Bamberg
Code-Check

Zutatenlisten, Kundenbewertungen - App soll beim Einkaufen helfen

Ein junges Unternehmen aus der Schweiz macht das Smartphone zum Helfer beim Einkaufen. Das Programm liefert Zutatenlisten und mehr.
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Ein junges Unternehmen aus der Schweiz macht das Smartphone zum Helfer beim Einkaufen. Das Programm liefert Zutatenlisten und mehr. Foto: Archiv
Ein junges Unternehmen aus der Schweiz macht das Smartphone zum Helfer beim Einkaufen. Das Programm liefert Zutatenlisten und mehr. Foto: Archiv
Des Guten zu viel oder zu wenig? Wer den Beipackzettel für seine Hustentropfen studiert, wird von Informationen geradezu erschlagen. Bei vielen anderen Produkten dagegen sind die Informationen auf der Packung eher dürftig und wenig aussagekräftig - auf die simple Ampel etwa, die bei der Suche nach gesunden Lebensmitteln helfen könnte, warten die Kunden noch immer.
Wer sich nicht auf den Gesetzgeber verlassen will und den Angaben der Hersteller nicht traut, findet Hilfe im Netz. Längst etabliert haben sich (Preis-)Vergleichsportale im Internet, die die Suche nach der günstigsten Reise oder dem billigsten Hotelzimmer erleichtern.


37 Millionen Produkte

Die mobile Anwendung dieses Prinzips ist ein relativ junger Markt, aber einer, der rasant wächst. Zu den Marktführern gehört das Schweizer Unternehmen Codecheck - nach eigener Darstellung der mit vier Millionen App-Downloads und aktuell 37 Millionen Produkten der größte deutschsprachige Online-Produktratgeber. Die kostenlose App macht das Smartphone zum Scanner: Mit der Kamera im Handy liest der Nutzer den Barcode auf der Verpackung ein. Das Programm liefert, Internetverbindung vorausgesetzt, alle verfügbaren Informationen zu dem Produkt. Und zwar nicht nur die, die der Hersteller hinter dem Strichcode hinterlegt hat.

"Codecheck funktioniert vom Prinzip her wie Wikipedia", sagt Boris Manhart, Geschäftsführer bei dem Schweizer Unternehmen, das 2013 von Roman Bleichenbacher gegründet wurde. Der hatte die App bereits 2002 als Prüfungsarbeit entwickelt, zu einer Zeit, "als noch kaum jemand über vom Nutzer mitgestaltete Datenbanken sprach", wie Manhart schildert. Der Erfinder bekam prompt eine schlechte Note ...


In die Marktlücke

Aber er hatte eine Marktlücke getroffen. "Immer mehr Verbraucher wollen bewusster einkaufen, sich gesünder ernähren. Mit der App kann ich direkt beim Einkaufen die Informationen bekommen, die ich will", sagt Manhart. Anfangs konzentrierte sich Codecheck auf Lebensmittel, inzwischen checkt die App auch Kosmetika und andere Produkte und warnt unter anderem vor potenziell gesundheitsschädlichen Inhaltsstoffen. Wer beim Einkauf zum Beispiel das umstrittene aber allgegenwärtige Palmöl vermeiden will, kann die App dafür nutzen.

Auch im Dschungel der Zusatzstoffe (E-....) findet sich Codecheck zurecht. "Codecheck ist auch der einzige Online-Ratgeber, der Nanopartikel in Kosmetika aufspürt", sagt der Schweizer Geschäftsmann. Persönliche Filtereinstellungen machen die App komfortabel. Nachdem das Produkt eingescannt wurde, erscheint eine Bewertung. Grün: für Produkte, die man mit gutem Gewissen kaufen kann, Rot warnt vor potenziellen gefahren für Körper und Umwelt.


Kontrolle ist besser

Dabei verlässt sich das Programm nicht auf die Herstellerangaben. Codecheck arbeitet laut Manhart unter anderem mit Greenpeace, dem Bund für Umwelt und Naturschutz, dem WWF und der Verbraucher-Initiativ. Die liefern die Bewertungen zu den Produkten (und haben zum Teil auch eigene Ratgeber-Apps). Das "Wiki-Prinzip" öffnet das Programm auch für Nutzer-Meinungen. Die Gefahr des Missbrauchs ist dabei nach Manharts Einschätzung gering. "Wir haben so viel Traffic auf der Seite, dass manipulierte Bewertungen in kürzester Zeit entdeckt werden."

Trotzdem ist Codecheck nicht gegen Kritik gefeit. Das Verbraucherportal Ökotest, das mit den Schweizern eine Zeitlang zusammengearbeitet hat, kritisiert Codecheck wegen einer teils veralteten Datenbasis. Bei einigen Produkten spucke der Scanner Inhaltsstoffe aus, die in den Produkten längst nicht mehr enthalten sind. Andere gefährliche Stoffe erkenne Codecheck hingegen gar nicht.


Immer aktuell

Die Codecheck-Macher räumen ein, dass der elektronische Einkaufsführer keine Wunder vollbringen kann. "Was die Hersteller nicht deklarieren, kann die App nicht erkennen", sagt Unternehmensprecherin Franziska Grammes. Auch seien die Barcodes vieler Hersteller nicht immer topaktuell und enthalten Hinweise auf Konservierungsstoffe, die wegen neuer EU-Vorschriften längst nicht mehr enthalten sind. "Die Community entdeckt aber solche Fehler schnell, und unsere Datenbank wird laufend auf den neuesten Stand gebracht", sagt Manhart.


Daten als Goldgrube

Unternehmen wie Codecheck leben nicht zuletzt von den Daten, die sie nutzen - denn die App ist ja kostenlos und unerwünschte Werbung kann der Nutzer von seinem Smartphone verbannen. Deshalb: je mehr Daten, desto besser, und Daten werden in der modernen Welt in gigantischer Menge und mit wachsendem Tempo produziert. Selbst wer sich von sozialen Netzwerken fern hält, ist eine Datenschleuder: Mobiltelefone, EC-Karten, Bewegungsmelder und Überwachungskameras liefern rund um die Uhr und überall Informationen.

"Big Data" heißt der Fachbegriff für die Goldgrube des Informationszeitalters. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich das weltweit verfügbare Datenvolumen alle zwei Jahre verdoppelt.

Aktuell dürfte es nach Angaben des US-amerikanischen Marktforschungsinstituts IDC bei 20 Zettabyte liegen, eine unvorstellbar große Zahl: Das menschliche Gehirn hat eine Kapazität von 2,5 Petabyte, das ist eine Eins mit 14 Nullen. Ein Zettabyte ist eine Eins mit 21 Nullen: 1.000.000.000.000.000.000.000 ! Es gibt an den Stränden dieses Planeten weit weniger Sandkörner als die Menschheit an Daten sammelt.


Der digitale Fingerabdruck

Ist dieser Datenschatz - oder trifft es der Begriff Datenmüll besser? - überhaupt noch beherrschbar? Eine ganze Industrie baut auf diesem ebenso gigantischen wie schnell wachsenden Datenberg: Suchmaschinen helfen, die Übersicht zu bewahren und das Gewünschte im Datenmeer aufzuspüren - aber sie sind keine Einbahnstraße. Wer sich im Datennetz bewegt, hinterlässt Spuren, neue Daten.

Bestrebungen, das Wachsen des Datenberges zu bremsen, sind nicht erkennbar, eher im Gegenteil: Immer mehr Daten werden elektronisch erfasst und gespeichert, selbst der Fingerabdruck im Reisepass, und inzwischen ist das Abrufen von Daten sogar möglich, ohne dass der Nutzer es merkt - etwa über die Funk-Chips in neuen EC-Karten (NFC-Technik).

All das soll den Komfort erhöhen (weil Akten nicht mehr aufwändig kopiert und per Post verschickt werden müssen) und vor allem mehr Sicherheit bringen (weil biometrische Ausweise kaum gefälscht werden können).
Es entstehen freilich Gefahren. Bayerns oberster Datenschützer Thomas Petri warnt davor, dass "Big Data" eine große Versuchung ist: Meinungsforscher, Werbestrategen und staatliche Stellen sind gierig nach Daten - und zwar nicht nur, um Terroristen aufzuspüren.

Petris Mahnung, die eigenen Daten wie einen Schatz zu hüten, klingt angesichts der Realität fast naiv: Längst hinterlässt jeder einen digitalen Fingerabdruck. Anonymität gibt es im Datennetz nicht mehr.


Kommentar: Sind unsere Daten noch zu schützen?

ach dem Zusammenbruch der DDR war die Öffnung der Stasi-Archive der wichtigste Schritt zur Aufarbeitung des staatlich verordneten Unrechts: Jeder betroffene Bürger konnte Einblick nehmen in die fein säuberlich mitgeschriebenen Telefongespräche und Überwachungsprotokolle.

Wie eine digitale Stasi gearbeitet hätte, mag man sich gar nicht ausmalen - und wie viel leichter wäre es gewesen, virtuelle Spuren zu löschen als Millionen Seiten Papierakten zu verbrennen?

Daten sammeln ist kein Unrecht, und nicht jedes Ausspähen ist ein Angriff auf Freiheit und Demokratie. Trotzdem machen der sorglose Umgang mit elektronischen Medien und Netzwerken auf der einen Seite und die fortschreitende Digitalisierung des Lebens auf der anderen Seite Angst. Wie sicher sind die Daten wirklich? Wer weiß, durch welche virtuellen Universen die IP-Adresse seines Computers oder Smartphones schwirrt?

Schon mit Hilfe weniger Informationen aus sozialen Netzwerken kann ein Anfänger bereits präzise Personenbeschreibungen basteln. Nimmt man noch GPS-Daten und andere virtuelle Spuren dazu, entsteht schnell ein umfassendes Profil.

Diese digitale Anarchie ist durchaus demokratisch, weil es ja jeder selbst in die Hand hat, wie viel er von sich preis gibt. Auf der anderen Seite wird diese Freiheit perforiert, weil Daten vielfach ungefragt erfasst werden, weil sich hinter der vermeintlich harmlosen und "anonymen" Umfrage Datensammeln versteckt. Weil mit Daten schwunghafter Handel getrieben wird.

Um echten Datenschutz zu garantieren, müsste es eine digitale Gauck-Behörde geben: wo jeder Bürger Auskunft darüber bekommt, welche seiner Daten von wem wo gespeichert werden. Mit dem Recht auf das totale Vergessen, also Löschen verknüpft natürlich!
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