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Zu wenig Bewegung: Werden Kinder und Jugendliche träger und dicker?

Vom Bett in die Schule und von dort vor den Bildschirm: Das Bild der trägen Jugend ist weit verbreitet. Wie dramatisch ist die Situation wirklich?
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Bewegen sich die Kinder heutzutage zu wenig?  Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Bewegen sich die Kinder heutzutage zu wenig? Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Übergewichtig, unbeweglich, faul: Nach Meinung einiger Experten hockt ein Großteil der Kinder lieber vor dem Fernseher oder starrt aufs Smartphone, anstatt sich mit Freunden im Wald auszutoben. Regelmäßig werden Studien veröffentlicht, die diesen Trend bestätigen sollen.

So fanden Wissenschaftler der Universität Bielefeld heraus, dass sich mehr als 80 Prozent der deutschen Jugendlichen zu wenig bewegen. Australische Forscher nahmen sogar 50 Studien aus den Jahren zwischen 1964 und 2010 unter die Lupe. Das Ergebnis: Die Kinder von heute bewegen sich langsamer als die Kinder von vor 30 Jahren. Zudem sei die Ausdauer in jedem Jahrzehnt um etwa fünf Prozent zurück gegangen.


Die Ängste von Mama und Papa

Einer, der in diesem Bereich viel geforscht hat, ist Gunar Senf von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Uni Leipzig. Dr Buchautor findet, dass es durchaus Defizite gibt. "Einige Kinder bewegen sich zu wenig und sitzen zu viel vor dem Computer oder Smartphone." Das habe leider auch immer mit der Angst der Eltern zu tun. "Viele sind übervorsichtig."

Dr. Heinz Krombholz bezeichnet die Forschungslage zur Beweglichkeit bei Kindern und Jugendlichen hingegen als "verwirrend". Für den wissenschaftlichen Mitarbeiter am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München steht fest: Die Situation ist nicht so bedrohlich, wie häufig publiziert - ganz im Gegenteil. "Schauen Sie sich auf den Straßen um. Die Kinder fahren Rad, Skateboard oder balancieren auf der Slackline." Natürlich würde es auch Kinder geben, die sich weniger bewegen als andere. "Aber die gab es schon immer."

Auch Krombholz sagt: Oft sei Inaktivität nicht das Problem der Kinder, sondern der Eltern. Die Einstellung von Mutter und Vater präge das Bewegungsverhalten des Nachwuchses. Und fehlende Bewegung stünde häufig in Zusammenhang mit den sozio-ökonomischen Verhältnissen in der Familie.

Das bestätigt Ralf Sygusch vom Institut für Sportwissenschaft an der Uni Erlangen-Nürnberg. Dass Kinder heutzutage wegen der Mediennutzung nur noch faule Stubenhocker sind, sei "totaler Blödsinn". "Kinder können beides: Den ganzen Tag rumtoben und abends das Smartphone nutzen." Auch Sygusch findet, dass die Eltern in der Verantwortung stehen. "Sie müssen das vorleben." Zu viel Kontrolle und ein minutiös durchgeplanter Tagesablauf seien da eher kontraproduktiv. "Prinzipiell sind wir aber weit davon entfernt, dass Eltern den Bewegungsradius ihrer Kinder einschränken."


Mulmiges Gefühl

Einige überbesorgte Eltern scheint es aber zu geben. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov offenbart, wie stark das Sicherheitsdenken teilweise ausgeprägt ist. Unter anderem gab die Hälfte der 1002 befragten Mütter und Väter an, ihrem Nachwuchs unbeaufsichtigtes Spielen nur auf dem eigenen Grundstück oder in der direkten Nachbarschaft zu erlauben. Zudem beschleicht jedem Zweiten ein mulmiges Gefühl, wenn der Nachwuchs allein vor die Tür tritt.

Einige Unternehmen wittern deshalb das große Geschäft: Besorgte Eltern können sich für 159 Euro unter anderem die Tracking-Uhr "Wo ist Lilly" bestellen. Ursprünglich als Ortungsgerät für das Haustier gedacht, haben die Erfinder den Aktionsradius auf den Nachwuchs erweitert. Die Geräte-Beschreibung liefert zusätzlichen Nährboden für übervorsichtige Eltern: "Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, Eltern und ihren Kindern Sicherheit zu bieten. Wer ist da, wenn Sie schnell etwas einkaufen müssen und Ihr Kind weiter im Garten spielen möchte?"
 


Kommentar von Reakteurin Irmtraud Fenn-Nebel: Falsche Fürsorge - wenn Eltern übertreiben


Einerseits tönt es stereotyp: Die "heutigen" Kinder hängen nur noch am Smartphone und werden kurzsichtig, süchtig, dick, dumm und faul. Andererseits sind die digitalen Endgeräte und das Internet nun mal da und "heutige" Eltern haben es schwer, das rechte Maß im Umgang damit zu finden. Aber rechtfertigt das eine Entwicklung, die gleichzeitig zu beobachten ist: Was macht sie zu Helikopter-Eltern, die unablässig über den lieben Kleinen kreisen in der irrigen Annahme, ihnen alles nachtragen zu müssen?

Ja, objektiv betrachtet sind die Herausforderungen der digitalisierten Welt nicht zu vergleichen mit dem, womit die heute 30-Jährigen aufgewachsen sind. Und wer noch älter ist, hat nochmal andere Erfahrungen. Bäche umleiten im Wald, "Daktari" gucken, mittags Schulranzen in die Ecke und ab wohin auch immer. Wenn das Gespräch auf "früher" kommt, überbieten sich die wilden Hunde von damals gegenseitig mit Geschichten von großer Freiheit und tollkühnen Aktivitäten.

Warum gönnen sie das ihren eigenen Kindern nicht, warum trauen sie ihnen das nicht zu? Rückblende: Als das Kind geboren wurde, hatte es niedliche, gesunde Füßchen. Was hat man sich über seine ersten Schritte gefreut! Das ging so lange gut, bis sich die Erzieher auf ihre Fürsorge besannen und den Nachwuchs seiner Mobilität beraubten. Merke: Ein Kind muss ein Smartphone haben, haben doch alle, glotzt es halt drauf.

Wie wäre es, wenn alle in der Klasse mal verzichten und eine digitale Pause machen würden? Einen Versuch wäre es wert. Das heißt aber nicht, dass das Kind in der gewonnenen Zeit irgendwo hinradelt. Da müsste es ja den Berg hoch! Und dieser Verkehr! Unzumutbar. Papi/Mami fahren. Sie richten ihren Tag gern auf die Dienstleistungen am Kind aus. Jetzt sitzt es mit seinen gesunden Füßen im Auto, besser: Helikopter. Und in der Falle, weil so mancher wilde Hund von damals es in seiner 180-Grad-Wendung einfach übertreibt.
 


Kommentar Peter Groscurth: Erziehungsprobleme? Überflüssige Diskussion!


Antriebslose, dicke Kinder und schrille Eltern, die sich abgehetzt und aggressiv um den Nachwuchs kümmern. Bilder, wie sie zur Zeit gerne bemüht werden.

Die Sitten verfallen anscheinend. Ein kluger Kopf meint dazu: "Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer."

Ist das wirklich so? Ach was. Eltern kümmern sich auch heutzutage um ihre Kinder - und die bocken eben ab und an. Doch viele sehen das anders: Das eigene Verhalten - früher in der Pubertät - wird nur allzu rasch verklärt.
Gelärmt und geschimpft wird immerzu. Sind Kinder nicht an Sport interessiert, bricht unser Land zusammen. Verzichten sie auf Tablet & Co., droht unserem Wirtschaftsstandort künftig ein Dasein als Entwicklungsland.
In den 80ern gab es die vermeintlich dauerzockende Videospiel-Generation (am Commodore 64 oder Atari). Und heute? Heute tut genau die brav und munter ihren Dienst, ist leistungsfähig und erzieht eigene Kinder.
Wozu dieser Aufschrei? Meist lärmen hyperaktive Psychologen oder Lebensberater, die geldgierig bitterböse Bücher schreiben und in Talkshows lästern... Mögen deren Werke staubanziehend in den Regalen dahinmodern.

Ach so, das Zitat des klugen Mannes ist übrigens über 2400 Jahre alt und stammt aus dem Mund des Philosophen Sokrates. Die Erde hat sich seit dieser Fehlanalyse erstaunlich munter weitergedreht samt aller Menschengenerationen darauf - fast so schön wie Helikopter-Eltern, wenn es die denn geben würde.
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