Bamberg
Depression

Depression: Wie eine Patientin es erlebte - wie ein Spezialist aus Bamberg es erklärt

Depression kann jeden treffen - das musste eine Lehrerin feststellen. Wie sich die Krankheit anfühlt und welche Therapien es gibt
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Eine Depression kann jeden treffen. Symbolfoto: Peter Steffen, dpa
Eine Depression kann jeden treffen. Symbolfoto: Peter Steffen, dpa
Wie aus heiterem Himmel und ohne erkennbare Ursache änderte sich für Martha Kaiser (Name von der Redaktion geändert) alles. Die heute 64-jährige pensionierte Lehrerin fühlte sich nur noch erschöpft, litt unter Schlaflosigkeit und hatte an nichts mehr Freude.

Morgens schleppte sie sich wie gerädert aus dem Bett und von dort aufs Sofa. Zu nichts konnte sie sich mehr aufraffen. Martha Kaisers Ehemann brachte sie schließlich zum Hausarzt. Nach der körperlichen Untersuchung, die keinerlei Diagnose ergab, war für den Mediziner klar: Seine Patientin leidet an Depression. Ein Facharzt muss weiterhelfen.


Angst vor Vorurteilen

Doch Martha Kaiser wollte sich zunächst nicht eingestehen, an einer Depression erkrankt zu sein. Dazu kam die Angst vor Vorurteilen, die immer noch mit dem Krankheitsbild der Depression einhergehen und den Betroffenen nicht selten unterstellen, sie benutzen die Krankheit als Ausrede für Trägheit und fehlende Eigeninitiative.

Dabei "kann Depression jeden treffen. Depressionen treten bei Menschen aller sozialen Schichten, Kulturen und Nationalitäten auf", sagt Professor Dr. med. Göran Hajak. Er ist Chefarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Bamberger Klinikum am Michaelsberg. Allein in Deutschland leide jeder Fünfte einmal in seinem Leben an Depression, erklärt der renommierte Arzt, der das in das Klinikum integrierte "Zentrum für Depressionsbehandlung" zum führenden in Deutschland entwickelt hat. Aus dem ganzen Bundesgebiet suchen Patienten darin Linderung ihres Leidens. Die modernen Behandlungsformen bis hin zu biophysikalischen Therapiemethoden haben sich herumgesprochen.

Bis nach Niedersachsen, von wo aus Martha Kaiser aufbricht, um sich endlich fachgerecht behandeln zu lassen. Denn die Antidepressiva, die ihr der örtliche Psychiater verordnet hatte, führten sie nicht aus dem schwarzen Loch mit den Selbstmordgedanken und dem selbstzerstörerischen Grübeln. Nach eingehender Anamnese konnte ihr Professor Hajak versichern, dass es "sehr gute Heilungschancen gibt". Nicht nur für sie, sondern generell für an Depression erkrankte Menschen. Denn "wir sind heute aufmerksamer, können bessere Diagnosen stellen, so dass die Erkennungsquote recht hoch ist", betont der Chefarzt. Allein in seiner Klinik würden jährlich etwa 1000 Patienten "unabhängig vom Krankenversicherungsstatus" behandelt: "unvoreingenommen wie an Diabetes oder Krebs Erkrankte".



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Martha Kaiser entscheidet sich für einen stationären Aufenthalt und wird nach vier Wochen deutlich stabilisiert wieder in ihre norddeutsche Heimat entlassen. Ein spezielles, maßgeschneidertes Therapieprogramm für Körper und Seele inklusive gezielter Psychopharmaka brachten die Lehrerin wieder so weit auf die Beine, dass sie mit gewonnenem Schwung den Unterricht erneut aufnehmen konnte; wenn auch mit reduzierter Stundenzahl. Die medikamentöse Behandlung und Psychotherapie hatten also angeschlagen. Bei depressionskranken Menschen ist das Übertragungssystem der Nervenzellen im Gehirn gestört oder jedenfalls weniger aktiv. Die Kontaktstellen (Synapsen) der Nervenzellen schütten weniger Botenstoffe aus.

Dadurch werden nicht ausreichend Signale durch die Ausschüttung der Botenstoffe Serotonin, Noradrenalin und Dopamin an das limbische System weitergeleitet, das im Gehirn für die Verarbeitung von Emotionen und Gefühlen zuständig ist. Antidepressiva können das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn wieder herstellen.
Doch letztlich geholfen hat ein neues Therapieverfahren, das Professor Hajak in Deutschland mit aufgebaut hat: die Transkranielle Magnetstimulation (TMS).

Bei diesem Verfahren werden Nervenzellen in der linken Gehirnhälfte durch Magnetfelder stimuliert, die mit Hilfe einer Magnetspule erzeugt werden. Die Impulse - "in Millisekunden ausgelöst", so Hajak - regen die Nervenzellen an, die bei Depressionskranken eben weniger aktiv sind. Professor Hajak versichert, dass es in der Regel keine Nebenwirkungen gebe, Medikamentendosen dadurch ersetzt oder zumindest ergänzt werden können. Die Wirksamkeit der TMS sei in vielen großen internationalen wissenschaftlichen Studien in den letzten Jahren belegt: "Das Verfahren ist evidenzbasiert."

Ein weiteres, seit zwei Jahren erlaubtes Therapieverfahren ist die Elektrokonvulsionstherapie, die bei Patienten mit schwerer Depression eingesetzt wird, wenn sie nicht auf andere Therapieformen angesprochen haben. Auch in dieser Behandlungsmethode ist Hajaks Klinikzentrum deutschlandweit führend.


Eine Art epileptischer Anfall

Im Normalfall besteht die Elektrokrampftherapie aus acht bis zwölf Behandlungen im Abstand von zwei bis drei Tagen. Dabei wird mit Hilfe eines Stromimpulses beim anästhesierten Patienten eine Art epileptischer Anfall ausgelöst. Diese Behandlungsform "regt die Nervenzellen an, eigene Heilsubstanzen zu produzieren und verstärkt antidepressive Botenstoffe im Gehirn auszuschütten, so dass die Synapsen wachsen können", erläutert Hajak. Angst brauche niemand vor dieser Behandlung zu haben, denn "sie ist in der Regel sehr gut verträglich" und sei eigentlich eine "uralte Methode".

"Depression ist keine Bagatelle und benötigt eine professionelle Behandlung", versichert der Chefarzt. Ihm zur Seite steht ein Team aus 45 Ärzten und 25 Psychologen. 220 stationäre Betten nehmen Patienten auf, eine psychiatrische Institutsambulanz kümmert sich um die, die daheim klarkommen. So wie jetzt Martha Kaiser, die ihre Lebensfreude zurückgefunden hat und den nur wenige Monate alten Enkel als "Krückstock" erkennt: "Ich möchte ihn doch aufwachsen sehen!"

Sie kann wieder lächeln. Bei so viel Zukunftsperspektive fährt sie gern in regelmäßigen Abständen nach Bamberg, um weiterhin Professor Hajak in seiner Sprechstunde aufzusuchen.


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