Dokumentarfilm

"Blut muss fließen - Undercover unter Nazis" auf Tour

Regisseur Peter Ohlendorf ist mit "Blut muss fließen - Undercover unter Nazis" unterwegs. Das Desinteresse der öffentlich-rechtlichen Sender an seinem bei der Berlinale 2012 gezeigten Film nennt er "skandalös".
Ein Neonazi, den der Undercover-Reporter Thomas Kuban mit versteckter Kamera aufnahm. Gesichter und offensichtlich verfassungswidrige Symbole wurden hier verfremdet. Foto: Archiv
 
von RUDOLF GÖRTLER
Es ist immer das Gleiche. Irgendwo in der Provinz treffen sich Neonazis zu Konzerten ihrer Bands, die widerwärtige Texte grölen, z.B. "Blut muss fließen knüppelhageldick, wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik ...". Die Einheimischen sind mehr oder minder gleichgültig bzw. wissen gar nicht, was sich abspielt. Polizei und Staatsschutz sind präsent, greifen jedoch zunächst nicht ein. Irgendwann bekommen Antifa-Gruppen Wind davon und machen den Skandal öffentlich. Mehr oder minder notgedrungen formiert sich Widerstand, der zum Erfolg führen kann, aber nicht muss. So etwa geschehen vor einigen Jahren im mittelfränkischen Gremsdorf, wo sich in einem Saalbau Nazis, aber auch zunächst unpolitisch scheinende Fans spezieller Heavy-Metal-Gruppen trafen.

Beileibe kein Einzelfall. Das sagt Peter Ohlendorf. Der Dokumentarfilmer ist zurzeit in ganz Deutschland unterwegs, um mit den Zuschauern seines Films "Blut muss fließen - Undercover unter Nazis" zu diskutieren. Bei der Visite in Bamberg wurde er begleitet von der Bayreuther Abgeordneten Ulrike Gote, Grünen-Geschäftsführerin im Bayerischen Landtag, die einschlägige Umtriebe in Oberfranken beobachtet und auch schon mehrere diesbezügliche Anfragen ans bayerische Innenministerium gerichtet hat.

Ebersdorf bei Coburg, Schwarzach bei Mainleus, Oberprex bei Regnitzlosau - Treffpunkte von Neonazis nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Tschechien oder Ungarn; sie operieren mittlerweile grenzüberschreitend. Rekrutierungsmethode Nummer eins: die Musik. Das heißt Rechtsrock mit simpelsten musikalischen Mustern und Hass-Texten, siehe Zitat. Eine Jugendszene mit laut Verfassungsschutz rund 170 Bands und vielen Anhängern, mit Plattenlabels und Fanartikeln. Das Netzwerk "Blood & Honour" verknüpft diese Szene. In Deutschland ist es verboten worden und unter dem Namen "Division 28" wiederauferstanden.

Der Journalist mit dem Decknamen Thomas Kuban hat 15 Jahre lang als eine Art verdeckter Ermittler Rechtsrock-Konzerte besucht und heimlich Fotos und Filmaufnahmen gemacht. Er hat Erschreckendes zu Tage gefördert: umhertorkelnde tätowierte Gestalten, Hass-Texte grölend, die Hand zum Hitlergruß erhoben. Aber auch Polizisten, die nicht einschritten beim "Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen", wie es im Juristendeutsch heißt, oder angeblich nicht verstanden, was auf der Bühne gesungen wurde. Kuban hat ein Buch daraus gemacht mit dem Titel "Blut muss fließen".


Eigene Firma

So heißt auch der Dokumentarfilm Peter Ohlendorfs und seines kleinen Teams. Der 1952 geborene Regisseur, gemeinhin zur "Freiburger Dokumentarfilmszene" gerechnet, arbeitete für Rundfunk und Fernsehen. Aus Frustration über die zunehmend restriktive Haltung der Redaktionen dort gründete der nach Selbsteinschätzung "politische Filmemacher" eine eigene kleine Produktionsfirma, "FilmFaktum". Das Desinteresse der öffentlich-rechtlichen Sender an seinem bei der Berlinale 2012 gezeigten Film "Blut muss fließen" nennt er "skandalös". Einzig mit dem MDR ist er überhaupt bis zum Verhandlungsstadium gekommen. Ohlendorf beharrt aber darauf, dass der Film nicht im Spätprogramm versteckt wird ("keine Alibiveranstaltung"). Auch der eigentlich für derlei prädestinierte Sender arte zeigte die kalte Schulter. Ohlendorf träumt von vergangenen Zeiten, als in den 1960er- Jahren eine "Stuttgarter Schule" des Dokumentarfilms epochale Werke schuf.

Immerhin hat FilmFaktum 200.000 Euro vorfinanziert, die mühsam wieder eingespielt werden müssen. Von Kubans 100 Stunden Material verwendete Ohlendorf ca. 30 Minuten, begleitete den Undercover-Journalisten zu den Spielorten auch im Ausland und z.B. zu einer Pressekonferenz mit dem früheren bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein. Ernüchterndes Fazit: Erst nach den NSU-Morden begannen die Staatsorgane die Rechtsrock-Szene ernster zu nehmen.

Denn die ist aus Sicht der Rechtsextremen ideal, um neue Anhänger zu gewinnen. "Die Unterschiede verwischen", klagen Ohlendorf und Gote, Teile der Gothic-, Mittelalter- und Heavy-Metal-Szene verbreiten rechtsradikales Gedankengut, in manchen Kneipen säßen Punks neben Nazi-Skins. In Ungarn heißt Nazi-Musik "Ethno-Rock", in Italien "Rock identitario". Das hätten sich mit den friedlichen Hippie-Bands der 1970er-Jahre sozialisierte Rockfans nicht träumen lassen.

"Blut muss fließen" ist zu sehen am 13. März in Nürnberg, am 14. in Karlstadt und Würzburg. Näheres unter www.filmfaktum.de.
Newsletter kostenlos abonnieren
Ein neues Posting hinzufügen

Titel:


Text:

noch Zeichen


 
 

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!
Wenn Sie bereits bei uns registriert sind, können Sie einfach Ihre Login-Daten eingeben und den Beitrag abschicken.
Wenn Sie noch keinen eigenen Account haben, füllen Sie bitte die notwendigen Daten für eine Registrierung aus.
Sie werden dann automatisch eingeloggt und ihr Beitrag wird gespeichert.

Benutzername  
Passwort