Bamberg
Hegelwoche

Bamberger Hegelwoche starten mit furioser Rede

Zum Auftakt der 26. Ausgabe feiert der Philologe Wilfried Stroh die freie Rede als edelste Form gesellschaftlicher Kommunikation. Für die Fähigkeiten heutiger Eliten hat er eher Spott übrig.
Artikel einbetten
Wilfried Stroh bei seiner Rede im Bamberger Hegelsaal Fotos: Ronald Rinklef
Wilfried Stroh bei seiner Rede im Bamberger Hegelsaal Fotos: Ronald Rinklef
+8 Bilder
Keine einzige Rede hat sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt, kein beschwörender Satz, noch nicht einmal ein raffiniertes Sprachbild. Was vom G7-Gipfel auf Schloss Elmau bleiben wird, sind Bilder: sieben Weltenlenker vor prächtiger Bergkulisse, Barack Obama mit einem Weißbier in der Hand, vor allem aber jenes Bild, das am Dienstag die Titelseiten in der ganzen Welt zierte: Obama entspannt sitzend auf einer Bank, vor ihm Angela Merkel stehend, gestikulierend.

Nur Kinder und Toren können glauben, dass es sich dabei um einen glücklichen Schnappschuss einer zufällig entstandenen Situation gehandelt hat. Das Bild sollte eine bestimmte Botschaft transportieren und ist deshalb inszeniert bis ins letzte Detail: NSA-Affäre hin, abgehörtes Kanzlerinnen-Handy her, so geht die Botschaft - Deutschland und die USA hören einander zu, respektieren und verstehen sich.

Obama weiß es besser
In der politischen Kommunikation wirken Bilder heute um ein Vielfaches stärker als die Sprache. Dass das wahrscheinlich niemand besser weiß als Obama selbst, der als Wahlkämpfer noch mit seiner "Yes, we can"-Rhetorik die halbe Welt um den Finger gewickelt hat, ist eine der Paradoxien, auf die am Dienstagabend Wilfried Stroh sein Publikum im Bamberger Hegel-Saal aufmerksam gemacht hat.



Am Eröffnungsabend der 26. Bamberger Hegelwoche versuchte sich Stroh an nichts Geringerem als an der Ehrenrettung der Rhetorik. Einen besseren Anwalt für die Kunst der öffentlichen Rede als den emeritierten Philologen aus dem Schwäbischen hätte der Bamberger Philosophie-Professor Christian Illies gar nicht finden können.

Lauter Sprechautomaten
Bis über beiden Ohren verliebt ist Stroh in die Fülle der Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache. Seine Thesen entwickelt er mit heiserer, immer ein wenig hüpfender Stimme. Elegant wechselte er zwischen Deutsch, Französisch und Latein, zwischen und laut und leise, Anekdote und Lehrsatz.

Das Vergnügen des Publikums daran war hoch, und nicht minder groß war Strohs Genuss an sich selbst und seinen Fähigkeiten. Stroh, das ist der unwahrscheinliche Fall eines brillanten Universalgelehrten und Pädagogen.

Sein Zugriff auf das Wesen der Rhetorik war naturgemäß nostalgisch. Wo die Gegenwart eine rhetorisch schmuck- und ambitionslose Kanzlerin oder der als EZB-Chef getarnte Sprechautomat Mario Draghi ist, müssen sich Sprachliebhaber wie er nun einmal mit Aristoteles und Cicero über die Tristesse des Bestehenden hinwegtrösten.

Es ist unstrittig, das moderne Gesellschaften sich seltener im Modus der freien und argumentativen Rede darüber verständigen, wer sie sind und wer sie sein möchten. Strohs leise Trauer darüber besitzt einen ernsten Kern. Denn der Austausch von Argumenten und Absichten in Rede und Gegenrede geht für Stroh immer auch mit Erkenntnis- und Reflexionsgewinnen einher.
Eine sprachlose, nur noch plappernde oder ihre Absichten hinter hölzernen Phrasen versteckende Gesellschaft aber wird dümmer.

Sprachliche Verführung
Die Begeisterung Strohs für die Kunst des Sprechens wäre aber bloße Behauptung geblieben, wenn nicht auch sein Vortrag selbst ein Kunstwerk sprachlicher Verführung gewesen wäre.

Im Überfluss besaß seine Rede, was Aristoteles als die drei wirksamsten Mittel der sprachlichen Überzeugung nannte: einen glaubwürdigen Charakter des Redners, gute Argumente und der Zugang zu den Emotionen des Publikums. Einem klugen Kopf auf der Bühne beim Entwickeln kluger Gedanken zu beobachten, und sich selbst beim Mitdenken - das ist ein Vergnügen, das einem die Bamberger Hegelwoche auch am Dienstag wieder geschenkt hat.

Die Sache mit der Lügenpresse
Noch bis Donnerstag will die Veranstaltung das Feld der Manipulation vermessen. Das Wort hat einen schlechteren Beiklang, als es dies verdient hätte. Denn schon wer seinen Gegenüber in kunstvoller Rede von den eigenen Absichten und Argumenten überzeugt, macht sich im Wortsinn der Manipulation schuldig.

Diese etwas überzogene Lesart erklärt wahrscheinlich auch, weshalb ihre rhetorische Selbstbescheidung Angela Merkel sogar nützt. Sie gilt als Ausweis ihrer Glaubwürdigkeit und Bodenhaftung. Vom vielleicht letzten großen Rhetoriker im Bundestag, Karl-Theodor zu Guttenberg, durfte sich das Publikum am Ende dagegen vielleicht nicht einmal zu Unrecht geblendet - und ja, eben manipuliert fühlen.

In seiner Eröffnungsrede gab Walter Schweinsberg, Geschäftsführer der als Mitveranstalter auftretenden Mediengruppe Oberfranken, seinem Unbehagen darüber Ausdruck, dass vermehrt auch Journalisten und Redaktionen der Manipulation geziehen werden.

Wilfried Stroh dürfte das Wort von der "Lügenpresse" wohl nicht überrascht haben. Mit seinem Vortrag im Hinterkopf lässt sich die Konjunktur des Begriffs als Symptom einer in Untergruppen fragmentierten Gesellschaft deuten; dort aber wollen Menschen einander gar nicht mehr überzeugen, sondern lieber im Ton der Häme und Niedertracht übereinander herziehen.
 
Verwandte Artikel
1 Kommentar
Sie sind nicht angemeldet.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentieren zu können!
registrieren