Coburg
Ärztemangel

Fränkische Kliniken wollen selbst Mediziner ausbilden

Weil der Ärztemangel schlimmer wird, haben einige fränkische Kliniken beschlossen, selbst Mediziner auszubilden.
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Kliniken in Franken wollen selbst Ärzte ausbilden. Foto: Patrick Pleul, dpa
Kliniken in Franken wollen selbst Ärzte ausbilden. Foto: Patrick Pleul, dpa
Fachärzte sind ausgebucht, Landarztpraxen schließen und in den Krankenhäusern arbeiten überdurchschnittlich viele Ausländer. Der Ärztemangel wird immer deutlicher spürbar. Dort, wo keine Mediziner ausgebildet werden, fehlen besonders viele. Oberfranken ist der einzige bayerische Regierungsbezirk, der keine Universität mit Medizinstudiengang hat.

Einige Krankenhäuser wollen die Ausbildung ihrer Ärzte selbst in die Hand nehmen. Im deutschen Hochschulsystem geht das nicht, aber es wird möglich durch eine Zusammenarbeit mit einer ausländischen Universität. Dort gibt's am Ende zwar keinen deutschen Doktortitel, aber innerhalb der EU erworbene Abschlüsse werden als gleichwertig anerkannt.


Fränkische Studenten an der Adriaküste

Kulmbach beschäftigt sich seit gut einem Jahr mit der Idee, mit einer Hochschule im Ausland einen gemeinsamen Medizin-Campus zu gründen. In der Zwischenzeit hat der Regiomed-Klinikverbund, zu dem Häuser in Coburg und Lichtenfels gehören, seine "Medical School" gestartet: Die ersten 25 Studenten lernen bereits in der "Vorklinik" der staatlichen Universität im kroatischen Split theoretische Grundlagen. In drei Jahren kommen sie zurück.

Das Projekt wurde innerhalb des letzten Jahres aus dem Boden gestampft. Es war ein Coup, der in seiner rasanten Umsetzung andere Krankenhäuser und Universitäten verblüffte und dem kommunalen Klinikverbund einige Anfeindungen einbrachte. Nach dem Motto: Wer es sich leisten kann, wird in Oberfranken trotz schlechtem Abi zum Mediziner ausgebildet. Die Uni Split verlangt für das sechsjährige Studium 54 000 Euro Gebühren. Ein Einser-Ab itur ist keine Pflicht.


Werden Einserschüler bessere Ärzte?

Um an einer deutschen Universität Medizin studieren zu können, ist heute in fast allen Bundesländern eine Abiturnote von 1,0 oder eine entsprechend lange Wartezeit Voraussetzung. Aber macht das einen guten Mediziner aus? Wenn wir uns den Arzt unseres Vertrauens vorstellen, haben wir dann unbedingt den Typus des Klassenprimus vor Augen? "Man muss überlegen, ob die jetzigen Auswahlkriterien für die Zukunft ausreichend sind. Unser Auswahlverfahren zielt bewusst nicht nur auf die Abiturnote ab", sagt Johannes Brachmann. Der Coburger Professor ist Chefarzt der Kardiologie und Inneren Medizin am Klinikum Coburg und gehört zum Kern-Team der Regiomed-Medical School. Genau wie Privatdozent Bernd Greger, ärztlicher Direktor und Chefarzt der Chirurgie am Klinikum Lichtenfels. Die beiden waren auf Kritik vorbereitet. "Wir sind ja nicht die ersten, die so was machen", sagt Greger.


Eine österreichische Uni in Franken

In Mittelfranken gibt es bereits seit zwei Jahren einen Standort einer Salzburger Privatuniversität. Jeweils 50 Studenten pro Semester werden an der "Paracelsus Medizinische Privatuniversität Nürnberg" aufgenommen und können einen österreichischen Abschluss erwerben. Anders als die Regiomed-Medical-School-Studenten bleiben sie durchgehend in Franken. Das ist durch die Kooperation mit der Technischen Hochschule Nürnberg möglich. Ein Einser-Abi ist auch hier nicht das oberste Kriterium, sondern wie in Coburg werden neben guten Noten in den Naturwissenschaften in umfangreichen Interviews auch Faktoren wie beispielsweise die persönliche Motivation und die soziale Kompetenz bewertet.

Dass beispielsweise der Medizinische Fakultätentag, der Verband der staatlichen Universitäten, im Bezug auf Nürnberg von einem "wissenschaftlichen Discounter" sprach, nimmt Professor Wolfgang Söllner gelassen. Er ist Chefarzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und seit zwei Jahren Vize-Rektor der Paracelsus-Privatuniversität. Die Kritik ist in dieser Zeit leiser geworden. Und Söllner sieht den Wissenschaftsrat auf seiner Seite. "Wir knüpfen an die Forderungen für eine Reform des Medizinstudiums an. Wir haben", sagt er und zählt auf, wo er einen Vorsprung sieht: "eine qualitativ gute, wissenschaftlich basierte Ausbildung und moderne didaktische Konzepte".


Die Not der Kliniken

Viele Vorwürfe sieht der Nürnberger als Beleg dafür, dass die staatlichen Unis unter sich bleiben wollen. "Aber sie allein schaffen es nicht, ausreichend ärztlichen Nachwuchs auszubilden." Alternativen seien gut, sofern die Qualität der Ausbildung stimmt. "Wenn in Bayern 100 neue Mediziner ausgebildet werden, können wir uns doch alle nur freuen. Konkurrenz sehe ich da nicht. Ich sehe den Mangel."
Eine Stellenanzeige im Ärzteblatt kostet 15 000 bis 20 000 Euro. Der Coburger Professor Brachmann erklärt: "Viele Krankenhäuser inserieren gar nicht mehr, weil sie trotzdem keinen finden. Also werden Headhunter beauftragt, die gezielt Bewerber kontaktieren. Das verursacht noch höhere Kosten." Es sei schwer, Fachkräfte nach Oberfranken zu holen. "Gute Luft und Lebensqualität, die günstigen Lebenshaltungskosten, bezahlbares Wohneigentum und nahe Schulen - das allein reicht nicht", sagt Brachmann. Da auch die Forschungsaktivitäten dadurch verstärkt werden, soll die "Medical School" ein Anreiz für Mediziner sein, die Ambitionen in Forschung und Lehre haben.
Das Dilemma wird sich in Zukunft verschärfen, weil durch die alternde Gesellschaft der Bedarf an medizinischen Leistungen steigt und viele Ärzte in Rente gehen. Deutschland bildet dem Ärzteverband Marburger Bund zufolge einfach zu wenige aus. Gab es in den alten Bundesländern im Jahr 1990 noch 12 000 Medizinstudienplätze, hätten es demnach durch die Wiedervereinigung 16 000 sein müssen. Doch in diesem Wintersemester gibt es nur 9150 Studienplätze - und auf jeden Platz kamen fünf Bewerber.


"Bestenfalls Basismediziner"

Aber mehr Medizinstudienplätze wären teuer. "250 000 bis 300 000 Euro kostet ein Platz normalerweise", sagt Thomas Rupprecht, Chefarzt der Kinderklinik am Klinikum Bayreuth. Der Professor ist strikt gegen die Alternativ-Modelle. Er bezweifelt, dass mehr als "Basismediziner" bei der "Billigausbildung" herauskämen, ihn stören die Studiengebühren - und dass sie im Fall der Regiomed-Medical School nach Kroatien fließen. Er hat schon lange ein Konzept in der Schublade, bei der die klinische Ausbildung von Medizinstudenten in Bayreuth übernommen werden soll. "Wir könnten mit zehn bis 15 Millionen im Jahr 300 Studenten ausbilden. Davon würde die ganze Region profitieren. Aber Kroatien ist natürlich billiger", sagt er mit bitterem Unterton. "Der Freistaat zieht sich billig aus der Verantwortung."
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