Bamberg
NS-Kunst

Bamberg streitet um Bilder aus der NS-Zeit im Rathaus

Dürfen Bilder eines in der Nazi-Zeit hoch dekorierten Malers im Sitzungssaal im Rathaus hängen bleiben? Die jahrzehntelange Debatte darüber sollte jetzt im Kultursenat mit einer erklärenden Schautafel befriedet werden. Doch es gibt Einspruch.
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Seit Jahren Stein des Anstoßes im Großen Sitzungssaal im Rathaus Maxplatz: Sollen die 1937 im Auftrag gefertigten Stadtansichten von Fritz Bayerlein abgehängt werden?  Foto: p.
Seit Jahren Stein des Anstoßes im Großen Sitzungssaal im Rathaus Maxplatz: Sollen die 1937 im Auftrag gefertigten Stadtansichten von Fritz Bayerlein abgehängt werden? Foto: p.
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Es sind Bilder wie aus einer besseren Zeit. Keine unpassenden Neubauten, keine Blechmassen stören die Ansichten auf Bamberg - eine wunderschöne Stadt, die sich kirchturmbekrönt an die Talhänge schmiegt.

Leider war es keine bessere Zeit, als die beiden Bilder entstanden, ganz im Gegenteil. Die großen Landschaftsgemälde von Fritz Bayerlein, die seit Jahrzehnten im Rathaus Maxplatz hängen, sind eher ein Gruß aus der Hölle. Sie stammen aus der dunkelsten Epoche des Landes und wurden 1937 für das Bamberger Rathaus gemalt und angekauft - unter dem damaligen NSDAP-Oberbürgermeister und Kreisleiter Lorenz Zahneisen - ein Jahr vor der Zerstörung der Jüdischen Synagoge im Novemberpogrom.


Jahrzehntelange Debatte um Kunst aus dem Dritten Reich

Es ist diese Entstehungsgeschichte, die erklärt, dass auf den ersten Blick harmlose Landschaftsbilder Bamberg nun schon seit Jahrzehnten eine Debatte um Kunst aus dem Dritten Reich bescheren. Die Frage, die sich stellt, ist einfach: Müssen diese Bilder, unter denen heute der demokratisch gewählte Stadtrat tagt, abgehängt werden, weil ihr Schöpfer in der NS-Zeit ein hoch dekorierter Künstler war? Spiegelt sich in seinen Werken die Nazi-Ideologie wider?

Dazu muss man wissen: Der gebürtige Bamberger Friedrich Bayerlein (1872 bis 1955) war von 1937 bis 1944 regelmäßig auf der Großen Deutschen Kunstausstellung vertreten, die den regimekonformen Geschmack bediente. 1939 wurde er an Hitlers Geburtstag zum Professor ernannt. In Bamberg erinnert im Berggebiet ein Weg an Bayerlein.

Bambergs Kulturreferent Bürgermeister Christian Lange (CSU) glaubt nicht, dass die Bilder abgehängt, sondern dass sie erklärt werden müssen. Deshalb hat er im Kultursenat einen neuen Anlauf genommen, den Kunststreit zu befrieden. Der vorgeschlagene Text einer Schautafel lässt auch die Kernfragen nicht aus, um die es geht, stellt sie freilich sehr vorsichtig und ohne eine Antwort zu geben: "Was aber bedeutet es heute, wenn der Sitzungssaal immer noch von Gemälden geziert wird, die während des Nationalsozialismus entstanden sind? Ist das NS-Kunst? Zumal, wenn dem Künstler unterstellt wird, Anhänger des Hitler-Regimes gewesen zu sein", heißt es da unter anderem.

Die Erklärung fand eine große Mehrheit im Kultursenat, ebenso wurde die Idee begrüßt, die Rolle von Bayerlein in einem wissenschaftlichen Kolloquium samt Ausstellung zu beleuchten - freilich vorerst ohne Aussicht auf konkrete Umsetzung.


Wolfgang Grader: Bayerleins Werke aus dem Sitzungssaal entfernen

Die Debatte wird Bamberg also noch eine Weile beschäftigen. Das glauben nicht zuletzt die Grünen, denen dem Beschluss die aus ihrer Sicht nötige kritische Betrachtung und die wissenschaftliche Bearbeitung fehlt. "Der Text ist windelweich", sagt Wolfgang Grader. Seine Empfehlung geht über das Erklären durch eine Schautafel hinaus: Man sollte Bayerleins Werke aus dem Sitzungssaal entfernen und in einer Ausstellung zeigen.

Auch Heinrich Schwimmbeck, Stadtrat der Bamberger Linken Liste, kann dem Beschluss im Kultursenat wenig Gutes abgewinnen. "Der Stadtrat blamiert sich total", sagt Schwimmbeck, der die aus dem Jahr 1955 stammenden Lebenserinnerungen Bayerleins ausgewertet hat. Es sei ja wohl offensichtlich, dass Bayerlein ein Nazi war. In den Lebenserinnerungen finden sich laut Schwimmbeck einschlägige Zitate über seine Gesinnung zum Judentum, ebenso abfällige Äußerungen über die so genannte entartete Kunst und die Entnazifizierung, die ihn nicht zum Demokraten gemacht habe. Zitat: "Da nahm sich ein junger Graf Arco den Mut und knallte mit einem wohlgezielten Schuß den alten Juden nieder." So beschreibt Bayerlein die Ermordung von Kurt Eisner im Februar 1919.

Auch die vermeintliche Schönheit der Bilder gilt bei Kennern der Materie nicht als Entschuldigung. "Man kann nicht trennen zwischen dem Werk und dem Kontext, unter dem es entstand und den Absichten, die damit verbunden waren", sagt etwa Friedolin Kleuderlein, früherer Kunstlehrer, den der Umgang mit den Bayerlein-Werken seit Jahren umtreibt. Für Kleuderlein und Schwimmbeck sind die Landschaftsgemälde im Rathaus geprägt von der NS-Ideologie, die auch durch Bilder vom heimischen Boden, von Bauerntum und romantischer Natur verbreitet werden sollte und die die "Landnahme" im Osten künstlerisch rechtfertigen sollte. Darauf deute auch die Rolle Bayerleins als einer jener Maler hin, der beauftragt wurde Hitlers Autobahnbau in Bildern festzuhalten.

Im Bamberger Stadtrat ist man einstweilen froh, wenigstens einen Einstieg in eine schwierige Debatte gefunden zu haben. "Es ist richtig, dass jetzt wissenschaftlich geklärt werden soll, welche Rolle Bayerlein spielt", sagt SPD-Fraktionschef Klaus Stieringer. Einen Einfluss durch diese Bilder auf die Stadtratstätigkeit müsse im Übrigen nicht befürchtet werden.

Bei seinem Kollegen Helmut Müller (CSU) ist dies im positiven Sinne anders. Müller betont, dass es in der Hektik der Sitzungen häufig eine Wohltat sei, auf die schönen Bamberg-Bilder Bayerleins zu blicken. Einen nationalsozialistischen Inhalt könne er nicht entdecken. Müller mag die Bilder. Soll man sie abhängen? "Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis."
 
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