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Interview

Landtagsabgeordnete mit türkischen Wurzeln: "Dann sollen sie zurück in die Türkei"

Arif Tasdelen ist der erste bayerische Landtagsabgeordnete mit Migrationshintergrund. Die Erdogan-Begeisterung vieler Türken kränkt ihn auch persönlich.
Teilnehmer bei einer Veranstaltung mit dem türkischen Ministerpräsidenten Yildirim halten am 18.02.2017 in Oberhausen (Nordrhein-Westfalen) türkische Fahnen in den Händen. Foto: Roland Weihrauch/dpa
 
von CHRISTOPH HÄGELE
Der Eintrag in die Geschichtsbücher ist Arif Tasdelen allein schon deshalb sicher, weil er in den bayerischen Landtag eingezogen ist. Der 43-Jährige aus Nürnberg ist der erste Landtagsabgeordnete mit migrantischen Wurzeln, dem dies gelungen ist.

Geboren wurde Tasdelen in Anatolien. Mit acht Jahren zog er zu seinem Vater nach Deutschland, der dort als Gastarbeiter sein Geld verdiente. Nach dem Hauptabschluss arbeitete sich Tasdelen zum Zollinspektor herauf. 2013 zog er für die SPD in den Landtag ein.

Frage: Der Grünen-Politiker Özdemir berichtet von türkischen Taxifahrern, die ihn wegen seiner Kritik an Erdogan nicht mehr befördern. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Arif Tasdelen: Nein, überhaupt nicht. Aber natürlich gibt es innerhalb der türkischen Community heftigen Streit über die Frage, wie man zu Erdogan steht. Dass Türken andere Türken als Mitglieder der Gülen-Bewegung anschwärzen, bereitet mir aber deutlich mehr Sorgen.

Frage:Das kommt auch in Bayern vor?
Antwort: Ja.

Frage: Wie viele der 400 000 Türken in Bayern werden beim Referendum für Erdogan stimmen?
Antwort: Vielleicht die Hälfte. Aber diese Stimmen werden das Referendum nicht entscheiden. Die AKP provoziert den Streit mit Deutschland nur, um sich bei ihren Wählern in der Türkei zu profilieren. Das ist ein durchsichtiges Manöver. Ich finde es schade, dass viele Türken in Deutschland nicht durchschauen, dass sie von der AKP für innenpolitische Zwecke instrumentalisiert werden.

Frage: Warum lassen Sie sich denn so bereitwillig instrumentalisieren?
Antwort: Ich möchte Ihnen von meiner Mutter erzählen. Sie durfte in all den Jahrzehnten, in denen sie in Deutschland lebt, nie an einer Wahl teilnehmen. Das hat sie gekränkt. Und dann kam Erdogan und setzte durch, dass Auslandstürken bei der Wahl zum türkischen Präsidenten und Parlament teilnehmen dürfen. Meine Mutter ist Erdogan dankbar dafür. Sie fühlt sich endlich ernst genommen und beteiligt. Ich denke, so geht es vielen.

Frage: Ist die Erdogan-Begeisterung vieler Türken also das Symptom einer gescheiterten Integration?
Antwort: Sie steht dafür, dass die deutschen Parteien ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Frage: Einer Studie der Hanns-Seidel-Stiftung zufolge zeigen türkische Migranten unter allen Migrantengruppen das geringste Vertrauen in die deutschen Parteien.
Antwort: Die Türken waren nie Beteiligte, sondern nur Objekte der politischen Auseinandersetzung. Sie waren die Sündenböcke. Auch ich bin mit Wahlplakaten aufgewachsen, in denen Kopftücher durchgestrichen waren. Oder erinnern Sie sich an die Anti-Doppelpasskampagne des späteren hessischen Ministerpräsidenten Koch, die sich vor allem gegen Türken gewandt hat.

Frage: Kränkt Sie die Begeisterung für Erdogan und die AKP auch persönlich?
Antwort: Wenn ein Politiker aus der Türkei kommt, streiten sich die Türken hier fast darum, wer ihm seinen Mantel abnehmen darf. Wenn ich als Landtagsabgeordneter sie besuche, gilt das dagegen als etwas fast schon Langweiliges. Diese Ehrerbietung gegenüber Politikern stört mich.

Frage: Vielleicht sind viele Erdogan einfach nur dankbar.
Antwort: Aber er hat doch nie etwas für sie getan. Beim Flüchtlingsdeal hätte er wirklich einmal für die Türken in Deutschland etwas aushandeln können. Wenn Türken, die 40 oder 50 Jahre in Deutschland gearbeitet haben, an ihrem Lebensabend länger als sechs Monate in die Türkei reisen wollen, verlieren sie nämlich ihr Aufenthaltsrecht für Deutschland. Das ist ein wirkliches Problem für viele ältere Türken. Aber das hat Erdogan nie interessiert. Stattdessen nimmt er willentlich in Kauf, dass sich die Lage der hier lebenden Türken verschlechtern wird.

Frage: Was befürchten Sie?
Antwort: Ich befürchte, dass der Doppelpass, der sehr wichtig für viele Türken ist, abgeschafft werden könnte. Das könnte der Preis sein, den die Türken für die Eskalation Erdogans bezahlen müssen.

Frage: Hat der jetzige Konflikt das Potenzial, Türken und Deutsche dauerhaft zu entfremden?
Antwort: Wir stecken derzeit in einem hitzigen Wahlkampf. Das kann die Wahrnehmung verzerren. Man denkt, es gibt nichts Wichtigeres auf der Welt als diese Wahl. Ich kenne dieses Gefühl von meinen eigenen Wahlkämpfen. Wenn die Wahl vorbei ist, rücken wieder die entscheidenden Fragen in den Vordergrund: Bekomme ich einen Kindergartenplatz für mein Kind? Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Wer sich ausschließlich mit der türkischen Politik beschäftigen möchte, soll in die Türkei zurückgehen.

Frage: Wie meinen Sie das?
Antwort: Kein Türke oder Deutscher mit türkischen Wurzeln wird von Deutschland aus die Politik in der Türkei beeinflussen können. Wenn er dies aber unbedingt möchte, sollte er konsequenterweise dorthin ziehen. Es kann nicht die Lebensaufgabe von Türken in Deutschland sein, türkischen Politikern hier Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. Sie sollten hier in Deutschland versuchen, die Dinge besser zu machen. Nicht in der Türkei.

Frage: Als was gelten Sie in der türkischen Community: Vorbild oder Verräter?
Antwort: Als Vorbild, vor allem bei Jugendlichen. Die wollen von mir wissen, wie ich es in den Landtag geschafft habe. Es würde mich sehr freuen, wenn einige mir nacheifern würden.

Frage: Fühlen Sie sich im Landtag als Exot?
Antwort: Ich fühle mich sehr wohl dort. Durch meinen etwas dunkleren Teint und mein Aussehen habe ich ein Alleinstellungsmerkmal, um das viele meiner Kollegen heftig kämpfen müssen.

Frage: Was tun Sie im Landtag dafür, um Türken bessere Lebenschancen zu verschaffen?
Antwort: Mir ist die Bildungspolitik ein großes Anliegen. Der Bildungserfolg gerade in Bayern hängt zu gut 70 Prozent vom Elternhaus ab. Das ist im Übrigen nicht nur für Migranten ein großes Problem, sondern auch für Deutsche aus den sogenannten bildungsfernen Schichten. Wir müssen unbedingt den Bildungserfolg vom Elternhaus entkoppeln. Der kostenfreie Besuch von Kindergärten wäre ein Anfang.

Frage: Machen Türken heute noch Diskriminierungserfahrungen?
Antwort: Ein türkischer Jugendlicher muss für eine Lehrstelle im Schnitt siebenmal mehr Bewerbungen schreiben als ein vergleichbar qualifizierter Deutscher. Ähnliche Erfahrungen machen Türken auch bei der Suche nach einer Wohnung. Ein türkischer Name kann ein großes Hindernis sein.

Frage: Würden Sie in diesem Kontext von Rassismus sprechen?
Antwort: Diskriminierung aufgrund von Unwissenheit und Vorurteilen: Das trifft es eher.

Das Gespräch führte
Christoph Hägele.
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