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Prostitution

Ein Blick ins Rotlicht-Milieu: Warum kaufen sich Männer Sex?

Warum kaufen sich Männer Sex und wie fühlt es sich als Frau an? Schriftstellerin Nora Bossong erzählt über Erfahrungen bei ihrer Buch-Recherche.
Warum kaufen sich Männer Sex und wie fühlt es sich als Frau an? Schriftstellerin Nora Bossong erzählt über Erfahrungen bei ihrer Buch-Recherche. Foto: Oliver Berg dpa/lnw
 
von CHRISTOPH HÄGELE
Eine eigentümliche Faszination muss der plüschige Sexshop ihrer Heimatstadt auf die junge Nora Bossong ausübt haben. Hineingetraut hat sie sich das erste Mal mit 15 oder 16 Jahren. Knapp 20 Jahre später ist die Schriftstellerin unverändert fasziniert von dem Geschäft mit Sex, Lust und Befriedigung.

Die kindliche Faszination für die Schauwerte des Gewerbes - die Magazine und Hüllen der Videokassetten - allerdings ist gewichen einem soziologisch geschulten Interesse an einer Lebenswelt, in der sich Lust und Begehren, Macht und Ausbeutung oft unheilvoll verschränken. Das Ergebnis ihrer Expeditionsreise in den sexuell-kapitalistischen Komplex ist das Buch "Rotlicht". Der Blick der 34-Jährigen ist mitfühlend, wo es um die Menschen geht, und kühl, wo sie die gesellschaftlichen Zusammenhänge hinter Prostitution und Pornografie beschreibt. "Rotlicht" (Hanser Verlag, 235 Seiten, 20 Euro) ist ein wichtiges Buch, das den Blick auf Sex und Geschlechterverhältnisse verändern kann.

Sie haben Erotikmessen, Pornokinos, Swingerclubs und Laufhäuser besucht: Was haben all diese Orte gemeinsam?
Nora Bossong: Dass es dort zwar Lust zu kaufen gibt, aber kein Begehren.

Was ist der Unterschied?
Lust ist mechanisch, es geht dort um die reine Verrichtung, die Abfuhr von Trieben. Der in seiner Nacktheit grell ausgestellte Körper kennt kein Geheimnis mehr. Im Übrigen entfernen wir uns dabei immer mehr von unserer Körperlichkeit. Sex und Körper, wie sie in Pornos und Erotikmessen präsentiert werden, sind klinisch rein und beinahe schon steril. In Barcelona hat dieser Tage das erste Bordell mit Sexpuppen eröffnet. Das treibt die Entwicklung auf die Spitze. Begehren hat mit Intimität und Berührungen zu tun, mit dem spielerischen Werben um das Gegenüber.

Warum kaufen sich Männer Sex?
Es ist ja keineswegs so, dass das ausnahmslos alle Männer tun würden. Viele Männer aber leben in der Überzeugung, dass ihnen der Zugang zu Sex einfach zusteht. Es geht ihnen um das Anrecht auf einen anderen Körper, um an diesem die eigene Lust zu befriedigen.

Haben Ihnen das die Freier so gesagt?
Ja. Einige haben mir auch geschrieben, nachdem sie im Fernsehen Berichte über mein Buch gesehen haben. Einer von ihnen erklärte, dass er "notgedrungen" zu Prostituierten muss, weil er keine andere Beziehung zu einer Frau habe. Reflektiert, warum dies der Fall ist und wie das zu ändern wäre, hat er allerdings nicht. Stattdessen hat er sich über die "geldgierigen Luder" beschwert, die 40 Euro für eine halbe Stunde verlangen.

Was empfinden Sie für Freier: Abscheu, Wut, Mitleid oder vielleicht sogar Verständnis?
Von allem ein wenig. Ich habe auch Freier getroffen, die ich nett fand und die eher Zärtlichkeit als bloße Triebabfuhr suchten - aber dann doch auf nichts anderes kommen als käuflichen Sex, weil es der widerstandsloseste Weg zu sein scheint. Abscheu und Wut empfinde ich, wenn Männer Frauen zu Objekten herabwürdigen, wenn sie um Preise feilschen und die Notlagen der Frauen ausnutzen.

Wenn Prostituierte bieten, was viele Männer unbedingt wollen: Warum ist die Lage vieler Prostituierten dann derart desolat?
Die Preise sind so niedrig, weil zu viele Frauen ihren Körper verkaufen. Mittlerweile stammen viele aus Osteuropa und sind in einer Armut aufgewachsen, die man sich für ein europäisches Land nicht vorstellen kann. Für diese Frauen sind 20 Euro, die sie von einem Freier bekommen, oft deutlich mehr, als sie in ihrer Heimat verdienen können. Solange es ein derart großes Wohlstandsgefälle selbst innerhalb Europas gibt, wird sich die Situation von Prostituierten nicht ändern.

Warum kaufen sich Frauen seltener Sex?
Ich glaube, weil der käufliche Sex für Frauen nichts Selbstverständliches ist. Sie müssten sich mit den Bedingungen, unter denen er angeboten wird, intensiver auseinandersetzen. Das dürfte Frauen abschrecken. Außerdem hat dieses Gefälle einen wirtschaftlichen Hintergrund.

Welchen?
Dass man auch fragen muss, ob überhaupt so viele Frauen Geld dafür übrig hätten. Nach einer erst neulich erschienenen OECD-Studie tragen Frauen in Deutschland nicht einmal ein Viertel zum gemeinsamen Haushaltseinkommen bei. Eine Stunde mit einem Callboy kostet aber etwa 200 Euro oder mehr.

Mit Ihrem Begleiter haben aber auch Sie sich eine Prostituierte gekauft.
Die 200 Euro habe ich mit meiner EC-Karte bezahlt.

Wie hat sich das angefühlt?
Es hat sich seltsam angefühlt. Es war mir bewusst, dass ich jetzt Zeit mit dieser Frau und für diese Zeit auch die Verfügungsgewalt über sie kaufe. Das vormals gleichberechtigte Verhältnis zwischen zwei Menschen hat sich mit der Zahlung schlagartig verändert: Ich konnte über die junge Frau verfügen; ganz egal, ob ich nun mit ihr Sex haben oder nur mit ihr reden wollte.

Haben Sie Macht gespürt?
Nein. Ich habe meine unangenehmen Gefühle mit der Versicherung betäubt, dass dieser ganze Vorgang ja der Recherche für mein Buch dient.

Dennoch spart Ihr Buch aus, was in dieser Stunde geschehen ist.
Es muss noch Geheimnisse geben.

Hat Sie etwas sexuell erregt?
Die Tantramassage hat mich angesprochen. Natürlich geht es dort auch um sexuelle Befriedigung. Aber davor steht ein Gespräch, in dem es um die eigenen Wünsche und auch Ängste geht. Auch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper ist sehr intensiv. Als sich meine Masseurin die erste Stunde lang nur mit meinem Rücken beschäftigt hat, habe ich allerdings doch kurz überlegt, ob ich das mit der erotischen Massage falsch verstanden habe. Auch ein SM-Stand hat mich übrigens überrascht.

Wie das?
In dem Gespräch wurde mir zumindest das Verständnis dafür deutlich, dass sich Sex nicht auf die primären und sekundären Geschlechtsorgane reduzieren muss.

Nach allem, was Sie gesehen und erlebt haben: Ist die Vorstellung einer gleichberechtigten Sexualität pure Fiktion?
Das Grundproblem bleibt, dass eine Seite glaubt, ein Anrecht auf Sex zu haben. Dieser Anspruch trägt auch in gewöhnliche Beziehungen zwischen Männern und Frauen ein Machtungleichgewicht. Der Zwang zur körperlichen Selbstoptimierung, den viele Frauen spüren, rührt auch von diesem Machtungleichgewicht. Noch immer geht es vor allem darum, den Mann in vielerlei, eben auch sexueller Hinsicht zu befriedigen. Das läuft natürlich subtiler ab als in Bordellen.

Aber?
Solange in sexueller Hinsicht dem einen immer eine Hintertür offensteht und dem anderen nicht, kann es unfair zugehen.

Das Gespräch führte
Christoph Hägele.
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