Angst hat Anke Bub nie. "Dann wäre es abrupt vorbei mit den Besuchen - und das wollen sie keinesfalls." Sie, das sind diejenigen im Gefängnis Ebrach, die keinen Kontakt mehr "nach draußen" haben - weil ihre Familie kein Interesse oder die Freundin sie verlassen hat. Um solche Jugendliche kümmert sich Anke Bub. "Ich möchte den jungen Männern die Zuwendung geben, die sie nie bekommen haben."

Sie ist Mitglied bei "Schritt für Schritt". Der Verein organisiert unter anderem Mal- und Kochgruppen, Lesungen oder auch Nachhilfestunden, damit die jugendlichen Gefangenen einen Abschluss machen können. Freizeitgestaltung ist das, und gleichzeitig auch Wiedereingliederungshilfe. Denn "dauerhafte Veränderung" könne es nur über "Beziehungen zu anderen Menschen geben", so der Verein.

Viermal die Woche gibt Anke Bub Nachhilfe, und fährt dafür jedes Mal aus Würzburg nach Ebrach. Zusätzlich besucht sie alle zwei bis drei Wochen einen Gefangenen - und hört zu. "Viele von ihnen hatten eine schreckliche Kindheit, sind ohne Liebe aufgewachsen", sagt die pensionierte Grundschullehrerin. Deshalb seien sie besonders dankbar, wenn sich ihnen jemand zuwende: "Es ist schön, wenn man merkt, dass sie sich als Person wahrgenommen fühlen."

Was ein Jugendlicher verbrochen hat, muss Anke Bub nicht unbedingt wissen. "Er hat etwas getan, das ist eine Tatsache." Verbrechen und Besuch trennt sie aber. "Wenn man die Tat immer im Hinterkopf hat, kann man nicht entspannt miteinander umgehen." Und dann habe niemand etwas davon.

Die Welt neu entdecken


Besonders berührt es sie, mit Gefangenen kurz vor ihrer Freilassung nach draußen zu gehen. Sie müssten die Welt neu entdecken, denn viele Geräusche oder Gerüche gebe es im Gefängnis gar nicht. "Es ist bewegend, dass so einfache Dinge plötzlich so wertvoll werden." Fünf Jugendliche hat sie seit 2004 in die Freiheit begleitet. "Ängstlich" waren sie alle und "vorsichtig". Was sie mit Anke Bub unternehmen wollen, dürfen sich die Jugendlichen selbst aussuchen. Meist seien das eher einfache Wünsche: Ins Kino gehen. Oder gemeinsam ins Restaurant.

Auch Hanne Mausfeld sagt, dass die jugendlichen Gefangenen häufig kleinbürgerliche Ideale hätten, vor allem eine "liebe, gute Frau". Die müsse nicht unbedingt schön sein, dafür aber nett und offen. Die Studentinnen der Uni Bamberg, mit denen Hanne Mausfeld Seminare in kreativem Schreiben gestaltet, würden deshalb "verehrt." Und bekämen meist die "Unschuldig-im-Knast-Story" zu hören. Sie selbst sei ein Mittelding zwischen Respektsperson und Mutterersatz. Deshalb wisse sie öfter, weshalb die Jugendlichen im Gefängnis seien.
Wenn sich die Gruppe trifft, lesen sie sich Texte oder Gedichte vor. "Rilke finden die toll", sagt Hanne Mausfeld.

Aber sie schreiben auch selbst. Etwa über "Zeichen und Wunder", den Tod oder das Verhältnis zu den Eltern. Einmal sollten die Gefangenen einen Brief an ihre Mutter schreiben. Hanne Mausfeld hat auch andere Schreibgruppen "draußen" und sie sagt: "Die Briefe ähnelten sich." Für ihre Schreibgruppe interessieren sich vor allem Gefangene mit Migrationshintergrund. "Wir haben Türken, aber auch Franzosen, Weißrussen und einen Armenier." Das Projekt läuft mittlerweile seit fünf Jahren. Hanne Mausfeld will so das zurück geben, "was ich von der Gesellschaft bekommen habe".

"Nie eine Chance bekommen"


Doch wenn sie sieht, wie Jugendliche mit Migrationshintergrund von der Gesellschaft behandelt werden, wird sie oft wütend. Sie hätten nie eine Chance bekommen, seien oft "schon als Sieben- oder Achtjährige diskriminiert worden". Und würden es noch. "Es ist schwer, wenn man denkt: Er ist begabt und hätte die Chance zu studieren - und dann wird er abgeschoben."

Türkische Jugendliche sind auch die Zielgruppe von Mehmet Cetindere, dem Vorsitzenden des türkisch-islamischen Kulturvereins Bamberg. Seit 1985 kommt er mit wechselnden Imamen ins Gefängnis, um die Jugendlichen an den Islam heranzuführen. Denn er sagt: "Wären sie religiös, wären sie nicht hier." Straffällige türkische Jugendliche würden schnell zu Terroristen abgestempelt, dabei fehle ihnen im Gegenteil die Religion als korrigierende Kraft.

Aber auch bei Mehmet Cetindere und Imam Ihsan Ucar geht es nicht nur ums Beten. Jede Woche dürfen sich die Jugendlichen einen Film aussuchen, den sie gemeinsam anschauen. Meist seien das türkische Komödien-Klassiker. Dazu bringt Mehmet Cetindere türkisches Gebäck mit. Außer am Ramadan, der nächste Woche beginnt - dann wollen die meisten der rund 20 Jugendlichen, die zum Treffen kommen, fasten.

So unterschiedlich ihre Aufgaben, in einem sind sich Anke Bub, Hanne Mausfeld und Mehmet Cetindere einig: Es geht bei ihrer Arbeit um Zuwendung auf Zeit. Wir sind das "Fenster zur Freiheit" sagt Anke Bub. Sind die Jugendlichen wieder draußen, "vergessen sie, dass sie hier waren", sagt Mehmet Cetindere. Und damit auch das Fenster. Aber - auch da sind sich die Drei einig - das sei ja auch verständlich.