Bamberg
Auszeichnung

Hohes Lob nach dem Shitstorm

Das Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater bekommt als einziges bayerisches Schauspielhaus den Theaterpreis des Bundes.
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Das E.T.A.-Hoffmann-Theater wurde von Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, zum besten Haus Bayerns in der Kategorie "kleinere und mittlere" Theater gekürt.  Foto: gg
Das E.T.A.-Hoffmann-Theater wurde von Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, zum besten Haus Bayerns in der Kategorie "kleinere und mittlere" Theater gekürt. Foto: gg
"Ich kann nicht warten, bis der Krieg gefälligst nach Bamberg kommt", sagt sich die Marketenderin Anna Fierling und zieht mit ihrem Planwagen dem Krieg entgegen. Sie weiß: "Der Krieg ist nix als Geschäfte." Doch Mutter Courage, als die sie bekannt ist, sorgt sich nicht nur darum, "Schnitt zu machen". Mindestens genauso energisch, kraftvoll und voller Überlebenswillen kämpft sie für ihre drei Kinder.

Bert Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder" stand auf dem Spielplan des Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theaters. Das Publikum war begeistert. Und lobt Intendantin Sibylle Broll-Pape für den Neuanfang in dem städtischen Schauspielhaus.

Tatsächlich hat die einstige Leiterin des Prinzregent-Theaters in Bochum durchaus etwas von einer Mutter Courage. Von ihrem vitalen Behauptungswillen und ihrem nüchternen, praktischen Sinn in heiklen Situationen. Doch während Brechts Theaterfigur Verlust und Verderbnis erleidet, kann sich Intendantin Broll-Pape im Erfolg sonnen: "Über die überregionale Anerkennung freuen sich auch die Bamberger Zuschauer mit uns", sagt sie über die jüngste Auszeichnung: Das E.T.A.-Hoffmann-Theater wird mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichnet - als einziges Haus in Bayern.


"Eigenwillige Mischung, die Mut und Risiko erfordert"

Die Begründung der Jury für den Theaterpreis, der für Broll-Papes erste Spielzeit 2015/16 verliehen wird, würdigt die "sehr eigenwillige Mischung, die Mut und Risiko erfordert": "Engagiertes Denken und Gesellschaftskritik prägen den Geist des Hauses. Theater, das sich einmischt, aussetzt und gleichzeitig Humor und Witz beweist: ein Karfunkelstein in Franken!", heißt es weiter. Die neue Intendantin habe nicht nur das Theater geöffnet, sondern sei auch eigenwillig ungewöhnliche Kontakte oder Kooperationen eingegangen: "Ein Nachdenken über das Heute mit Werken von einst und ein immer wieder überraschender Blick auf die Gegenwart weckt Neugier", so die Jury.

Nach einer solchen Lobeshymne steht für Siegmar Walter fest: "Die Turbulenzen und Anfeindungen sollten endlich aufhören." Der langjährige Vorsitzende des Theatervereins Bamberg, der das E.T.A.-Hoffmann-Theater mit etlichen Vereinsmitgliedern ehrenamtlich unterstützt, hat die Nase voll von herbeibeschworenen Dramen rund um den zurückliegenden Intendantenwechsel, die das kulturelle Klima in der Weltkulturerbestadt Bamberg vergiften. Bis heute verstummen die Stimmen nicht, dass die gar nicht mehr so neue Intendantin Abonnentenzahlen schönrede und das Ensemble nur vor halb leeren Rängen spiele.


Den Betrieb auf Vordermann bringen

Tatsache ist schon, dass etliche Abonnenten, die dem Intendantenvorgänger von Sibylle Broll-Pape, Rainer Lewandowski, ewige Nibelungentreue geschworen hatten, verärgert ihre Einlasskarten zurückgaben. Lewandowski war 26 Jahre lang im Amt, galt als unangreifbare Ikone der städtischen Kulturszene.

Und dann nahten der Ruhestand und die Suche nach einem Nachfolger. Die Findungskommission unter Vorsitz des Theaterchefs, Kulturbürgermeister Christian Lange (CSU), machte es sich nicht leicht, entschied sich schließlich für Sibylle Broll-Pape, frei nach dem Motto "Neue Besen kehren gut".

Und Broll-Pape kehrte. Verkündete, dass sie das Lewandowski-Ensemble größtenteils nicht übernehmen werde, eigene Schauspieler mitbringen und überhaupt den ganzen Betrieb auf und hinter der Bühne auf Vordermann bringen wolle.


"Herzlos und unmenschlich"

Shitstorm ist ein harmloses Wort für das, was über die Neu-Bambergerin hereinbrach. Siegmar Walter erinnert sich an Begriffe wie "Machenschaften der Stadt Bamberg", "herzlos und unmenschlich". Obwohl die Nicht-Verlängerung von Schauspielerverträgen eigentlich ein "absolut normaler Vorgang ist". Außerdem müsse erkannt werden, dass sich Theater als solches gewandelt habe und nicht mehr mit Rezepten von früher gemacht werden könne.

Broll-Papes "Planwagen-Ware" kommt nunmehr bei einem deutlich jüngeren Publikum, bei Neuabonnenten, Studenten, aber auch bei Alteingesessenen an. Uraufführungen, Klassiker, Komödien, musikalische Schauspiele oder Produktionen für Kinder und Jugendliche finden Zustimmung. Komplett ausverkaufte Stücke sind keine Seltenheit. So zuletzt in dieser Woche das Sophokles-Drama "Antigone". "Die gebotene Qualität aller Schauspieler und Mitarbeiter gefällt sehr gut", meint denn etwa Bürgermeister Lange. So freue er sich auch sehr über den Theaterpreis des Bundes für "unser städtisches Theater, das mit einem solchen beeindruckenden Preis auf Bundesebene geehrt wird".


Kritik ist wichtig für die Theaterarbeit

Ganz Mutter Courage, hat sich Broll-Pape jetzt durch zwei Spielzeiten gekämpft. Oder anders gesagt: mit Bravour behauptet. "Wir haben auch in Bamberg für unsere Arbeit sehr viel Zuspruch erhalten", freut sie sich. Zumal "Lob ja oftmals leiser ist als Tadel". Sie versuche, neugierig und offen zu bleiben und keiner Kritik aus dem Weg zu gehen. Denn Kritik sei wichtig für die Theaterarbeit. "Nichts ist uninteressanter als ein Theater, das gleichgültig betrachtet wird", meint Broll-Pape ganz pragmatisch.

Außerdem verliere am Ende derjenige alles, der es jedem recht machen wolle. "Profilloses Theater will keiner", so die Intendantin. Sie sei froh, ein künstlerisches, begeisterungsfähiges Team um sich zu haben, das willens und in der Lage ist, den gemeinsamen Weg zu gehen, die Visionen zu teilen und umzusetzen. Und wieder ganz geschäftstüchtige Mutter Courage: Zum Theatermachen in turbulenten Zeiten brauche es nicht nur Mut und Glück, sondern auch kaufmännisches Geschick, um den Finanzhaushalt in Ordnung zu halten.

Da kommt der warme Frühlingsregen aus dem Theaterpreis natürlich wie gerufen. Das Preisgeld in Höhe von 115 000 Euro soll in künstlerische Projekte fließen. Davon hat die taffe Intendantin jedenfalls genug im "Planwagen", wie ein Blick in den neuen Spielplan verrät.
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