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Interview

Interview mit Obdachlosem: "Auf der Straße herrscht das Recht des Stärkeren"

Seit 30 Jahren ist Richard Brox obdachlos. Dass sich die Situation verschlechtert, hat seiner Ansicht nach auch mit der Flüchtlingskrise zu tun.
Zwischen 40 000 und 60 000 Menschen in Deutschland schlafen auf der Straße.  Foto: Paul Zirken, dpa
 
von CHRISTOPH HÄGELE
Als er sein Handy abnimmt, befindet sich Richard Brox gerade in Kassel. Wohin er anschließend weiterreisen wird, weiß der 52-Jährige zu diesem Zeitpunkt noch nicht: "Vielleicht geht es nach Bayern." Der 52-Jährige, der in Mannheim zur Welt gekommen ist, ist seit über drei Jahrzehnten ohne festen Wohnsitz.
Die Erfahrungen, die Brox in seinen Jahren auf der Straße gemacht hat, teilt er in seinem Internet-Blog ohnewohnung-wasnun.blogspot.de. Dort finden Wohnungs- und Obdachlose Tipps und Anlaufstationen, die ihnen das Leben auf der Straße erleichtern sollen.

Wie fühlt sich das Leben als Obdachloser in Deutschland an?
Richard Brox: Es fühlt sich nicht gut an. Die Voraussetzungen für Obdachlose sind schlechter geworden. Zum einen steigt die Zahl der Obdachlosen. Zum anderen sinkt die Zahl an Schlafplätzen, Wärmestuben und Notunterkünften. Es ist schwer geworden, dort einen Schlafplatz zu bekommen.

Warum ist das so? Wohnungslose haben doch einen rechtlich verbindlichen Anspruch auf eine menschenwürdige Unterbringung.
Das liegt daran, dass sich viele soziale Träger jetzt vor allem um die Flüchtlinge kümmern. Das geht zulasten jener Obdachlosen, die völlig unabhängig von ihrer Nationalität schon lange in Deutschland leben. Ich kenne Einrichtungen, in denen ganze Etagen für Flüchtlinge geräumt worden sind, die früher für Obdachlose zur Verfügung standen.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe bestreitet dagegen, dass die Interessen von Obdachlosen und Flüchtlingen gegeneinander ausgespielt werden.
Es entspricht aber den Erfahrungen, die ich und andere Obdachlose täglich machen. Auch in Nürnberg ist das zum Beispiel so.

Sind unter den Obdachlosen inzwischen viele Flüchtlinge?
Man schätzt, dass es zwischen 10 000 und 20 000 sind. Die haben in der Regel aber nur wenig Kontakt zu anderen Obdachlosen. Ich habe den Eindruck, dass sie auch sehr mobil sind. Man sieht sie nur kurz, bevor sie wieder weg sind.

Wie gehen die fränkischen Kommunen mit Obdachlosen um?
Nürnberg ist für mich eine Paradestadt. Es gibt viele Hilfsangebote. Obdachlose werden sogar in Pensionen untergebracht. Mit Bamberg und Erlangen habe ich keine guten Erfahrungen gemacht. Es gibt hier keine Wärmestuben. In Bamberg gibt es eine Einrichtung in der Siechenstraße. Aber die ist klein und dient vor allem Obdachlosen, die sich dauerhaft in Bamberg aufhalten. Dennoch habe ich in Bamberg eine meiner schönsten Erfahrungen gemacht.

Erzählen Sie.
Eine Frau Winkler hat mich einige Tage in ihrer Pension versorgt. Ich erinnere mich noch an ihre beiden Katzen. Vielleicht liest sie das Interview. Ich bin ihr immer noch sehr dankbar.

Seit wann leben Sie auf der Straße?
Im April habe ich mein 30. Jubiläum gefeiert. Ich bin eher in die Obdachlosigkeit hineingeschlittert. Aber das geht vielen so. Viele, die auf der Straße leben, haben einen Defekt: Drogensucht, Alkoholismus, psychische Erkrankungen, nicht verarbeitete Trennungen oder einen Gefängnisaufenthalt.

Was ist Ihr Defekt?
Über die Vergangenheit möchte ich nicht mehr reden. Heute ist mein Defekt die Tatsache, dass ich mich an das Leben auf der Straße gewöhnt habe.

Haben Sie die Hoffnung auf einen festen Wohnsitz aufgegeben?
Nein.

Haben Sie Angst davor, als alter Mann noch auf der Straße leben zu müssen?
So weit will ich das erst gar nicht kommen lassen. Ich bin jetzt 52 Jahre alt, da geht das noch. Wenn ich 60 Jahre alt bin, will ich mir über meine Zukunft Gedanken machen. Es gibt spezielle Einrichtungen für ältere Obdachlose, zum Beispiel in Nürnberg. Wenn man nicht mehr selbstständig ist, wird es auf der Straße brutal.

Ist es jetzt im Winter besonders hart auf der Straße?
Das ist die härteste Zeit im Jahr. Besonders gefährlich ist die Kombination aus Kälte und Feuchte. Das erhöht die Gefahr, an einer Lungen- oder Nierenentzündung zu erkranken. Die wenigsten haben gute Schlafsäcke und ausreichend warme Kleidung. Ich bin deshalb froh, wenn ich im Winter nachts ein Dach über dem Kopf habe.

Das heißt, Sie schlafen nicht in jeder Nacht unter freiem Himmel?
Das mache ich nur, wenn es gar nicht anders geht.

Wie verdienen Sie Geld?
Zum einen gehe ich betteln. Zum anderen haben Obdachlose Anspruch auf einen sogenannten Tagessatz. Der bemisst sich an monatlich 408 Euro, geteilt durch die Zahl der Tage. Allerdings ist es oft nicht leicht, an die Tagessätze ranzukommen. Die Auszahlstellen sind zum Teil sehr verstreut und es ist mit einer langen Wartezeit auf den Ämtern verbunden. Ich kenne Obdachlose, die deshalb diese Leistung erst gar nicht in Anspruch nehmen.

Wie viel Geld haben Sie am Tag zur Verfügung?
Es sind zwischen zehn und 15 Euro. Damit muss ich Essen und Trinken, die Bahnfahrten und auch die Unterkünfte bezahlen. Ich komme über die Runden und habe das Notwendigste.

Wie viel müssen Sie für einen Platz in der Notunterkunft bezahlen?
Eine Nacht kostet in der Regel zwischen drei und sechs Euro.

In Berlin haben Jugendliche versucht, einen schlafenden Obdachlosen in Brand zu stecken. Müssen Obdachlose um ihr Leben fürchten?
Die Justiz muss ein Zeichen setzen. Sonst entsteht der Eindruck, Obdachlose sind Freiwild. Gewalt, sexuelle Übergriffe, Erniedrigungen und Beleidigungen sind aber schon längst Alltag für Obdachlose. Wir sind für viele Dreck und entsprechend behandeln sie uns.

Wer bedroht Obdachlose?
Immer noch am stärksten die Rechten. Ein Problem sind aber auch muslimische Migranten, vor allem, wenn sie in Gruppen auftreten. Auch von ihnen geht eine große Verachtung aus, gerade gegenüber Frauen und Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung. Wir Obdachlosen sind die Schwächsten der Gesellschaft. Wir spüren es als Erste, wenn sich Hass und Gewalt ausbreiten.

Sind Sie selbst schon einmal körperlich bedroht worden?
Natürlich. Vor drei Jahren zum Beispiel hatten Jugendliche in Hannover versucht, mich zu bestehlen. Ich bat vorbeilaufende Menschen, mir zu helfen. Keiner half.

Wer hat Ihnen am Ende geholfen?
Ein Mitglied der Hells Angels. Ich kenne einige Fälle, in denen Rocker von den Hells Angels Obdachlosen zu Hilfe gekommen sind.

Sind viele Obdachlose zu ihrem Schutz bewaffnet?
Eher nicht. Ich rate aber Frauen und Mädchen, sich mit Teleskopstangen zu schützen.

Gibt es auch unter Obdachlosen selbst Gewalt?
Obdachlose sind keine edleren Menschen. Es herrscht großer Neid. Wer eine bessere Jacke oder ein gutes Handy hat, muss aufpassen. Auch in Einrichtungen wird geklaut, bedroht und geschlagen. Es herrscht das Recht des Stärkeren.

Das Gespräch führte
Christoph Hägele.
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