland unter dem Deckmantel eines Vereins mit dem sperrigen Namen "Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland". Schätzungen zufolge soll es mindestens 10 000 Anhänger im gesamten Bundesgebiet geben, allein in Bayern sollen es etwa 1200 sein in den Ballungsräumen Augsburg, München und Nürnberg.

Auch in Bamberg hat sich ein solcher Verein der "Grauen Wölfe" in der Nürnberger Straße niedergelassen. "Die sind eigentlich nicht radikal, ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemand von denen war", glaubt Mehmet Cetindere, der diese Vereinsmitglieder seit vielen Jahren kennt. Auch die Polizei gibt sich gegenüber der Vermutung, dass der oder die Täter aus Bamberg stammen könnten, bedeckt. Allerdings "steht der Täter den Grauen Wölfen nahe, das lässt die Schrift vermuten", erklärt Thomas Schreiber von der Polizeiinspektion Bamberg-Stadt. Die Sachbeschädigung sei zwar nicht hoch, doch "eine Bedrohung ist da", fügte er hinzu.

Schreiber war Einsatzleiter seiner Polizeikollegen, die die flugs von der Alevitischen Gemeinde Bamberg e.V. einberufene Kundgebung schützten. Mit dieser Eilversammlung am Dienstagnachmittag wollte die Gemeinde gegen die Sachbeschädigung (300 Euro) und ihren extremistischen politischen Hintergrund protestieren. So drückte es die Gemeindevorsitzende Gönul Yildiz-Bulut aus. "Nation spielt für uns keine Rolle, daher ist das Geschehen so traurig", sagte sie unserer Zeitung. So seien von den über 50 Gemeindemitgliedern einige eben Türken, andere Kurden, die schon seit mehreren Generationen in Deutschland beziehungsweise Bamberg leben würden. "Asylbewerber sind wir nicht", betonte Gönul Yildiz-Bulut.


Es blieb ruhig

Während der Kundgebung auf dem Grundstück des Gemeindezentrums blieb es ruhig, keine besonderen Vorkommnisse. Für die wenigen deutschen Anwesenden waren einige Reden allerdings nicht verständlich, da auf Türkisch gehalten. Auf Deutsch verlas Kamer Güler, Regionalvorsitzender des Vereins "Alevitische Jugend in Bayern" eine kurze Stellungnahme: Diese Schmierereien, "diese Beleidigung ist für die gesamte alevitische Community nicht hinnehmbar". Da die Alevitische Gemeinde seit geraumer Zeit die "unverhältnismäßige Staatsgewalt der türkischen Regierung sowohl gegenüber den Kurden, als auch weiteren unterdrückten Völkern in der Türkei aufs Schärfste kritisiert, haben türkische Rechtsextremisten diese Situation in solch einer inakzeptablen Tat münden lassen".

Diese Schmiererei sei ein Versuch, "die legitime Kritik der Aleviten als eine Terrorunterstützung zu diffamieren", so Kamel Güler weiter. (Anmerkung der Red.: Das Kürzel "PKK" steht für die verbotene Kurdische Arbeiterpartei).

Güler überbrachte auch die schriftliche Botschaft von Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD), der aus terminlichen Gründen nicht an der Kundgebung teilnehmen konnte. "Ich verurteile die Aktion der Schmierereien auf das Schärfste", ließ der OB ausrichten. Die Täter dürften nicht ungestraft bleiben, so der OB.


"Friedliche Mitbürger"

"Ich habe die Aleviten in Bamberg als friedliche Mitbürger erlebt, die sich integrieren wollen", sagt Pastoralreferentin Barbara Göb, die bisher Beauftragte für den interreligiösen Dialog im Dekanat Bamberg war. Aleviten seien aus religiösen Gründen weder militant noch islamistisch und würden eine mehr "innerliche Frömmigkeit" pflegen. In der Türkei selbst seien Aleviten wie alle anderen Religionsgemeinschaften außerhalb des sunnitischen Islam benachteiligt und dürften institutionell - wie die Christen - nicht existieren.

In Deutschland leben etwa 800 000 Aleviten in 150 Gemeinden. Gemäß Paragraf 7 Grundgesetz sind sie als "Religionsgemeinschaft" anerkannt. Die Aleviten selbst sind aber uneins darüber, ob eine Zurechnung zu den Muslimen angemessen ist oder nicht.

Aleviten glauben jedenfalls an den einen und einzigen Gott (Allah/Hak) und an den Propheten Mohammed als den Gesandten Gottes sowie an den Weisen Ali als den Auserwählten Gottes. Die von den Muslimen verwendete Fassung des Korans wird von den Aleviten nicht als authentisch angesehen, die "Fünf Säulen" des Islam werden abgelehnt.

Ein verpflichtendes Freitagsgebet oder überhaupt feste Gottesdienstzeiten kennen die Aleviten nicht: "Gottesdienst ist für uns Dienst am Menschen, Achtung und Toleranz jeder Religion und Glaubensrichtung", erläuterte Kamel Güler. Für religiöse Zeremonien, an denen Männer wie Frauen gleichberechtigt teilnehmen, sei nun das neue Gemeindezentrum in Bamberg gedacht wie auch als Versammlungsort für Veranstaltungen.
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