Bamberg
Studie

In Franken wird viel zu viel gebaut

In den Städten gibt es kaum bezahlbaren Wohnraum, auf dem Land Leerstand und Neubaugebiete. Wie passt das zusammen?
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Während in den fränkischen Städten die Mieten explodieren, gibt es auf dem Land Leerstand und Neubaugebiete. Foto: dpa
Während in den fränkischen Städten die Mieten explodieren, gibt es auf dem Land Leerstand und Neubaugebiete. Foto: dpa
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In den Städten ist der Wohnraum knapp und teuer. Das macht bei historisch niedrigen Zinsen das Bauen auf dem Land wieder attraktiv. Eine feine Sache, sollte man meinen, aber die Fachleute warnen: Auch in Franken entsteht womöglich eine gefährliche Schieflage.

Im Auftrag des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) haben Experten um den Volkswirt Phillip Deschermeier den Wohnungsmarkt in Deutschland untersucht: Im Zeitraum 2011 bis 2015 stellten sie den Bedarf an neuen Wohnungen und Wohnhäusern und die tatsächliche Bautätigkeit gegenüber.


Hier zu viel, da zu wenig

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass der Wohnungsmarkt in Deutschland ausbalanciert ist; dies allerdings nur, wenn man die Zahlen über die Gesamtfläche vergleicht. Regional gibt es teilweise ein gravierendes Missverhältnis: In Städten fehlen Wohnungen, auf dem Land wird viel zu viel gebaut.

Der Trend ist eindeutig, auch wenn die Zahlen des IW im Detail durchaus zu hinterfragen sind. Wie präzise etwa ist die Prognose des Wohnbedarfs vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung?

Ein Beispiel: Für die Stadt Bamberg berechnen die IW-Experten ein Überangebot von 186 Prozent: 178 Wohnungen wären gebraucht worden, aber 331 seien gebaut worden. Das beißt sich mit der Tatsache, dass der Bamberger Wohnungsmarkt nicht nur gefühlt leer gefegt ist.


Studie hat Schwächen

Insbesondere Studenten suchen oft vergeblich nach einer "Bude", was laut IW nicht sein dürfte, denn bei den "Ein-Raum-Wohnungen" gebe es ein riesiges Überangebot: Nur zehn Wohnungen würden gebraucht, 196 wurden gebaut. Schlüssiger sind die Zahlen für Schweinfurt: Hier ist die Diskrepanz, die die Studie zwischen Stadt (88 Prozent = Wohnungsmangel) und Landkreis (242 Prozent = Überangebot) zeigt, nachvollziehbar.

So oder so ist die Studie ein Fingerzeig für Regionalplaner. "Auf dem Land wird weit über den langfristigen Bedarf hinaus gebaut", sagt Deschermeier. Während in den Altorten Leerstände entstehen, würden Neubaugebiete ausgewiesen.


Der Leerstand von morgen

Die werden auch gut angenommen, weil sich Familien die Mieten in den Städten nicht leisten können. Bei der aktuellen Zinspolitik ist die Finanzierung des eigenen Hauses günstiger als die Mietwohnung in der Stadt.
Allerdings: Die neuen Häuser von heute sind laut IW die Leerstände von morgen. Da die Bevölkerung gerade in ländlichen Regionen schrumpft, ist nicht nur das Bauernhaus im Ortskern schwer verkäuflich. Auch das Siedlungshaus wird in einigen Jahren ein Ladenhüter sein. Hier ist die Studie zu finden.





Kommentar: "Weiter so" wird richtig teuer



Es ist eine Gratwanderung: In vielen ländlichen Regionen Frankens ist die Werbung um neue Einwohner mit dem großzügig angelegten Neubaugebiet der einzige Wachstumsfaktor.

Hat man noch das Glück, im Einzugsgebiet einer City mit Arbeitsplätzen, aber knappem und teurem Wohnraum zu liegen, bleibt einer Gemeinde fast nichts anderes übrig, als sich an diesem Dorfwettstreit zu beteiligen: Kommt her, baut bei uns!
Die Mechanik hat lange Zeit funktioniert. Und sie wurde selten hinterfragt, auch wenn die immer größer werdenden Dörfer im gleichen Maße immer mehr Funktionen verloren haben und heute vielfach nur noch die Schlafzimmer der Industrie sind. Unbestritten gibt es auch andere Beispiele, Orts- gemeinschaften, die den Laden und das Wirtshaus und damit das ganze Dorf am Leben halten; vielerorts macht sich aber die große Öde breit, nicht nur in den verwaisten Ortskernen, sondern auch in den tagsüber menschenleeren Siedlungen.
Weiter so? Das wird unbezahlbar. Bauland will nicht nur erschlossen und verkauft werden. Die Kommunen müssen auch die Infrastruktur in den Siedlungen erhalten. Das billige Eigenheim wird teuer, wenn Straßen und Leitungen erneuert werden müssen ...
Die IW-Studie setzt, auch wenn nicht alle Zahlen schlüssig sind, ein Ausrufezeichen. Wenn die Gemeinden funktionieren wollen, müssen sie planen. Und dabei auf die Stärke des Dorfes setzen: Da hält und rückt man zusammen. Das Dorf der Zukunft sieht dem von einst wohl sehr ähnlich.
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